Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Weniger aggressives Verhalten, mehr sozial-emotionale Kompetenz

08.12.2004


Studie weist Effektivität des Heidelberger Gewaltpräventions-Programms "Faustlos" im Kindergarten nach


Der Umgang mit der eigenen Aggression kann erlernt werden: Das Curriculum "Faustlos", ein Lernprogramm für Kindergarten-Kinder zur Gewaltprävention, stärkt die Fähigkeiten der Kinder, Probleme und Ängste emotional zu bewältigen, und beugt aggressivem Verhalten im Kindergarten vor.

Zu diesem Ergebnis kommt die erste Evaluationsstudie in Deutschland, die den Einsatz von "Faustlos" im Kindergarten untersucht. Sie wurde von der Landesstiftung Baden-Württemberg unterstützt und am 7. Dezember 2004 bei einer Pressekonferenz in Mannheim vorgestellt. Die positiven Verhaltensänderungen, die im Kindergarten nach sechs Monaten beobachtet werden, haben allerdings (noch) keine Auswirkungen auf das Verhalten in der Familie. Hierfür bedarf es weiterer Übung und Festigung der erlernten Kompetenzen sowie der Einbeziehung der Eltern in das Programm.


"Insgesamt wurde das Programm von allen Beteiligten positiv bewertet, sowohl von den Kindern als auch den Eltern," erklärte Professor Cierpka bei der Pressekonferenz. Vor allem die Erzieherinnen hätten angegeben, auch persönlich von dem Programm profitiert zu haben, und sprachen sich für eine Intensivierung der spielerischen Inhalte sowie eine Fortführung des Programms aus.

Das Heidelberger sozial-emotionale Curriculum "Faustlos" (www.faustlos.de) wurde nach dem Vorbild des amerikanischen Programms "Second Step" von der Abteilung Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie des Universitätsklinikums Heidelberg unter Leitung von Professor Dr. Manfred Cierpka entwickelt. In 28 Lektionen werden emotionale und soziale Kompetenzen spielerisch vermittelt. "Faustlos" wird mittlerweile in rund 600 Kindergärten im ganzen Bundesgebiet praktiziert. Zu einer zweiten Version für Grundschüler mit 51 Lektionen liegen bereits positive Testergebnisse vor, die seine Effektivität belegen.

Evaluationsstudie in 14 Kindergärten im Rhein-Neckar-Raum

An der Evaluationsstudie im Kindergartenalter nahmen 14 Kindergärten in Mannheim, Heidelberg und Umgebung teil. In sieben Kindergärten wurde "Faustlos" für 12 Monate eingesetzt. Ihre Ergebnisse wurden mit denen der restlichen sieben Kindergärten verglichen, die kein "Faustlos" einsetzten. Ingesamt nahmen 124 Kinder und ihre Eltern sowie die Erzieherinnen an der Studie teil. Die Erzieherinnen wurden für die Befragung der Kinder geschult.

Vor Beginn der Lektionen wurden die Fähigkeiten aller Kinder untersucht, mit Problemen und Ärger umzugehen. Dafür wurden spezielle Interviews durchgeführt, z.B. wurden sie aufgefordert, Geschichten zu Ende zu erzählen. Auch die Eltern und Erzieherinnen wurden gebeten, Verhalten und Fähigkeiten der Kinder zu beschreiben; zusätzlich wurden soziodemographische Daten der Familien erhoben. Nach Abschluss der Lektionen fanden erneut Tests und Befragungen statt sowie Verhaltensbeobachtungen der Kinder beider Gruppen.

Die Studie erbrachte folgende Ergebnisse:

Die "Faustlos"-Kinder

  • konnten die Gefühle anderer Menschen eher erkennen und differenzierter beschreiben.
  • entwickelten mehr Lösungsmöglichkeiten für zwischenmenschliche Probleme.
  • gaben an, in Konfliktsituationen häufiger sozial zu reagieren.
  • sahen eher negative Konsequenzen von aggressivem Verhalten voraus
  • verfügten über ein größeres Repertoire an Beruhigungstechniken.

Positive Verhaltensänderungen wurden von den Erzieherinnen im Kindergarten, jedoch nicht von den Eltern zu Hause beobachtet.

Die Erzieherinnen gaben an, dass Faustlos-Kinder:

  • häufiger mit anderen Kindern verhandelten
  • und mehr konstruktive Vorschläge machten
  • sich häufiger beim Spielen mit anderen Kindern abwechselten
  • weniger verbal aggressiv waren.

Aus diesen Studienergebnissen ziehen Professor Cierpka und seine Mitarbeiter Dr. Andreas Schick und Götz Egloff den Schluss, dass in sechs Monaten Kompetenzen zur Gewaltprävention erlernt werden können. Für eine Übertragung des Verhaltens auf Bereiche außerhalb des Kindergartens bedarf es jedoch weiterer Übung und Festigung des Erlernten sowie eine Einbeziehung der Eltern.

Hier kann die Studie angefordert werden:

Prof. Dr. Manfred Cierpka
Abteilung für Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie
Universitätsklinikum Heidelberg
Bergheimer Str. 54, 69115 Heidelberg
E-Mail: Manfred_Cierpka@med.uni-heidelberg.de

Dr. Annette Tuffs | idw
Weitere Informationen:
http://www.faustlos.de/
http://www.buendnis-fuer-kinder.de/
http://www.med.uni-heidelberg.de/aktuelles/

Weitere Berichte zu: Evaluationsstudie Gewaltprävention Lektion Lektionen

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Ab ins Ungewisse: Über das Risikoverhalten von Jugendlichen
19.01.2017 | Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

nachricht Der Klang des Ozeans
12.01.2017 | Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Scientists spin artificial silk from whey protein

X-ray study throws light on key process for production

A Swedish-German team of researchers has cleared up a key process for the artificial production of silk. With the help of the intense X-rays from DESY's...

Im Focus: Forscher spinnen künstliche Seide aus Kuhmolke

Ein schwedisch-deutsches Forscherteam hat bei DESY einen zentralen Prozess für die künstliche Produktion von Seide entschlüsselt. Mit Hilfe von intensivem Röntgenlicht konnten die Wissenschaftler beobachten, wie sich kleine Proteinstückchen – sogenannte Fibrillen – zu einem Faden verhaken. Dabei zeigte sich, dass die längsten Proteinfibrillen überraschenderweise als Ausgangsmaterial schlechter geeignet sind als Proteinfibrillen minderer Qualität. Das Team um Dr. Christofer Lendel und Dr. Fredrik Lundell von der Königlich-Technischen Hochschule (KTH) Stockholm stellt seine Ergebnisse in den „Proceedings“ der US-Akademie der Wissenschaften vor.

Seide ist ein begehrtes Material mit vielen erstaunlichen Eigenschaften: Sie ist ultraleicht, belastbarer als manches Metall und kann extrem elastisch sein....

Im Focus: Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

An Bord einer Höhenforschungsrakete wurde erstmals im Weltraum eine Wolke ultrakalter Atome erzeugt. Damit gelang der MAIUS-Mission der Nachweis, dass quantenoptische Sensoren auch in rauen Umgebungen wie dem Weltraum eingesetzt werden können – eine Voraussetzung, um fundamentale Fragen der Wissenschaft beantworten zu können und ein Innovationstreiber für alltägliche Anwendungen.

Gemäß dem Einstein’schen Äquivalenzprinzip werden alle Körper, unabhängig von ihren sonstigen Eigenschaften, gleich stark durch die Gravitationskraft...

Im Focus: Quantum optical sensor for the first time tested in space – with a laser system from Berlin

For the first time ever, a cloud of ultra-cold atoms has been successfully created in space on board of a sounding rocket. The MAIUS mission demonstrates that quantum optical sensors can be operated even in harsh environments like space – a prerequi-site for finding answers to the most challenging questions of fundamental physics and an important innovation driver for everyday applications.

According to Albert Einstein's Equivalence Principle, all bodies are accelerated at the same rate by the Earth's gravity, regardless of their properties. This...

Im Focus: Mikrobe des Jahres 2017: Halobacterium salinarum - einzellige Urform des Sehens

Am 24. Januar 1917 stach Heinrich Klebahn mit einer Nadel in den verfärbten Belag eines gesalzenen Seefischs, übertrug ihn auf festen Nährboden – und entdeckte einige Wochen später rote Kolonien eines "Salzbakteriums". Heute heißt es Halobacterium salinarum und ist genau 100 Jahre später Mikrobe des Jahres 2017, gekürt von der Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie (VAAM). Halobacterium salinarum zählt zu den Archaeen, dem Reich von Mikroben, die zwar Bakterien ähneln, aber tatsächlich enger verwandt mit Pflanzen und Tieren sind.

Rot und salzig
Archaeen sind häufig an außergewöhnliche Lebensräume angepasst, beispielsweise heiße Quellen, extrem saure Gewässer oder – wie H. salinarum – an...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Neuer Algorithmus in der Künstlichen Intelligenz

24.01.2017 | Veranstaltungen

Gehirn und Immunsystem beim Schlaganfall – Neueste Erkenntnisse zur Interaktion zweier Supersysteme

24.01.2017 | Veranstaltungen

Hybride Eisschutzsysteme – Lösungen für eine sichere und nachhaltige Luftfahrt

23.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Im Interview mit Harald Holzer, Geschäftsführer der vitaliberty GmbH

24.01.2017 | Unternehmensmeldung

MAIUS-1 – erste Experimente mit ultrakalten Atomen im All

24.01.2017 | Physik Astronomie

European XFEL: Forscher können erste Vorschläge für Experimente einreichen

24.01.2017 | Physik Astronomie