Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Konkurrenz fördert die Qualität der medizinischen Versorgung

30.09.2014

Internationale Tagung zum Wettbewerb in Krankenhausmärkten an der Universität Bayreuth.

In allen westlichen Industrieländern wirkt sich der zunehmend harte Wettbewerb im Gesundheitswesen auf die Krankenhausmärkte aus. Um Kosten zu senken und das eigene Profil zu schärfen, haben sich insbesondere auch in Deutschland zahlreiche Kliniken zu übergeordneten Versorgungseinheiten zusammengeschlossen oder organisatorisch verzahnt. Diese Entwicklung hat den Wettbewerb vor allem in ländlichen Regionen zunehmend geschwächt.


Prof. Dr. Andreas Schmid, Juniorprofessor für Gesundheitsmanagement, Universität Bayreuth.

Foto: Universität Bayreuth; mit Quellenangabe zur Veröffentlichung frei

Hier setzte eine internationale Tagung an, die in der vergangenen Woche auf dem Bayreuther Universitätscampus in Kooperation mit der Erasmus-Universität Rotterdam stattfand. Fachleute aus den Niederlanden, England und Deutschland gingen der Frage nach, inwiefern der Wettbewerb zwischen Krankenhäusern die Qualität der medizinischen Versorgung fördert und daher geschützt werden muss.

„Eine zentrale Schlussfolgerung lautete: ‚better safe than sorry‘“, berichtet Prof. Dr. Andreas Schmid, der Leiter der Konferenz. „Einmal geschaffene konzentrierte Marktstrukturen lassen sich kaum wieder auflösen. Deshalb empfiehlt es sich, vorausschauend lieber vorsichtig zu agieren, statt rückblickend festzustellen zu müssen, dass doch zu viele Fusionen gestattet wurden.“

Die Konferenz, die Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis zusammenführte, war vom Forschungsbereich Gesundheitsökonomie an der Universität Bayreuth organisiert worden. Die Fritz Thyssen Stiftung ermöglichte dieses Treffen mit einer großzügigen Förderung.

Qualitätssicherung durch Wettbewerb

Nur wenn Krankenhäuser auf dem Markt miteinander konkurrieren, gibt es eine freie Auswahl zwischen verschiedenen, voneinander unabhängigen Anbietern medizinischer Leistungen. Sheldon Mills, Senior Director der Competition and Markets Authority in England, betont: „Wer mit dem Angebot des nächstgelegenen Krankenhauses nicht zufrieden ist, soll auf alternative Optionen ausweichen können.“

Denn steigt die Anzahl der Patientinnen und Patienten, die dem lokalen Krankenhaus aus derartigen Gründen fernbleiben, erhöht sich dort der Druck, die Qualität zu verbessern. Fehlen aber Alternativen, verfestigen sich konzentrierte Krankenhausmärkte, in denen der verbleibende Anbieter seine Marktmacht zu Lasten einer qualitativ hochwertigen Versorgung ausnutzen kann.

„Besonders groß sind die Herausforderungen in ländlichen Regionen“, berichtet Prof. Schmid. Einerseits werde gerade bei komplexen Operationen das Fehlerrisiko dadurch minimiert, dass die behandelnden Ärzte möglichst viel Erfahrung mitbringen, was für eine stärkere Zentralisierung medizinischer Leistungen spricht. Andererseits verlängere dies die Wegstrecken, die von Patientinnen und Patienten zurückgelegt werden müssen; der Wettbewerb werde dadurch beeinträchtigt. „In England und in den Niederlanden versucht man deshalb in solchen Fällen, den fehlenden qualitätssichernden Wettbewerb durch staatliche Aufsicht auszugleichen“, so Prof. Schmid.

„Es wurden deshalb Aufsichtsbehörden geschaffen, die umfangreiche Kontrollaufgaben bei denjenigen Krankenhäusern ausüben, die in ihrem Markt keinen ausreichenden Wettbewerbsanreizen ausgesetzt sind. Nutzen Krankenhäuser ihre Marktmacht aus, haben die Aufsichtsbehörden weitreichende Eingriffsrechte in den Betrieb des Krankenhauses. Derartige regulatorische Eingriffe sollte man jedoch möglichst gering halten und besser versuchen, durch andere Maßnahmen – die beispielsweise an der Mobilität der Patientinnen und Patienten ansetzen – die Situation zu verbessern.“

Herausforderungen bei der Fusionskontrolle

Vor diesem Hintergrund war die Fusionskontrolle eine zentrales Thema der Bayreuther Konferenz. Wollen sich Krankenhäuser zusammenschließen, sind sie – ab einer bestimmten Größe – gesetzlich dazu verpflichtet, die Erlaubnis der zuständigen Aufsichtsbehörden einzuholen. Hochrangige Mitglieder des Bundeskartellamtes sowie der entsprechenden Behörden aus England und den Niederlanden gaben Einblicke in die Probleme, die mit der Beurteilung derartiger Fusionsvorhaben verbunden sind. So wird derzeit in den Niederlanden darüber diskutiert, wie der geographische Markt korrekt abzugrenzen ist. Damit geht die Frage einher, wie viele Kilometer Patienten zurückzulegen bereit sind, um eine Krankenhausbehandlung in Anspruch zu nehmen.

Ähnlich schwierig ist die Frage zu beantworten, wie der Produktmarkt zu definieren ist. Konkurrieren Krankenhäuser als solche miteinander? Oder muss man vielmehr – wie es in England üblich ist – zwischen unterschiedlichen Leistungen differenzieren, also beispielsweise davon ausgehen, dass es separate Märkte für Herz- oder Knieoperationen gibt? Die Fachleute aus England schilderten, wie aufwändig die dort erfolgende Produktmarktdifferenzierung im Einzelfall werden kann. Ausführliche Gespräche mit den beteiligten Unternehmen und umfassende Auswertungen der Diagnosestatistiken können mehrere Monate in Anspruch nehmen, was eine rasche Entscheidung über Fusionsvorhaben behindert.

In den kommenden Jahren ist eine weitere Konferenz zum Wettbewerb in Krankenhausmärkten geplant, die den Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis weiter vertiefen soll.

Kontakt:

Prof. Dr. Andreas Schmid
JP Gesundheitsmanagement
Rechts- und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät
Universität Bayreuth
D-95440 Bayreuth
Tel.: +49 (0)921 55-6301
E-Mail: andreas.schmid@uni-bayreuth.de

Zur Person:

Prof. Dr. Andreas Schmid ist Juniorprofessor für Gesundheitsmanagement an der Universität Bayreuth. Nach seinem Studium der Gesundheitsökonomie mit längeren Auslandsaufenthal ten in den USA (University of North Carolina in Chapel Hill) und England (Leeds Teaching Hospitals NHS Trust) folgte die Promotion zu Konsolidierungs- und Konzentrationsprozessen im Krankenhaussektor. Sein primäres Forschungsinteresse gilt Krankenhausmärkten sowie der Koordination und Kooperation von Leistungserbringern.

Christian Wißler | Universität Bayreuth

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Veranstaltungsnachrichten:

nachricht Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel
02.12.2016 | Münchner Kreis

nachricht Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen
01.12.2016 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Veranstaltungsnachrichten >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Im Focus: Neuer Sensor: Was im Inneren von Schneelawinen vor sich geht

Ein neuer Radarsensor erlaubt Einblicke in die inneren Vorgänge von Schneelawinen. Entwickelt haben ihn Ingenieure der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Christoph Baer und Timo Jaeschke gemeinsam mit Kollegen aus Innsbruck und Davos. Das Messsystem ist bereits an einem Testhang im Wallis installiert, wo das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Winter 2016/17 Messungen damit durchführen möchte.

Die erhobenen Daten sollen in Simulationen einfließen, die das komplexe Geschehen im Inneren von Lawinen detailliert nachbilden. „Was genau passiert, wenn sich...

Im Focus: Neuer Rekord an BESSY II: 10 Millionen Ionen erstmals bis auf 7,4 Kelvin gekühlt

Magnetische Grundzustände von Nickel2-Ionen spektroskopisch ermittelt

Ein internationales Team aus Deutschland, Schweden und Japan hat einen neuen Temperaturrekord für sogenannte Quadrupol-Ionenfallen erreicht, in denen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

Die Perspektiven der Genom-Editierung in der Landwirtschaft

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Parkinson-Krankheit und Dystonien: DFG-Forschergruppe eingerichtet

02.12.2016 | Förderungen Preise

Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave

02.12.2016 | Studien Analysen

Nach der Befruchtung übernimmt die Eizelle die Führungsrolle

02.12.2016 | Biowissenschaften Chemie