Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Studie zu Nachhaltigkeitsfonds

27.02.2015

Für Anleger nicht immer transparent

Geldanlagen nach ökologischen, sozialen und ethischen Gesichtspunkten sind in Deutschland zunehmend auf dem Vormarsch. Beinahe jede Bank und Sparkasse hält ein entsprechendes Produkt für ihre Kunden bereit. Meist handelt es sich um Investmentfonds, die Aktien oder Anleihen von auf Nachhaltigkeit geprüften Unternehmen oder Staaten enthalten.

Wer als Anleger besonderen Wert auf solche Nachhaltigkeit legt, möchte einen Fond erwerben, der zu den persönlichen Wertvorstellungen passt. Dass dies manchmal gar nicht so einfach zu erkennen ist, hat ein Team um Prof. Dr. Henry Schäfer vom Betriebswirtschaftlichen Institut der Universität Stuttgart in einer Studie zu Tage gefördert.*)

Nach der globalen Banken- und Finanzkrise suchen Anleger vermehrt nach Anlageformen, bei denen sie sicher gehen können, dass neben dem wirtschaftlichen Erfolg auch ihre Wertvorstellungen erfüllt werden. Mittlerweile kann sich das Angebot an Öko-, Ethik- und Nachhaltigkeitsfonds durchaus sehen lassen. Was aber genau in diesen Fonds steckt, ist vielen Anlegern oft nicht bekannt, und "böse" Überraschungen sind dabei manchmal nicht ausgeschlossen. So rieb sich mancher Anleger die Augen, als nach dem Unglück auf der Ölbohrplattform "Deepwater Horizon" der letztendlich Verantwortliche, das Unternehmen BP, in etlichen Nachhaltigkeitsfonds enthalten war.

Um der Transparenz dieser Anlageform auf die Spur zu kommen, unterzog das Stuttgarter Forscherteam aus den derzeit fast 400 Nachhaltigkeitsinvestmentfonds, die in Deutschland Privatanlegern zum Kauf angeboten werden, vor allem die so genannten „Best in Class“-Fonds einer genaueren Analyse.

Diese behaupten durchweg, nur Aktien und Anleihen von "sauberen" und "sozialen" Unternehmen beziehungsweise Staaten zu enthalten. Um nun ökologisch, sozial und ethisch wertvolle Aktien und Anleihen in einem Investmentfonds unterzubringen, werden die Kandidaten mit teilweise bis zu 300 Einzelkriterien unter einen "Röntgenschirm" gelegt. Diesen bedient entweder die Fondsgesellschaft selbst oder sie kauft diese Leistung bei einer Rating-Gesellschaft extern ein.

Die von den Stuttgarter Forschern untersuchten 27 Best in Class-Investmentfonds zeichnen sich durch ein besonderes Auswahlverfahren aus: Durch Plus- und Minuspunkte für vielerlei Umwelt- und Sozialfelder eines Unternehmens wird ein Gesamtpunktestand ermittelt, der zu einer Rating-Note führt. Wird eine von der Rating-Agentur oder dem Fondsanbieter gesetzte Mindestnote "nachhaltiger Unternehmensführung" erreicht, hat sich eine Aktie beziehungsweise Anleihe für die Aufnahme in einen Nachhaltigkeitsfonds qualifiziert.

Bei diesem Verfahren kann es passieren, dass viele Pluspunkte in der Nachhaltigkeitsleistung eines bestimmten Unternehmensbereichs (zum Beispiel hervorragende Sozialleistungen) die Minuspunkte eines Anderen (zum Beispiel hohe Umweltbelastungen) nicht nur ausgleichen, sondern sogar netto übersteigen. Dann ist ein in der öffentlichen Wahrnehmung eigentlich "schlechtes" Unternehmen unter dem Strich noch in einem Ethikfonds enthalten.

Meistens arbeiten solche Fonds noch zusätzlich mit bestimmten Ausschlusskriterien. Dabei handelt es sich um Produkte oder Produktionsweisen von Unternehmen, die Anleger meiden möchten, wie etwa Waffen oder den Einsatz von Kinderarbeit. Entsprechend den vom Fondsmanagement selbst auferlegten Vorgaben dürfen Wertpapiere von entsprechenden Unternehmen oder Staaten nicht im Fonds enthalten sein.

Teilweise erhebliche Zusatzrecherchen erforderlich

Insgesamt, so das Ergebnis der Stuttgarter Studie, haben die untersuchten Investmentfonds die gesetzlich vorgegebenen Informationen gut dokumentiert. Bei Investmentfonds, die von der Fondsgesellschaft durchgängig selbst hergestellt werden, fanden die Forscher keine Beanstandungen. Anders sieht es bei solchen Nachhaltigkeitsfonds aus, bei denen die Vorschlagslisten für die Bestückung mit nachhaltigen Aktien und Anleihen aus dritter Hand, das heißt von einer Rating-Agentur stammten.

In diesen Fällen waren die entsprechenden Informationen für Anleger schwer verfügbar. „Es bedarf teilweise erheblicher zusätzlicher Anstrengungen, zu erfahren, welche Umwelt-, Sozial- und Ethikvorstellungen die Rating-Agentur in den Fonds eingebracht hat und ob der Fond mit dem jeweiligen Weltbild des Anlegers von „guten“ oder „schlechten“ Unternehmen übereinstimmt“, bemängelt Studienleiter Prof. Dr. Henry Schäfer von der Universität Stuttgart.

Hier sollten nach Meinung der Stuttgarter Forscher in Zukunft mehr anlegerfreundliche, das heißt zeitlich aktuelle, laufende, direkte und kostenlos verfügbare Informationen bereitgestellt werden. „Gerade bei Publikumsinvestmentfonds, die den Anspruch als Nachhaltigkeitsfonds erheben und nach dem Best in Class-Ansatz konstruiert sind, müssen sich die Fondsgesellschaften um mehr Aufklärung bemühen, wenn sie von externer Seite Zulieferungen einkaufen", erklärt Schäfer.

*) Originalstudie: Henry Schäfer, Fabian Bauer, Felix Bracht: "BiC in Sustainability?". Die Transparenz von Best in Class-Nachhaltigkeitsfonds in Deutschland“, Februar 2015 http://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=2566730.
Kontakt für Medien:
Prof. Dr. Henry Schäfer, Fabian Bauer Universität Stuttgart, Betriebswirtschaftliches Institut, Abt. III (Allgemeine BWL und Finanzwirtschaft), Tel.: 0711 685 86000, E-Mail: h.schaefer (at) bwi.uni-stuttgart.de
Andrea Mayer-Grenu, Universität Stuttgart, Abt. Hochschulkommunikation, Tel. 0711/685-82176,
E-Mail: andrea.mayer-grenu (at) hkom.uni-stuttgart.de

Andrea Mayer-Grenu | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.uni-stuttgart.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Tabakrauchen verkalkt Arterien stärker als reiner Cannabis-Konsum
11.04.2018 | Universität Bern

nachricht »Zweites Leben« für Smartphones und Tablets
16.03.2018 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Software mit Grips

Ein computergestütztes Netzwerk zeigt, wie die Ionenkanäle in der Membran von Nervenzellen so verschiedenartige Fähigkeiten wie Kurzzeitgedächtnis und Hirnwellen steuern können

Nervenzellen, die auch dann aktiv sind, wenn der auslösende Reiz verstummt ist, sind die Grundlage für ein Kurzzeitgedächtnis. Durch rhythmisch aktive...

Im Focus: Der komplette Zellatlas und Stammbaum eines unsterblichen Plattwurms

Von einer einzigen Stammzelle zur Vielzahl hochdifferenzierter Körperzellen: Den vollständigen Stammbaum eines ausgewachsenen Organismus haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Berlin und München in „Science“ publiziert. Entscheidend war der kombinierte Einsatz von RNA- und computerbasierten Technologien.

Wie werden aus einheitlichen Stammzellen komplexe Körperzellen mit sehr unterschiedlichen Funktionen? Die Differenzierung von Stammzellen in verschiedenste...

Im Focus: Spider silk key to new bone-fixing composite

University of Connecticut researchers have created a biodegradable composite made of silk fibers that can be used to repair broken load-bearing bones without the complications sometimes presented by other materials.

Repairing major load-bearing bones such as those in the leg can be a long and uncomfortable process.

Im Focus: Verbesserte Stabilität von Kunststoff-Leuchtdioden

Polymer-Leuchtdioden (PLEDs) sind attraktiv für den Einsatz in großflächigen Displays und Lichtpanelen, aber ihre begrenzte Stabilität verhindert die Kommerzialisierung. Wissenschaftler aus dem Max-Planck-Institut für Polymerforschung (MPIP) in Mainz haben jetzt die Ursachen der Instabilität aufgedeckt.

Bildschirme und Smartphones, die gerollt und hochgeklappt werden können, sind Anwendungen, die in Zukunft durch die Entwicklung von polymerbasierten...

Im Focus: Writing and deleting magnets with lasers

Study published in the journal ACS Applied Materials & Interfaces is the outcome of an international effort that included teams from Dresden and Berlin in Germany, and the US.

Scientists at the Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) together with colleagues from the Helmholtz-Zentrum Berlin (HZB) and the University of Virginia...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Internationale Konferenz zur Digitalisierung

19.04.2018 | Veranstaltungen

124. Internistenkongress in Mannheim: Internisten rücken Altersmedizin in den Fokus

19.04.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Juni 2018

17.04.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Grösster Elektrolaster der Welt nimmt Arbeit auf

20.04.2018 | Interdisziplinäre Forschung

Bilder magnetischer Strukturen auf der Nano-Skala

20.04.2018 | Physik Astronomie

Kieler Forschende entschlüsseln neuen Baustein in der Entwicklung des globalen Klimas

20.04.2018 | Geowissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics