Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Nieren-Lebendspende auch für Hochrisiko-Patienten

02.10.2012
Neues Therapiekonzept: Heidelberger Mediziner filtern Antikörper aus dem Blut und verhindern Abstoßung durch starke Gewebe-Unverträglichkeit

Die Lebendspende einer Niere muss nicht an einer Gewebe-Unverträglichkeit des Empfängers scheitern: Ärzte und Immunologen des Universitätsklinikums Heidelberg haben ein Behandlungskonzept entwickelt, das Hochrisiko-Patienten auf die Transplantation vorbereitet und eine schnelle Abstoßung des Spenderorgans zuverlässig verhindert.

Bisher war es in Deutschland in der Regel ein Ausschlusskriterium für die Lebendspende, wenn das Immunsystem des Empfängers schon vor der Transplantation auf die Gewebemerkmale des Spenders mit Antikörpern reagierte. Die Studie wurde im Fachmagazin „Transplant International“ veröffentlicht.

Die Lebendspende einer Niere kann Menschen mit endgültigem Nierenversagen eine lange und leidvolle Wartezeit auf das Organ eines hirntoten Spenders ersparen: Derzeit liegt die durchschnittliche Wartezeit bei sechs bis sieben Jahren, in denen der Patient mehrmals wöchentlich zur Dialyse muss und körperlich abbaut.
Doch bei rund einem Drittel der potentiellen Lebendspender passt das Organ nicht zum Empfänger: Blutgruppe oder sogenannte Gewebeverträglichkeitsmerkmale (HLA-Merkmale) stimmen nicht überein. Transplantationen über diese Barrieren hinweg sind heute dennoch möglich. Mit Hilfe komplexer Therapien wird das Immunsystem des Patienten daran gehindert, das neue Organ als Eindringling zu erkennen und zu bekämpfen.

Noch schwieriger wird es, wenn das Immunsystem des Patienten bereits vor der Transplantation sensibel auf die HLA-Merkmale des Spenders reagiert. Das kann der Fall sein, wenn das Immunsystem schon Kontakt zu fremdem Gewebe hatte, z.B. bei Schwangerschaften, Bluttransfusionen oder vorangegangenen Transplantationen. Abwehrreaktionen lassen sich dann kaum verhindern, da die entsprechenden Immunzellen und Antikörper nicht erst gebildet werden müssen, sondern schon im Blut vorhanden sind.
„Für diese Hochrisiko-Patienten kam bisher eine Transplantation nach Lebendspende nur sehr selten in Frage. Das Organ muss bei ihnen schon sehr genau passen und selbst dann ist das Risiko, dass die Niere schnell abgestoßen wird, sehr hoch“, erklärt Erstautor Privatdozent Dr. Christian Morath, Oberarzt am Nierenzentrum der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg (Ärztlicher Leiter: Professor Dr. Martin Zeier).

Gleiche Chancen auf erfolgreiche Transplantation wie Patienten ohne sensibilisiertes Immunsystem

Eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe aus Nephrologen und Transplantationsimmunologen erarbeitete ein spezielles Therapiekonzept, um das Immunsystem der Hochrisiko-Patienten zu desensibilisieren. Im Rahmen einer Studie kam das neue Konzept seit 2007 bei zehn Patienten mit sehr hohem Abstoßungsrisiko zum Einsatz. Die Mediziner führten bei ihnen drei Wochen vor dem geplanten Transplantationstermin beginnend sogenannte Immunadsorptionen durch. Bei diesem Verfahren wird das Blut ähnlich der Dialyse außerhalb des Körpers über einen Filter geleitet, der Antikörper abfängt. Zusätzlich erhielten die Patienten ein Medikament (Rituximab), das die Bildung neuer Antikörper vermindert. Hierdurch konnte bei den Patienten die Menge der Antikörper gegen die HLA-Merkmale des Organspenders um 98 Prozent gesenkt werden. „Damit hatten sie zunächst einmal die gleiche Ausgangssituation wie Patienten ohne HLA-sensibilisiertes Immunsystem“, sagt Professor Dr. Caner Süsal, Leiter des Antikörperlabors in der Abteilung für Transplantationsimmunologie (Ärztlicher Direktor: Professor Dr. Gerhard Opelz).

Bei allen zehn Patienten verlief die Transplantation erfolgreich, die neuen Nieren nahmen ihre Arbeit auf. Neun Nieren sind bis heute voll funktionsfähig, eine Patientin verlor ihr Transplantat im dritten Jahr nach der Transplantation aufgrund einer Autoimmunerkrankung. Bei sieben Patienten bildeten sich erstaunlicherweise auch nach Abschluss der Immunadsorptionen keine Antikörper gegen die HLA-Merkmale des Spenderorgans mehr. „Sie haben besonders gute Chancen, dass ihr Transplantat noch lange funktionieren wird“, sagt Professor Süsal. Trotzdem erhalten alle Patienten, wie nach Transplantationen üblich, ihr Leben lang Medikamente, um eine Immunabwehr zu unterdrücken (Immunsuppression).

Das Heidelberger Zentrum verfügt über große Expertise bei Barriere-Transplantationen

„Trotz dieser hervorragenden Ergebnisse versuchen wir auch weiterhin Barriere-Transplantationen zu vermeiden, denn bei einigen Patienten bleibt das Abstoßungsrisiko erhöht und sie brauchen stärkere Medikamente“, sagt Dr. Morath. „Mit unserem Behandlungskonzept ist die barriereübergreifende Transplantation aber erstmals eine echte Option für Hochrisiko-Patienten, die gerade erst dialysepflichtig werden und einen potentiellen Spender haben. Bei einer schnellen Organübertragung sind ihre Überlebenschancen deutlich besser als nach Jahren an der Dialyse.“

Heidelberg ist das führende Zentrum für Nierenlebendspende in Deutschland und verfügt über große Expertise im Bereich der Barriere-Transplantationen. 2006 wurden hier erstmals in Deutschland Nieren hirntoter Spender trotz unpassender Gewebemerkmale übertragen, seit 2007 auch nach Lebendspenden und bei Hochrisiko-Patienten. Eine Heidelberger Studie aus dem Jahr 2010 ergab, dass Transplantationen bei diesen Patienten in Heidelberg genauso erfolgreich verliefen wie bei Patienten mit geringerem Abstoßungsrisiko: Nach einem Jahr funktionierten noch rund 95 Prozent der Transplantate. Insgesamt transplantierte das interdisziplinäre Team 125 Nieren über Blutgruppe- und Gewebe-Antikörper-Barrieren hinweg, 69 davon nach Lebendspenden. Von 65 Organübertragungen nach Lebendspende im Jahr 2011 waren 20 Barriere-Transplantationen.

Weitere Informationen im Internet:
http://www.nierenzentrum-heidelberg.com
http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/Transplantationszentrum.103682.0.html
http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/Transplantations-Immunologie.1250.0.html?&FS=%2F%28null%29
Literatur:
Morath C, Beimler J, Opelz G, Scherer S, Schmidt J, Macher-Goeppinger S, Klein K, Sommerer C, Schwenger V, Zeier M, Süsal C. Living donor kidney transplantation in crossmatch-positive patients enabled by peritransplant immunoadsorption and anti-CD20 therapy. Transpl Int 2012 May;25(5):506-17.

Kommentiert in:
Hilbrands LB. Current perspectives to overcome a positive crossmatch in living donor renal transplantation. Transpl Int 2012 May;25(5):503-5.

Ansprechpartner:
Priv.-Doz. Dr. Christian Morath
Medizinische Universitätsklinik Heidelberg
Nierenzentrum
Tel.: 06221 / 9112 0
E-Mail: christian.morath@med.uni-heidelberg.de
Prof. Dr. Caner Süsal
Antikörperlabor
Abteilung Transplantationsimmunologie
Universitätsklinikum Heidelberg
Tel.: 06221 / 56 55 46
E-Mail: caner.suesal@med.uni-heidelberg.de

Universitätsklinikum und Medizinische Fakultät Heidelberg
Krankenversorgung, Forschung und Lehre von internationalem Rang
Das Universitätsklinikum Heidelberg ist eines der größten und renommiertesten medizinischen Zentren in Deutschland; die Medizinische Fakultät der Universität Heidelberg zählt zu den international bedeutsamen biomedizinischen Forschungseinrichtungen in Europa. Gemeinsames Ziel ist die Entwicklung neuer Therapien und ihre rasche Umsetzung für den Patienten. Klinikum und Fakultät beschäftigen rund 11.000 Mitarbeiter und sind aktiv in Ausbildung und Qualifizierung. In mehr als 50 Departments, Kliniken und Fachabteilungen mit ca. 2.000 Betten werden jährlich rund 550.000 Patienten ambulant und stationär behandelt. Derzeit studieren ca. 3.600 angehende Ärzte in Heidelberg; das Heidelberger Curriculum Medicinale (HeiCuMed) steht an der Spitze der medizinischen Ausbildungsgänge in Deutschland.

Bei Rückfragen von Journalisten:
Dr. Annette Tuffs
Leiterin Unternehmenskommunikation / Pressestelle
des Universitätsklinikums Heidelberg und der
Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 672
69120 Heidelberg
Tel.: 06221 56-4536
Fax: 06221 56-4544
E-Mail: annette.tuffs@med.uni-heidelberg.de

Julia Bird
Referentin Unternehmenskommunikation / Pressestelle
des Universitätsklinikums Heidelberg und der
Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 672
69120 Heidelberg
Tel.: 06221 56-7071
Fax: 06221 56-4544
E-Mail: julia.bird@med.uni-heidelberg.de

Dr. Annette Tuffs | idw
Weitere Informationen:
http://www.klinikum.uni-heidelberg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Wiederverwendung von IT- und Kommunikationsgeräten schont Klima und Ressourcen
23.02.2017 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

nachricht Klimawandel verstärkt Selenmangel
21.02.2017 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wie Proteine Zellmembranen verformen

Zellen schnüren regelmäßig kleine Bläschen von ihrer Außenhaut ab und nehmen sie in ihr Inneres auf. Daran sind die EHD-Proteine beteiligt, die Professor Oliver Daumke vom MDC erforscht. Er und sein Team haben nun aufgeklärt, wie sich diese Proteine auf der Oberfläche von Zellen zusammenlagern und dadurch deren Außenhaut verformen.

Zellen schnüren regelmäßig kleine Bläschen von ihrer Außenhaut ab und nehmen sie in ihr Inneres auf. Daran sind die EHD-Proteine beteiligt, die Professor...

Im Focus: Safe glide at total engine failure with ELA-inside

On January 15, 2009, Chesley B. Sullenberger was celebrated world-wide: after the two engines had failed due to bird strike, he and his flight crew succeeded after a glide flight with an Airbus A320 in ditching on the Hudson River. All 155 people on board were saved.

On January 15, 2009, Chesley B. Sullenberger was celebrated world-wide: after the two engines had failed due to bird strike, he and his flight crew succeeded...

Im Focus: „Vernetzte Autonome Systeme“ von acatech und DFKI auf der CeBIT

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kooperation mit der Deutschen Messe AG vernetzte Autonome Systeme. In Halle 12 am Stand B 63 erwarten die Besucherinnen und Besucher unter anderem Roboter, die Hand in Hand mit Menschen zusammenarbeiten oder die selbstständig gefährliche Umgebungen erkunden.

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für...

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Poseidon goes Politics – Wer oder was regiert die Ozeane?

27.02.2017 | Veranstaltungen

Fachtagung Rapid Prototyping 2017 – Innovationen in Entwicklung und Produktion

27.02.2017 | Veranstaltungen

Aufbruch: Forschungsmethoden in einer personalisierten Medizin

24.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Herz-Untersuchung: Kontrastmittel sparen mit dem Mini-Teilchenbeschleuniger

27.02.2017 | Medizintechnik

Neue Maßstäbe für eine bessere Wasserqualität in Europa

27.02.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wenn der Schmerz keine Worte findet - Künstliche Intelligenz zur automatisierten Schmerzerkennung

27.02.2017 | Medizintechnik