Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Jugendkriminalität unter der Lupe

03.09.2007
Befunde eines DFG-Forschungsprojektes an den Universitäten Münster und Bielefeld

Warum werden Jugendliche straffällig?

Prof. Dr. Klaus Boers vom Institut für Kriminalwissenschaften der Universität Münster und Prof. Dr. Jost Reinecke von der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld räumen in dem Buch "Delinquenz im Jugendalter:

Entstehung, Verlauf, Präventivmaßnahmen", erschienen im münsterschen Waxmann-Verlag, auf empirischer Basis mit zahlreichen Vorurteilen über Jugendkriminalität auf. Die Studie beruht auf der seit 2000 durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierten Längsschnittuntersuchung "Kriminalität in der modernen Stadt". In Münster wurden vom 13. bis zum 16. Lebensjahr jedes Jahr dieselben 1.900 Jugendlichen befragt. In Duisburg läuft die Untersuchung seit 2002 mit 3.400 Befragten. Das jetzt erschienene Buch stellt die Befunde aus Münster vor.

Die Jugendkriminalität geht entgegen allen Vorurteilen seit dem Ende der 1990er Jahre zurück - auch bei schweren Eigentumsdelikten oder Raub. Bei der Polizei - also im Hellfeld der Kriminalität - wird jedoch seit Jahren eine stetige Zunahme der Körperverletzungen registriert. "Sie nehmen aber bei den direkt befragten Jugendlichen - also im Dunkelfeld - ebenfalls ab", so Boers. Körperverletzungen würden heute häufiger angezeigt, die Polizei erfahre durch verstärkte Präventionsarbeit mehr. Und inzwischen ist sei auch der Versuch der Körperverletzung strafbar.

Nur ein Siebtel der in Münster befragten Täter nannte die Schule als Tatort. Meistens ging es um Diebstahl und Sachbeschädigungen, seit jeher schultypische Delikte. Bei schweren Köperverletzungen war für ein Prozent, bei einfachen Körperverletzungen nur für jeden zehnten Täter die Schule der Tatort. Nahezu alle Schüler fühlten sich in der Schule, auf dem Schulhof und dem Schulweg sicher. Auch das Schulklima sowie das Verhältnis zu den Lehrern wurden positiv beurteilt.

Dass Gewaltspiele und -filme Jugendliche zunehmend aggressiv machen, ist in der internationalen Forschung nur schwach belegt. "Der Inhalt der meisten Gewaltspiele, insbesondere der Ego-Shooter, ist Besorgnis erregend. Auch, dass vor allem Jungen aller Schulformen einen großen Teil ihrer Zeit mit solchen Spielen verbringen. Hier sind die Eltern und die Medienpädagogen gefordert", sagt Reinecke. Die allermeisten Spieler könnten zwischen realen und virtuellen Welten aber sicher unterscheiden. Gewaltmedien könnten sich bei gewaltsam oder übertrieben streng erzogenen Jugendlichen allerdings etwas negativer auswirken.

Dass vor allem jugendliche Migranten kriminell werden, konnten die Wissenschaftler nicht pauschal nachweisen. Es geht hier vor allem um die Gewaltkriminalität. Bei anderen Delikten sind Migrantenjugendliche ohnehin weniger auffällig. Und natürlich sind nicht alle Migrantengruppen betroffen. Gewalttätiger sind die sozial erfolgloseren: mit weniger Bildung, mit geringem Einkommen, aus schlechteren Wohnvierteln und mit hoher Arbeitslosigkeit. Solche Migrantenjugendliche sind allerdings meist kaum noch gewalttätiger als ähnlich benachteiligte deutsche Jugendliche. In den vergangenen Jahren ist die Kriminalität von Migrantenjugendlichen zurückgegangen. In der Polizeistatistik und im Gefängnis ist der Anteil der Jugendlichen mit Migrationshintergrund jedoch zum Teil deutlich höher, was auf ein größeres Anzeige- und Verurteilungsrisiko schließen lässt. Ein größeres Problem sei, dass nicht die kürzlich Eingewanderten, sondern diejenigen, die schon länger hier leben oder hier geboren wurden, auffälliger sind. Die Wissenschaftler meinen deshalb, "dass wir den richtigen Dreh mit der Integration dieser Jugendlichen noch nicht raus haben."

Insgesamt sind Mädchen um ein Mehrfaches weniger gewalttätig als Jungen und treten drei- bis sechsmal seltener als Intensivtäterinnen auf. Türkische Mädchen sind noch weniger gewalttätig als deutsche.

Ein Drittel der münsterschen 16-Jährigen gibt an, öfter als einmal im Monat betrunken zu sein, und ein Fünftel, häufiger als fünfmal im Jahr Marihuana oder Haschisch zu nehmen. Problematisch ist das auch insofern, als verstärkter Alkohol- und intensiver Drogenkonsum mit erhöhten Gewalttätigkeiten einhergehen. In Duisburg wurde übrigens deutlich weniger als in Münster konsumiert, vor allem weniger unter türkischen Jugendlichen. Das ist einer der Gründe, warum sie sich in der Gewaltkriminalität von den Einheimischen nicht weiter unterschieden.

Amerikanische Studien belegen, dass es keine Wundermittel zur Gewaltprävention gibt. So bewirken abschreckende, einschüchternde oder einfach nur harte Strafen bei Gewalttätern im besten Falle wenig, meistens sind sie kontraproduktiv. Aber durch eine Differenzierung, zum Beispiel nach Delikten, Tätergruppen und sozialer Umgebung, mit mehreren aufeinander abgestimmten Maßnahmen vernetzter Institutionen - Jugendhilfe, Schule, Therapie, Polizei und Justiz - lasse sich etwas erreichen, ist Boers optimistisch. "Zum Beispiel mit einer Kombination aus gezielter Tatbearbeitung, Täter-Opfer-Ausgleich, Aufbau des Norm- und Rechtsbewusstseins, Neugestaltung tragfähiger sozialer und beruflicher Bindungen und nicht zuletzt einer zurückhaltenden Sanktionierung."

Brigitte Nussbaum | idw
Weitere Informationen:
http://www.jura.uni-muenster.de/go/organisation/institute/strafrecht/kr4/organisation.html

Weitere Berichte zu: Delikt Jugendkriminalität Körperverletzung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Neue Studie „Education first! Bildung entscheidet über die Zukunft Sahel-Afrikas“
29.11.2017 | Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

nachricht Zukunftsstudie zum Autoland Saarland veröffentlicht
29.11.2017 | Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Neue Einblicke in die Materie: Hochdruckforschung in Kombination mit NMR-Spektroskopie

Forschern der Universität Bayreuth und des Karlsruhe Institute of Technology (KIT) ist es erstmals gelungen, die magnetische Kernresonanzspektroskopie (NMR) in Experimenten anzuwenden, bei denen Materialproben unter sehr hohen Drücken – ähnlich denen im unteren Erdmantel – analysiert werden. Das in der Zeitschrift Science Advances vorgestellte Verfahren verspricht neue Erkenntnisse über Elementarteilchen, die sich unter hohen Drücken oft anders verhalten als unter Normalbedingungen. Es wird voraussichtlich technologische Innovationen fördern, aber auch neue Einblicke in das Erdinnere und die Erdgeschichte, insbesondere die Bedingungen für die Entstehung von Leben, ermöglichen.

Diamanten setzen Materie unter Hochdruck

Im Focus: Scientists channel graphene to understand filtration and ion transport into cells

Tiny pores at a cell's entryway act as miniature bouncers, letting in some electrically charged atoms--ions--but blocking others. Operating as exquisitely sensitive filters, these "ion channels" play a critical role in biological functions such as muscle contraction and the firing of brain cells.

To rapidly transport the right ions through the cell membrane, the tiny channels rely on a complex interplay between the ions and surrounding molecules,...

Im Focus: Stabile Quantenbits

Physiker aus Konstanz, Princeton und Maryland schaffen ein stabiles Quantengatter als Grundelement für den Quantencomputer

Meilenstein auf dem Weg zum Quantencomputer: Wissenschaftler der Universität Konstanz, der Princeton University sowie der University of Maryland entwickeln ein...

Im Focus: Realer Versuch statt virtuellem Experiment: Erfolgreiche Prüfung von Nanodrähten

Mit neuartigen Experimenten enträtseln Forscher des Helmholtz-Zentrums Geesthacht und der Technischen Universität Hamburg, warum winzige Metallstrukturen extrem fest sind

Ultraleichte und zugleich extrem feste Werkstoffe – poröse Nanomaterialien aus Metall versprechen hochinteressante Anwendungen unter anderem für künftige...

Im Focus: Geburtshelfer und Wegweiser für Photonen

Gezielt Photonen erzeugen und ihren Weg kontrollieren: Das sollte mit einem neuen Design gelingen, das Würzburger Physiker für optische Antennen erarbeitet haben.

Atome und Moleküle können dazu gebracht werden, Lichtteilchen (Photonen) auszusenden. Dieser Vorgang verläuft aber ohne äußeren Eingriff ineffizient und...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Innovative Strategien zur Bekämpfung von parasitären Würmern

08.12.2017 | Veranstaltungen

Hohe Heilungschancen bei Lymphomen im Kindesalter

07.12.2017 | Veranstaltungen

Der Roboter im Pflegeheim – bald Wirklichkeit?

05.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Goldmedaille für die praktischen Ergebnisse der Forschungsarbeit bei Nutricard

11.12.2017 | Unternehmensmeldung

Nachwuchs knackt Nüsse - Azubis der Friedhelm Loh Group für Projekte prämiert

11.12.2017 | Unternehmensmeldung

Mit 3D-Zellkulturen gegen Krebsresistenzen

11.12.2017 | Medizin Gesundheit