Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Laufender Fernseher schadet Kindern

18.09.2009
Auch ohne Hinsehen schlechtere Eltern-Kind-Interaktion

Läuft ein Fernseher im Hintergrund, widmen sich Erwachsene weniger ihren Kindern. Das berichten Psychologen der University of Massachusetts in der Fachzeitschrift Child Development.

"Studien haben schon früher gezeigt, dass das Spiel der Kinder von einem laufenden Fernseher gestört wird. Wir konnten jetzt auch zeigen, dass der Fernseher die Zeit verkürzt, in der sich Eltern ihren Kindern widmen, auch wenn niemand zusieht. Zusätzlich verringert sich auch ihre Aufmerksamkeit", berichtet Studienleiterin Heather Kirkorian. Ein ständig laufender Fernsehen sei somit schädlich könne die persönliche und intellektuelle Entwicklung eines kleinen Kindes verzögern, schließen die Forscher.

In einem Experiment ließen die Wissenschaftler 50 Kinder zwischen ein und drei Jahren eine Stunde lang mit jeweils einem Elternteil spielen. Die Hälfte der Zeit war ein Fernseher im Raum eingeschaltet und zeigte je nach Wunsch der Erwachsenen eine Comedy oder Spieleshow, dann wurde der Fernseher abgedreht.

Während der gesamten Zeit beobachteten die Forscher, wie sich Eltern und Kinder zueinander verhielten. Dabei zeigte sich, dass die Sprechzeit der Eltern mit den Kindern bei eingeschaltetem Gerät um ein Fünftel zurückging, zudem waren die Hinwendungen weit weniger aktiv und aufmerksam, oft gaben Erwachsene auf Fragen der Kinder keine Antwort. Dasselbe Ausmaß, in dem die Erwachsenen weniger sprachen, war auch bei den Kindern zu beobachten. Sowohl Quantität als auch Qualität der Interaktionen zwischen Eltern und Kind litten somit unter dem Laufen des Gerätes.

Dass der Fernseher ständig im Hintergrund läuft, obwohl niemand zusieht, war früher nur von Familien in den USA bekannt. Aktuelle US-Studien zeigen, dass jedes dritte Kind oder Baby in so einem Haushalt lebt. In Europa gibt es dazu noch keine Untersuchung, berichtet Michael Gurt vom Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis http://www.jff.de im pressetext-Interview. "Das Phänomen nimmt auch bei uns stark zu, wenngleich es noch nicht flächendeckend verbreitet ist." Gurt hält es für nachvollziehbar, dass durch den ständig laufenden Fernsehapparat die Beziehung zwischen Eltern und Kind beeinträchtigt werde. "Auch wenn der Fernseher nur im Hintergrund läuft, bindet er stets Aufmerksamkeit. Das Extrembeispiel dafür sind Mütter, die beim Stillen fernsehen. Sie konzentrieren sich durch die zusätzliche Reizquelle nicht mehr voll auf das Kind, was die Interaktion stört."

Die Medienpädagogik weist schon länger darauf hin, dass Fernsehen für Kleinkinder nicht geeignet ist. Die ersten Lebensjahre sei der Mensch damit beschäftigt, die reale Umwelt besonders über alle Sinneseindrücke oder über Interaktion mit Bezugspersonen zu erleben, während er das Medium Fernsehen kaum nachvollziehen könne. "Es gelingt Kleinkindern nicht, die Bilder und Geräusche als gemachte Realität einzuordnen. Sie werden daher vom Medium überfordert und erhalten nichts, was ihre Entwicklung oder ihr Weiterkommen fördert. Das hat sich auch in der Analyse von Baby-TV-Formaten gezeigt", so der Münchner Medienpädagoge. Eltern von Kleinkindern unter drei Jahren rät Gurt, erst zu deren Schlafenszeiten das Fernsehgerät einzuschalten. "Für Kleinkinder sind andere Medien weitaus besser geeignet, wie etwa auf Hörbücher, Kinder- und Bilderbücher, die man auf andere Weise sinnlich begreifen kann. Diese ermöglichen auch ganz andere Formen der Interaktion."

Medienerziehung und insbesondere die Vermittlung des Umgangs mit dem Fernseher beginnt somit bereits im Kleinkindalter und setzt sich in allen weiteren Altersstufen fort. "Bei älteren Kindern wäre es ideal, wenn sie Sendungen gemeinsam mit ihren Eltern ansehen. Die Eltern sehen dabei, ob es den Kleinen Spaß oder Überforderung bereitet und können zum Beispiel durch Erklärungen darauf sensibel reagieren", erklärt der Medienexperte. Es gehe darum, einen sinnvollen Umgang als Unterhaltungs- oder Informationsmedium zu vermitteln statt das Gerät stets laufen zu lassen. "Es ist problematisch, wenn man Kinder ständig vor dem Fernseher parkt, um sie ruhig zu stellen. Sie werden sich schnell an diese Form der Überwindung von Langeweile gewöhnen." Vom eigenen Fernseher im Kinderzimmer sei völlig abzuraten. Eltern hätten so keine Möglichkeit mehr, die gesehenen Inhalte zu kontrollieren, außerdem nehme dadurch die Fernsehzeit automatisch zu.

Johannes Pernsteiner | pressetext.deutschland
Weitere Informationen:
http://www.umass.edu/devpsych
http://www.jff.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Neue Studie „Education first! Bildung entscheidet über die Zukunft Sahel-Afrikas“
29.11.2017 | Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

nachricht Zukunftsstudie zum Autoland Saarland veröffentlicht
29.11.2017 | Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Neue Einblicke in die Materie: Hochdruckforschung in Kombination mit NMR-Spektroskopie

Forschern der Universität Bayreuth und des Karlsruhe Institute of Technology (KIT) ist es erstmals gelungen, die magnetische Kernresonanzspektroskopie (NMR) in Experimenten anzuwenden, bei denen Materialproben unter sehr hohen Drücken – ähnlich denen im unteren Erdmantel – analysiert werden. Das in der Zeitschrift Science Advances vorgestellte Verfahren verspricht neue Erkenntnisse über Elementarteilchen, die sich unter hohen Drücken oft anders verhalten als unter Normalbedingungen. Es wird voraussichtlich technologische Innovationen fördern, aber auch neue Einblicke in das Erdinnere und die Erdgeschichte, insbesondere die Bedingungen für die Entstehung von Leben, ermöglichen.

Diamanten setzen Materie unter Hochdruck

Im Focus: Scientists channel graphene to understand filtration and ion transport into cells

Tiny pores at a cell's entryway act as miniature bouncers, letting in some electrically charged atoms--ions--but blocking others. Operating as exquisitely sensitive filters, these "ion channels" play a critical role in biological functions such as muscle contraction and the firing of brain cells.

To rapidly transport the right ions through the cell membrane, the tiny channels rely on a complex interplay between the ions and surrounding molecules,...

Im Focus: Stabile Quantenbits

Physiker aus Konstanz, Princeton und Maryland schaffen ein stabiles Quantengatter als Grundelement für den Quantencomputer

Meilenstein auf dem Weg zum Quantencomputer: Wissenschaftler der Universität Konstanz, der Princeton University sowie der University of Maryland entwickeln ein...

Im Focus: Realer Versuch statt virtuellem Experiment: Erfolgreiche Prüfung von Nanodrähten

Mit neuartigen Experimenten enträtseln Forscher des Helmholtz-Zentrums Geesthacht und der Technischen Universität Hamburg, warum winzige Metallstrukturen extrem fest sind

Ultraleichte und zugleich extrem feste Werkstoffe – poröse Nanomaterialien aus Metall versprechen hochinteressante Anwendungen unter anderem für künftige...

Im Focus: Geburtshelfer und Wegweiser für Photonen

Gezielt Photonen erzeugen und ihren Weg kontrollieren: Das sollte mit einem neuen Design gelingen, das Würzburger Physiker für optische Antennen erarbeitet haben.

Atome und Moleküle können dazu gebracht werden, Lichtteilchen (Photonen) auszusenden. Dieser Vorgang verläuft aber ohne äußeren Eingriff ineffizient und...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Innovative Strategien zur Bekämpfung von parasitären Würmern

08.12.2017 | Veranstaltungen

Hohe Heilungschancen bei Lymphomen im Kindesalter

07.12.2017 | Veranstaltungen

Der Roboter im Pflegeheim – bald Wirklichkeit?

05.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Goldmedaille für die praktischen Ergebnisse der Forschungsarbeit bei Nutricard

11.12.2017 | Unternehmensmeldung

Nachwuchs knackt Nüsse - Azubis der Friedhelm Loh Group für Projekte prämiert

11.12.2017 | Unternehmensmeldung

Mit 3D-Zellkulturen gegen Krebsresistenzen

11.12.2017 | Medizin Gesundheit