Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Nach Scham und Wut - Dürfen die Deutschen wieder stolz sein?

24.09.2007
Ost-West-Tagung der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung am 28./29.9. an der Universität Jena

Die Fußball-Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr versetzte ganz Deutschland in einen Freudentaumel. Selbst Menschen, die ansonsten wenig mit Sport verbindet, konnten sich dem nicht entziehen. Stolz war das dominierende Gefühl quer durch alle sozialen Schichten und Altersgruppen, in Ost wie in West.

"Das war kein Zufall, sondern Symptom dafür, dass sich die Deutschen inzwischen auch wieder so ein Gefühl wie Nationalstolz leisten", sagt Prof. Dr. Dr. Dr. h. c. Günter Jerouschek. Vorher sei das durch die besondere deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert verpönt und für einige auch jetzt unheimlich gewesen, betont der Rechtswissenschaftler der Friedrich-Schiller-Universität Jena und praktizierende Psychoanalytiker. Diese wiedergewonnene patriotische Normalität sei vor allem in der jüngeren Generation zu beobachten, die "scheinbar nichts mehr mit der deutschen Unrechtsgeschichte zu tun hat". Die auf den ersten Blick unpolitische WM sei insofern das richtige Ereignis zum richtigen Zeitpunkt gewesen, bekräftigt er.

Wie sich dieser neue Stolz einer ganzen Nation zu Scham und Wut verhält, die nach der deutschen Wiedervereinigung auf beiden Seiten um sich griffen und viele Menschen bis heute krank machen, wollen Psychotherapeuten auf der diesjährigen Ost-West-Tagung der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV) diskutieren. Dazu werden am 28. und 29. September rund 80 Experten an der Jenaer Universität erwartet. Sie setzen sich unter dem Motto "Scham - Wut - Stolz" unter anderem mit RAF und Stasi in Rückblicken von 68ern aus Ost und West auseinander, thematisieren den Konflikt Heranwachsender zwischen Selbstdarstellungsdrang und Beschämungsangst und debattieren "Über die Wut, ein Ostdeutscher zu sein".

... mehr zu:
»Nationalstolz

Anliegen der 1993 initiierten, jährlichen Ost-West-Tagung ist es, den Vereinigungsprozess zu begleiten und daraus erwachsende Themen zu diskutieren. Wider Erwarten hätten sich diese auch 17 Jahre nach dem Mauerfall nicht erledigt, nicht zuletzt deshalb, weil immer noch unterschiedliche Strukturen der Sozialisation vorhanden seien, macht Prof. Jerouschek deutlich. "Diese Unterschiede werden uns latent noch lange Jahre erhalten bleiben", ist er sicher.

Die Ost-West-Tagung diskutiere oftmals Themen, "die erst später gesellschaftlich relevant werden, sich aber bei unseren Patienten schon abzeichnen". Die Scham etwa als jenes Gefühl, mit dem viele Ostdeutsche "ihre Befindlichkeit dem Westen gegenüber erleben". Doch auch die im Westen vorherrschende Indifferenz bis hin zur Ignoranz basiere auf "abgewehrten Schamaffekten angesichts der Bevorzugung durch das Nachkriegsschicksal", meint der Experte. Dennoch halte man den Ostdeutschen Undankbarkeit und Unbescheidenheit vor, was wiederum diese beschäme.

"Wenn ich aber über ein gewisses Maß hinaus beschämt und damit entwertet werde, entwickle ich Wut." Sie sei stark von der eigenen Realitätssicht und der Frustrationstoleranz abhängig, könne aber mit Kontrollverlust und Affekthandlungen einhergehen. "Andererseits macht es mich stolz, wenn ich jemanden beschämen kann", veranschaulicht Prof. Jerouschek den Zusammenhang. Hinsichtlich des Nationalstolzes müsse es das Ziel sein, ihn in einem solchen Maß zu entwickeln, dass sich andere nicht verletzt fühlten.

Kontakt:
Prof. Dr. Dr. Dr. h. c. Günter Jerouschek
Rechtswissenschaftliche Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Carl-Zeiß-Straße 3, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 942310
E-Mail: g.jerouschek[at]recht.uni-jena.de

Uschi Lenk | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-jena.de

Weitere Berichte zu: Nationalstolz

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Veranstaltungsnachrichten:

nachricht Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW
08.12.2016 | Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde

nachricht NRW Nano-Konferenz in Münster
07.12.2016 | Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung NRW

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Veranstaltungsnachrichten >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Rätsel um Mott-Isolatoren gelöst

Universelles Verhalten am Mott-Metall-Isolator-Übergang aufgedeckt

Die Ursache für den 1937 von Sir Nevill Francis Mott vorhergesagten Metall-Isolator-Übergang basiert auf der gegenseitigen Abstoßung der gleichnamig geladenen...

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Im Focus: Significantly more productivity in USP lasers

In recent years, lasers with ultrashort pulses (USP) down to the femtosecond range have become established on an industrial scale. They could advance some applications with the much-lauded “cold ablation” – if that meant they would then achieve more throughput. A new generation of process engineering that will address this issue in particular will be discussed at the “4th UKP Workshop – Ultrafast Laser Technology” in April 2017.

Even back in the 1990s, scientists were comparing materials processing with nanosecond, picosecond and femtosesecond pulses. The result was surprising:...

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW

08.12.2016 | Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Einzelne Proteine bei der Arbeit beobachten

08.12.2016 | Biowissenschaften Chemie

Intelligente Filter für innovative Leichtbaukonstruktionen

08.12.2016 | Messenachrichten

Seminar: Ströme und Spannungen bedarfsgerecht schalten!

08.12.2016 | Seminare Workshops