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Wenn Buchstaben farbig werden

02.07.2010
Nur bei sehr wenigen Menschen löst ein Buchstabe oder eine Zahl ein Farberlebnis aus. In zwei verschiedenen Studien haben Psychologen der Universität Bern nun gezeigt, dass solche Menschen – so genannte Synästhetiker – ein besseres Gedächtnis haben und kreativer sind.

Menschen unterscheiden sich erheblich in der Art, wie sie die Welt wahrnehmen und erleben. So gibt es Menschen, die schwarze Zahlen oder Buchstaben in Farbe wahrnehmen. Diese Ausprägung betrifft etwa ein Prozent der Bevölkerung und wird als Graphem-Farb-Synästhesie bezeichnet. Synästhetiker empfinden mehrere Sinneswahrnehmungen gleichzeitig: Gerüche, Töne, Geschmacksempfindungen und Farben können sich in beliebiger Weise verbinden.

Künstler und Gedächtnis-Genies
In der Forschung wird die Synästhesie oftmals mit Kreativität und besseren Gedächtnisleistungen in Verbindung gebracht. Am Institut für Psychologie der Universität Bern haben Dr. Nicolas Rothen und Prof. Beat Meier untersucht, ob Synästhesie bei Künstlerinnen und Künstlern tatsächlich häufiger vorkommt und ob Synästhetikerinnen und Synästhetiker wirklich ein besseres Gedächtnis haben. In einer ersten Studie, die soeben in der Fachzeitschrift «Perception» erschienen ist, konnten die Forscher zeigen, dass bei einer Stichprobe von hundert Kunststudierenden im Vergleich zu einer Kontrollstrichprobe aus der allgemeinen Bevölkerung wie erwartet mehr Synästhetikerinnen und Synästhetiker zu finden waren. In einer zweiten Studie, die kürzlich in der Fachzeitschrift «Memory» publiziert wurde, konnten die Psychologen ausserdem belegen, dass Synästhetikerinnen und Synästhetiker bei einem standardisierten Gedächtnistest bessere Leistungen als die Normstichprobe zeigten. Diese Ergebnisse untermauern die Hypothese, dass Synästhesie zu höherer Kreativität und zu besseren Gedächtnisleistungen führen kann. Es wird vermutet, dass diese Vorteile auf einer reicheren Erlebniswelt beruhen, welche durch die Synästhesie verursacht wird.
Ursache unklar
Die Synästhesie leitet sich aus dem griechischen: syn = zusammen, und Ästhesis = Empfinden, ab. Obwohl das Phänomen bereits seit dem 19. Jahrhundert bekannt ist, wird es erst seit einem Jahrzehnt systematisch erforscht. Die Ursache für das neurologische «Wunder» konnte die Forschung bis anhin noch nicht schlüssig erklären. Eine Hypothese geht davon aus, dass bei Synästhetikern bestimmte neurologische Verbindungen bestehen bleiben, die bei Babys noch vorhanden sind. Bei Kleinkindern sind die Sinne noch nicht sehr ausdifferenziert, ihre Wahrnehmung noch nicht klar auf die betreffenden Hirnareale aufgeteilt.

Auf www.synaesthesie.unibe.ch finden Interessierte weitere Informationen zur Synästhesie-Forschung an der Universität Bern. Hier können sie zudem einen Synästhesie-Check ausfüllen.

Quellenangabe:
Rothen N., Meier B. (2010), Higher prevalence of synaesthesia in art students, Perception 39 (5) 718 – 720, doi: 10.1068/p6680

Rothen, N., Meier, B. (2010), Grapheme-colour synaesthesia yields an ordinary rather than extraordinary memory advantage. Evidence from a group study, Memory, 18 (3), 258-264. doi: 10.1080/09658210903527308

Weitere Auskunft:
Abteilung für Allgemeine Psychologie und Neuropsychologie
Institut für Psychologie
Universität Bern
Muesmattstr. 45
3012 Bern
Dr. Nicolas Rothen
Tel. +41 (0)31 631 53 66
nicolas.rothen@psy.unibe.ch
Prof. Dr. Beat Meier
Tel. +41 (0)31 631 40 39
beat.meier@psy.unibe.ch

David Fogal | idw
Weitere Informationen:
http://www.unibe.ch

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