Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Langzeitstudie: Gute Noten für Hochbegabtenklassen

08.03.2013
Seit etlichen Jahren gibt es an Gymnasien in Bayern und Baden-Württemberg spezielle Klassen für hochbegabte Schüler. Ob sie die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen, haben Wissenschaftler aus Würzburg, Trier und Erlangen untersucht. Die Ergebnisse sprechen eine eindeutige Sprache.

„Spezielle Klassen für hochbegabte Schüler an Gymnasien haben ganz klare Vorteile. Überall dort, wo es genügend Bevölkerung gibt – also vor allem in Großstädten – ist ihre Einrichtung empfehlenswert“.

Dieses Fazit zieht der Würzburger Psychologieprofessor Wolfgang Schneider aus den Ergebnissen einer aktuellen Studie, deren Ergebnisse jetzt vorliegen. Schneider hat an der Universität Würzburg die Begabungspsychologische Beratungsstelle ins Leben gerufen, an der das im Folgenden beschriebene Projekt koordiniert wurde.

Mehr als 1000 Schüler aus acht Gymnasien in Bayern und Baden-Württemberg haben Schneider und, die Privatdozentin Dr. Eva Stumpf (derzeit Vertretungsprofessorin am Institut), sowie Wissenschaftler der Universitäten Trier und Erlangen-Nürnberg zwischen 2008 und 2012 für diese Studie befragt. 324 dieser Schüler stammten aus speziellen Klassen für Hochbegabte, deren Entwicklung die Forscher von der fünften bis zur siebten Klasse begleiteten. In der Studie interessierte besonders der Vergleich dieser Schüler mit Hochbegabten, die reguläre Parallelklassen besuchten und von ihren Eltern trotz einer attestierten Hochbegabung in die Regelklasse geschickt worden waren.

Die Ergebnisse der Studie

Die Frage, die die Wissenschaftler am Meisten interessierte, war: Zeigen Schüler in speziellen Hochbegabtenklassen bessere Leistungen als Schüler in Regelklassen? Eindeutiges Ergebnis: Ja. „Schüler der Hochbegabtenklassen zeigen in all unseren Tests einen deutlichen Leistungsvorsprung“, sagt Schneider. Diesen Vorsprung zeigten sie auch im Vergleich zu ebenfalls überdurchschnittlich begabten Kindern in Regelklassen, was nicht unbedingt erwartet worden war.

Egal, ob Deutsch, Mathematik, Englisch oder Biologie (Natur und Technik): In all diesen Fächern schnitten Schüler aus Hochbegabtenklassen besser ab. Über den Zeitraum der Untersuchung nahm ihre Lesegeschwindigkeit deutlich stärker zu als bei Kindern in den Vergleichsklassen. Dabei zeigten sich kaum Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Mädchen und Jungen aus Hochbegabtenklassen zeigten gleich gute Leistungen, lediglich im Fach Englisch schnitten Mädchen etwas besser ab.

Darüber hinaus waren in den Begabtenklassen das Bedürfnis nach kognitiver Herausforderung und die Freude am Denken deutlich höher ausgeprägt.

Gründe für das gute Abschneiden

Was die Ursachen für das bessere Abschneiden in den Leistungstests betrifft, wollen sich die Wissenschaftler nicht festlegen. „Dazu erlaubt die Studie keine gesicherten Aussagen“, sagt Eva Stumpf. Zum einen sei zu erwarten, dass Hochbegabte per se dazu in der Lage sind, sich bestimmte Kompetenzen schneller anzueignen. Zum anderen seien Hochbegabtenklassen in der Regel im Hinblick auf diese Leistungsmöglichkeiten homogener und die Förderung dort anspruchsvoller – was ebenfalls erwartungsgemäß bessere Leistungen nach sich zieht.

Das Vorurteil, dass Hochbegabtenklassen eine Ansammlung schwieriger Charaktere und ein Hort permanenter Konflikte sind, konnte die Studie nicht bestätigen – im Gegenteil. „Schüler dieser Klassen fühlen sich in der Regel dort wohl. Viele von ihnen sagten, dass sie nun wieder gerne zur Schule gingen, nach eher negativen Erfahrungen in der Grundschule“, erklärt Schneider. In ihren Klassen spürten sie eine größere soziale Anerkennung als ebenfalls hochbegabte Schüler in Regelklassen; die große Mehrheit von ihnen fühlte sich sehr gut in die Klassengemeinschaft integriert.

Das Urteil von Eltern und Lehrern

Auch die Eltern, die ihr Kind in einer Hochbegabtenklasse angemeldet hatten, gaben diesem Typ Schule durchwegs gute Noten. „Viele von ihnen hatten während der Grundschulzeit ihrer Kinder die Erfahrung gemacht, dass es dort nicht passt. Nach dem Wechsel in die Hochbegabtenklasse ist bei ihnen spürbar ein Entlastungseffekt zu sehen“, sagt Eva Stumpf. Vor allem das hohe Maß an individueller Unterstützung und die gelungene soziale Integration wurden von den Eltern positiv bewertet.

Und die Lehrer? Auch die äußern sich überwiegend positiv über ihre Erfahrungen mit den Hochbegabtenklassen – obwohl sie teilweise mehr Zeit in die Unterrichtsvorbereitung stecken mussten. Gut möglich, dass sie die Abwechslung vom regulären Unterrichten genossen. Immerhin konnten sie in diesen Klassen anders unterrichten, den vorgeschriebenen Stoff schneller durchgehen und dafür neue, zusätzliche Inhalte einbringen.

Im Widerspruch zum Inklusionsgedanken

Spezielle Klassen für hochbegabte Schüler überall dort, wo ausreichend Nachfrage besteht: Das ist die eine Konsequenz aus dieser Studie. Eine weitere formuliert Wolfgang Schneider etwas zurückhaltender: „Die Ergebnisse laufen dem derzeitigen Trend zur Inklusion entgegen“, sagt er. Stattdessen sprächen sie im Fall hoher intellektueller Fähigkeit eher für den entgegengesetzten Ansatz, einer Trennung nach Begabung und Fähigkeiten.

Für diesen Ansatz spricht nach Schneiders Worten vor allem ein Aspekt: Weil heute ein weitaus größerer Prozentsatz eines Jahrgangs von der Grundschule ans Gymnasium wechselt als noch vor zwei oder drei Jahrzehnten, seien die Leistungsunterschiede zwischen den besten und den schlechtesten Schülern dort ziemlich groß. Kommen dann auch noch Hochbegabte und Schüler mit speziellem Förderbedarf hinzu, sei das für die Lehrkräfte kaum noch zu bewältigen – zumindest nicht mit der Art der bisher üblichen pädagogischen Ausbildung. Im immer noch vorherrschenden Frontalunterricht würden sich die Lehrer in der Regel nach dem „durchschnittlichen“ Schüler ausrichten, was bei den Hochbegabten leicht zu Unterforderung und Motivationsproblemen führt.

Stichwort „Hochbegabung“

Von Hochbegabung sprechen Wissenschaftler bei einem Intelligenzquotienten von 130 und mehr. Zwei Prozent der Bevölkerung weisen solche Werte auf. Für die Aufnahme in eine Hochbegabtenklasse reicht in der Regel ein Intelligenzquotient von 120 – ein Wert, den jeder Zehnte erreicht. Schulnoten und die Ergebnisse spezieller weiterer Tests entscheiden mit darüber, ob ein Kind mit dem entsprechenden IQ in eine Hochbegabtenklasse aufgenommen wird.

Mehr Infos zur Studie

PULSS: „Projekt für die Untersuchung des Lernens in der Sekundarstufe“ lautet der exakte Titel der Studie. Daran beteiligt waren Prof. Franzis Preckel (Universität Trier) und Prof. Albert Ziegler (Universität Erlangen-Nürnberg). Koordiniert wurde die Studie von Prof. Wolfgang Schneider und PD Dr. Eva Stumpf von der Begabungspsychologischen Beratungsstelle der Universität Würzburg.

Mit Hilfe von Tests und Fragebögen wurden die Leistungsentwicklung und Aspekte der Schulerfahrung wie Motivation, Wohlbefinden und Selbsteinschätzung der jungen Menschen in Begabten- und Regelklassen von der fünften bis zur siebten Jahrgangsstufe dokumentiert. Lehrkräfte der Begabtenklassen führten Unterrichtstagebücher. Die Eltern der teilnehmenden Schüler wurden in Form von Fragebögen zu den Beweggründen ihrer Klassenwahl, zu ihren Erwartungen und ihrer Zufriedenheit in Bezug auf die Förderung ihres Kindes befragt.

Finanziert wurde das Projekt von den Kultusministerien Bayerns und Baden-Württembergs und der Karg-Stiftung mit 688.000 Euro.

In Bayern sind derzeit Förderklassen für Hochbegabte an folgenden Schulen eingerichtet:

Gymnasium bei St. Stephan Augsburg
Markgräfin-Wilhelmine-Gymnasium Bayreuth
Comenius-Gymnasium Deggendorf
Otto-von-Taube-Gymnasium Gauting
Maria-Theresia-Gymnasium München
Dürer-Gymnasium Nürnberg
Kepler-Gymnasium Weiden
Deutschhaus-Gymnasium Würzburg
Kontakt
Prof. Dr. Wolfgang Schneider, T: (0931) 31-84822
schneider@psychologie.uni-wuerzburg.de
PD Dr. Eva Stumpf, T: (0931) 31-82749
eva.stumpf@uni-wuerzburg.de

Gunnar Bartsch | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-wuerzburg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Innovationsindikator 2017: Deutschland auf Platz vier von 35, bei der Digitalisierung nur Rang 17
24.07.2017 | acatech - Deutsche Akademie der Technikwissenschaften

nachricht Personalisierte Medizin – Ein Schlüsselbegriff mit neuer Zukunftsperspektive
14.07.2017 | Institut für Bioprozess- und Analysenmesstechnik e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: 3-D scanning with water

3-D shape acquisition using water displacement as the shape sensor for the reconstruction of complex objects

A global team of computer scientists and engineers have developed an innovative technique that more completely reconstructs challenging 3D objects. An ancient...

Im Focus: Einblicke unter die Oberfläche des Mars

Die Region erstreckt sich über gut 1000 Kilometer entlang des Äquators des Mars. Sie heißt Medusae Fossae Formation und über ihren Ursprung ist bislang wenig bekannt. Der Geologe Prof. Dr. Angelo Pio Rossi von der Jacobs University hat gemeinsam mit Dr. Roberto Orosei vom Nationalen Italienischen Institut für Astrophysik in Bologna und weiteren Wissenschaftlern einen Teilbereich dieses Gebietes, genannt Lucus Planum, näher unter die Lupe genommen – mithilfe von Radarfernerkundung.

Wie bei einem Röntgenbild dringen die Strahlen einige Kilometer tief in die Oberfläche des Planeten ein und liefern Informationen über die Struktur, die...

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Gipfeltreffen der String-Mathematik: Internationale Konferenz StringMath 2017

24.07.2017 | Veranstaltungen

Von atmosphärischen Teilchen bis hin zu Polymeren aus nachwachsenden Rohstoffen

24.07.2017 | Veranstaltungen

Recherche-Reise zum European XFEL und DESY nach Hamburg

24.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Gipfeltreffen der String-Mathematik: Internationale Konferenz StringMath 2017

24.07.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Von atmosphärischen Teilchen bis hin zu Polymeren aus nachwachsenden Rohstoffen

24.07.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Lupinen beim Trinken zugeschaut – erstmals 3D-Aufnahmen vom Wassertransport zu Wurzeln

24.07.2017 | Biowissenschaften Chemie