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Schmerzmittel: Erwartung bestimmt Wirksamkeit

17.02.2011
Gehirn kann Wirkung erhöhen oder verschwinden lassen

Glaubt ein Patient nicht daran, dass ein Medikament wirken wird, kann das zu einer sich selbsterfüllenden Prophezeiung werden. Wissenschaftler der University of Oxford haben nachgewiesen, dass die Wirksamkeit von Schmerzmitteln durch das Manipulieren der Erwartungen verbessert oder ganz zum Verschwinden gebracht werden kann.

Die in Science Translational Medicine veröffentlichte Studie identifizierte auch jene Regionen im Gehirn, die betroffen sind. Experten wie George Lewith von der University of Southampton erklärten, dass diese Forschungsergebnisse wichtige Auswirkungen auf die Pflege von Patienten und das Testen neuer Medikamente haben könnten.

Verändertes Schmerzempfinden

Die Wissenschaftler setzten die Beine von 22 Patienten Hitze aus. Sie wurden gebeten, das Ausmaß des Schmerzes auf einer Skala von eins bis 100 anzugeben. Zusätzlich waren sie an eine Infusion angeschlossen, über die Medikamente ohne ihr Wissen verabreicht werden konnten. Die erste Bewertung des Schmerzes lag durchschnittlich bei einem Wert von 66. In der Folge erhielten die Teilnehmer ohne ihr Wissen das starke Schmerzmittel Remifentanil. Die Bewertung der Schmerzen sank danach auf 55.

Als den Teilnehmern gesagt wurde, dass sie ein Schmerzmittel erhielten, verringerte sich der Wert auf 39. Als ohne die Dosis zu verändern behauptet wurde, dass das Schmerzmittel abgesetzt wurde und Schmerzen zu erwarten seien, erhöhte sich der Wert auf 64. Das bedeutet, dass die Patienten trotz des Schmerzmittels die gleiche Menge von Schmerzen angaben wie ohne das Medikament.

Die leitende Wissenschaftlerin Irene Tracey erklärte gegenüber der BBC, dass diese Forschungsergebnisse faszinierend seien. Bei dem verabreichten Medikament handle es sich um eines der besten zur Verfügung stehenden Schmerzmittel und das Gehirn könne die Wirkung entweder deutlich verbessern oder ganz zum Verschwinden bringen.

Chronisch Kranke mit negativer Einstellung

Die Tests wurden an gesunden Menschen durchgeführt, die kurzfristig Schmerzen ausgesetzt wurden. Tracey geht davon aus, dass chronisch Kranke, die seit Jahren viele verschiedene Medikamente ohne Erfolg ausprobiert haben, viel stärkere negative Erwartungen aufgebaut haben. Diese Erfahrungen könnten Auswirkungen auf ihre weitere Behandlung haben.

Ärzte sollten sich daher stärker auf Gespräche und die kognitiven Aspekte einer Krankheit konzentrieren. Derzeit liege der Schwerpunkt auf der Physiologie und nicht auf der Psyche, die den Erfolg der Behandlung entscheidend beeinflussen kann.

Klinische Tests fraglich

Gehirnscans während des Experiments machten sichtbar, welche Bereiche des Gehirns betroffen waren. Die Erwartung einer positiven Wirkung stand mit einer Aktivität zingulo-frontaler und subkortikaler Bereiche in Zusammenhang. Negative Erwartungen führten zu einer erhöhten Aktivität im Hippokampus und des medialen frontalen Kortex.

Diese Studienergebnisse werfen auch Fragen hinsichtlich der klinischen Tests zur Wirksamkeit von Medikamenten auf. Lewith erklärte, dass ein weiterer Beweis dafür erbracht sei, dass die Erwartungen die Ereignisse bestimmen. Randomisierte klinische Studien, die Erwartungen nicht berücksichtigen, würden dadurch stark in Frage gestellt.

Michaela Monschein | pressetext.redaktion
Weitere Informationen:
http://www.ox.ac.uk
http://stm.sciencemag.org

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