Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

IMK: Euro-Rettungsschirm notwendig, aber nicht ausreichend

11.08.2010
Neue Analyse

Der Euro-Rettungsschirm hat die Europäische Währungsunion (EWU) in der akuten Krise vor dem Auseinanderbrechen bewahrt.

Doch wenn zentrale strukturelle Probleme der Währungsgemeinschaft nicht gelöst werden, bleibt ihre Stabilität prekär: Schwache Mitgliedsstaaten wie Griechenland haben unter den aktuellen Bedingungen wenig Chancen, ein hohes Wachstum zu erreichen und so ihre Staatsverschuldung verringern zu können.

Laufen die Rettungsmaßnahmen aus und verbessert sich bis dahin nicht die Gesamtsituation in der EWU, besteht für solche Länder mittelfristig weiterhin ein hohes Risiko, Ziel spekulativer Attacken zu werden. Und massive Zahlungsschwierigkeiten eines großen Mitgliedslandes der EWU könnten selbst den Rettungsschirm überfordern. Zu diesem Ergebnis kommt das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in einer neuen Untersuchung.

„Die Erwartung, dass der Garantiefall für ein großes Land auch tatsächlich eintreten könnte, sollte möglichst gar nicht entstehen“, schreiben die Wissenschaftler im neuen IMK Report.* Da die Rettungsmaßnahmen aber nichts an den bisherigen Fehlentwicklungen im Euroraum ändern, könne nicht ausgeschlossen werden, dass auch ein großes Land in Schwierigkeiten gerät. Die EWU benötige daher dringend „neue Rahmenbedingungen, die außenwirtschaftliche Ungleichgewichte stärker berücksichtigen“.

Die Forscher rekonstruieren Vorgeschichte, Verlauf und Konsequenzen der Euro-Krise und ihrer Eindämmung. Ihre Analyse kommt zu dem Ergebnis, dass die Euro-Länder, die in den vergangenen Monaten von deutlich steigenden Risikoaufschlägen an den Finanzmärkten betroffen waren, ihre Probleme nicht allein durch einen staatlichen Sparkurs werden lösen können.

Grund: Die vermeintlich homogene Gruppe der „Schuldenstaaten“ ist bei näherer Betrachtung heterogen und die Staatsschulden sind oft nicht das zentrale Problem. Eine sehr hohe öffentliche Verschuldung von mehr als 100 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) wiesen vor Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise Griechenland und Italien auf. In beiden Staaten gelang es aber, seit Beginn der Währungsunion 1999 den Schuldenstand leicht zu reduzieren. In Spanien und Irland sank die staatliche Verschuldung zwischen dem Beginn der Währungsunion und dem Ausbruch der Finanzkrise hingegen sogar deutlich auf ein niedriges Niveau: In Irland von 49 Prozent des BIP auf 25 Prozent, in Spanien von 62 Prozent auf 36 Prozent. Die Staatsschulden stiegen hier, ebenso wie in den Euro-Staaten, die nicht von spekulativen Attacken betroffen waren, erst, als die Regierungen mit hohen Ausgaben auf die Finanz- und Wirtschaftskrise reagieren mussten.

Deutliche Unterschiede zeigen die von Risikoaufschlägen betroffenen Staaten auch bei der Wirtschaftsentwicklung. So blieb das Wachstum in Italien und Portugal unter dem Durchschnitt des Euro-Raums, während Spanien, Irland und Griechenland überdurchschnittlich stark wuchsen. Treibende Kraft in diesen Ländern war die Binnennachfrage.

Als wichtigste Gemeinsamkeit zwischen den Ländern identifizieren die Forscher des IMK vielmehr seit Jahren wachsende Leistungsbilanzdefizite. Hauptursache dafür: Höhere Lohnsteigerungen als im Durchschnitt des Euroraums haben zu einem Verlust an preislicher Wettbewerbsfähigkeit geführt, insbesondere gegenüber Deutschland, wo die Löhne sich nur schwach entwickelten. Die hartnäckigen Defizite in der Leistungsbilanz signalisieren nach der IMK-Analyse, dass in diesen Ländern nicht nur der Staat, sondern vor allem auch der Privatsektor gegenüber dem Ausland verschuldet ist. „Das impliziert, dass der Privatsektor in den kommenden Jahren sparen muss, um seine Verschuldung abzubauen. Weil damit Nachfrage fehlen wird, können die hohen Wachstumsraten der Binnenwirtschaft aus der Vergangenheit kaum gehalten werden“, schreiben die Wissenschaftler.

Gerade im Falle Griechenlands könnte ein strikter Sparkurs die Probleme des Landes verschärfen, analysiert das IMK und verweist auf entsprechende Warnungen der OECD. „Mit großer Sicherheit wird der geforderte massive Sparkurs das Wachstum so sehr beeinträchtigen, dass die für die Konsolidierung notwendigen Steuereinnahmen nicht erzielt werden können“, prognostizieren die Düsseldorfer Ökonomen. Der absehbare Verlust an binnenwirtschaftlicher Dynamik wiege besonders schwer, weil Griechenland „unter den derzeitigen institutionellen Bedingungen des Euroraums keine realistischen Aussichten auf eine Verbesserung seiner relativen Wettbewerbsfähigkeit und damit von Außenhandelsüberschüssen“ habe.

Eine nachhaltige Stabilisierung der Euro-Zone könne daher nur gelingen, wenn der europäische Stabilitäts- und Wachstumspakt grundlegend reformiert werde, betonen die Experten. In einem eigenen Reformkonzept** hat das IMK kürzlich vorgeschlagen, dass der Pakt künftig nicht nur Haushaltsdefizit und Staatsverschuldung der Mitgliedsländer berücksichtigt, sondern auch die Verschuldung des privaten Sektors. Ein guter Indikator dafür wäre die nationale Leistungsbilanz, deren Saldo sich in einem Korridor zwischen plus zwei und minus zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) bewegen sollte. Damit würden nicht nur Staaten mit dauerhaft defizitärer Leistungsbilanz als Risiko für die Stabilität der Währungsunion wahrgenommen, sondern auch Länder mit chronischen Leistungsbilanzüberschüssen.

*Heike Joebges, Torsten Niechoj: Rettungsmaßnahmen im Euroraum - kurzfristig sinnvoll, aber nicht ausreichend. IMK Report Nr. 52, August 2010. Download: http://www.boeckler.de/pdf/p_imk_report_52_2010.pdf

**Gustav A. Horn, Torsten Niechoj, Silke Tober, Till van Treeck, Achim Truger: Reform des Stabilitäts- und Wachstumspakts: Nicht nur öffentliche, auch private Verschuldung zählt. IMK Report 51, Juli 2010: http://www.boeckler.de/pdf/p_imk_report_51_2010.pdf

Ansprechpartner in der Hans-Böckler-Stiftung

Dr. Heike Joebges
IMK Finanzmarktexpertin
Tel.: 0211-7778-234
E-Mail: Heike-Joebges@boeckler.de
Dr. Torsten Niechoj
IMK Experte Europäische Wirtschaftspolitik
Tel.: 0211-7778-113
E-Mail: Torsten-Niechoj@boeckler.de
Prof. Dr. Gustav A. Horn
Wissenschaftlicher Direktor IMK
Tel.: 0211-7778-331
E-Mail: Gustav-Horn@boeckler.de
Rainer Jung
Leiter Pressestelle
Tel.: 0211-7778-150
E-Mail: Rainer-Jung@boeckler.de

Rainer Jung | idw
Weitere Informationen:
http://www.boeckler.de
http://www.boeckler.de/pdf/p_imk_report_52_2010.pdf

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Weltweit erste Therapiemöglichkeit für Kinderdemenz CLN2 entwickelt
25.04.2018 | Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

nachricht Tabakrauchen verkalkt Arterien stärker als reiner Cannabis-Konsum
11.04.2018 | Universität Bern

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vielseitige Nanokugeln: Forscher bauen künstliche Zellkompartimente als molekulare Werkstatt

Wie verleiht man Zellen neue Eigenschaften ohne ihren Stoffwechsel zu behindern? Ein Team der Technischen Universität München (TUM) und des Helmholtz Zentrums München veränderte Säugetierzellen so, dass sie künstliche Kompartimente bildeten, in denen räumlich abgesondert Reaktionen ablaufen konnten. Diese machten die Zellen tief im Gewebe sichtbar und mittels magnetischer Felder manipulierbar.

Prof. Gil Westmeyer, Professor für Molekulare Bildgebung an der TUM und Leiter einer Forschungsgruppe am Helmholtz Zentrum München, und sein Team haben dies...

Im Focus: LZH showcases laser material processing of tomorrow at the LASYS 2018

At the LASYS 2018, from June 5th to 7th, the Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) will be showcasing processes for the laser material processing of tomorrow in hall 4 at stand 4E75. With blown bomb shells the LZH will present first results of a research project on civil security.

At this year's LASYS, the LZH will exhibit light-based processes such as cutting, welding, ablation and structuring as well as additive manufacturing for...

Im Focus: Kosmische Ravioli und Spätzle

Die inneren Monde des Saturns sehen aus wie riesige Ravioli und Spätzle. Das enthüllten Bilder der Raumsonde Cassini. Nun konnten Forscher der Universität Bern erstmals zeigen, wie diese Monde entstanden sind. Die eigenartigen Formen sind eine natürliche Folge von Zusammenstössen zwischen kleinen Monden ähnlicher Grösse, wie Computersimulationen demonstrieren.

Als Martin Rubin, Astrophysiker an der Universität Bern, die Bilder der Saturnmonde Pan und Atlas im Internet sah, war er verblüfft. Die Nahaufnahmen der...

Im Focus: Self-illuminating pixels for a new display generation

There are videos on the internet that can make one marvel at technology. For example, a smartphone is casually bent around the arm or a thin-film display is rolled in all directions and with almost every diameter. From the user's point of view, this looks fantastic. From a professional point of view, however, the question arises: Is that already possible?

At Display Week 2018, scientists from the Fraunhofer Institute for Applied Polymer Research IAP will be demonstrating today’s technological possibilities and...

Im Focus: Raumschrott im Fokus

Das Astronomische Institut der Universität Bern (AIUB) hat sein Observatorium in Zimmerwald um zwei zusätzliche Kuppelbauten erweitert sowie eine Kuppel erneuert. Damit stehen nun sechs vollautomatisierte Teleskope zur Himmelsüberwachung zur Verfügung – insbesondere zur Detektion und Katalogisierung von Raumschrott. Unter dem Namen «Swiss Optical Ground Station and Geodynamics Observatory» erhält die Forschungsstation damit eine noch grössere internationale Bedeutung.

Am Nachmittag des 10. Februars 2009 stiess über Sibirien in einer Höhe von rund 800 Kilometern der aktive Telefoniesatellit Iridium 33 mit dem ausgedienten...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

22. Business Forum Qualität: Vom Smart Device bis zum Digital Twin

22.05.2018 | Veranstaltungen

48V im Fokus!

21.05.2018 | Veranstaltungen

„Data Science“ – Theorie und Anwendung: Internationale Tagung unter Leitung der Uni Paderborn

18.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vielseitige Nanokugeln: Forscher bauen künstliche Zellkompartimente als molekulare Werkstatt

22.05.2018 | Biowissenschaften Chemie

Mikroskopie der Zukunft

22.05.2018 | Medizintechnik

Designerzellen: Künstliches Enzym kann Genschalter betätigen

22.05.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics