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Im hohen Alter sinken die Kosten für Krankenhausbehandlungen

12.11.2002


Die wachsende Zahl älterer Menschen in der Gesellschaft muss nicht zwangsläufig zu mehr Kosten im Gesundheitssystem führen.


Die Behandlungskosten von Krankenhauspatienten verteilen sich sehr ungleichmässig. Auf 10 Prozent der Patienten entfallen fast 40 Prozent der Kosten, 50 Prozent der Patienten nur 10 Prozent der Ausgaben.


Jährliche Krankenhauskosten für überlebende und nicht-überlebende Patienten.
Grafik: Max-Planck-Institut für Demografische Forschung



Diese Schlussfolgerung lässt sich aus einer Analyse der Krankenhausdaten von über 430 000 AOK-Patienten in Westfalen-Lippe und Thüringen ziehen, die Hilke Brockmann vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock durchführte. Die Studie zeigt, dass Senioren meist weniger kostenintensive Therapien wahrnehmen als jüngere Menschen, die an der gleichen Krankheit leiden. Über die Ergebnisse berichtet die Forscherin im wissenschaftlichen Journal "Social Science & Medicine" (55, 2002, 593-608).



Demographen erwarten für die kommenden Jahre einen stetig wachsenden Anteil älterer Menschen an der Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland. Gründe dafür sind die vergleichsweise hohe Lebenserwartung und geringe Geburtenzahlen. Meist wird angenommen, dass mit steigendem Alter auch die Häufigkeit von Krankheiten zunimmt. Viele Prognosen weisen auf eine lineare Zunahme der Ausgaben für Krankenhausbehandlungen mit zunehmendem Alter.

Dem widersprechen jedoch Studien aus den USA. So fanden Lubitz und Kollegen von der amerikanischen Health Care Financing Administration beispielsweise heraus, dass ältere Kranke in Krankenhäusern der USA weniger Kosten verursachen als jüngere Menschen. Besonders gering sind die Ausgaben für kranke Menschen jenseits der 90. Lebensjahres. Bei gleicher Krankheit kostet die Behandlung eines 90jährigen Amerikaners nur knapp die Hälfte eines 65- bis 69jährigen.

"Leider gibt es kaum vergleichbare Untersuchungen in anderen Ländern", sagt Dr. Hilke Brockmann vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock. Niemand konnte bislang sagen, ob die geringeren Kosten bei der Behandlung älterer Menschen eine Besonderheit des privat finanzierten Gesundheitssystems in den USA ist.

Vielmehr konnte bezweifelt werden, dass ähnliche Effekte im hauptsächlich durch die gesetzlichen Krankenkassen finanzierten Gesundheitssystem auftreten. "Völlig unbekannt war außerdem, ob im Rahmen der Krankenhausversorgung älterer Menschen auch das Geschlecht eine Rolle spielt", sagt Dr. Brockmann. Um diese Fragen zu klären, startete die Wissenschaftlerin ein Forschungsprojekt. Als Grundlage dienten ihr Daten aller Krankenhausaufenthalte aus den Regionen Westfalen-Lippe und Thüringen der Jahre 1996 und 1997, welche die dortigen Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) zur Verfügung stellten. Die Angaben umfassten die Kosten der Krankenhausaufenthalte aller mehr als 20 Jahre alten AOK-Mitglieder, die Art der Erkrankung (ICD-Klassifizierung) und alle Todesfälle von AOK-Mitgliedern aus Westfalen-Lippe und Thüringen innerhalb des Jahres 1997.

Um den Einfluss von Alter und Geschlecht der Patienten auf die Behandlungskosten zu ermitteln, nutzte die Forscherin Regressions-Modelle. Eine genaue Aufschlüsselung der Krankheit und Mehrfacherkrankungen fanden dadurch ebenso Berücksichtigung wie die Verweildauer, die Art und der Ort der Behandlung. Patienten, die innerhalb des Jahres 1997 starben und solche, die darüber hinaus weiter lebten, analysierte die Forscherin gesondert.

Bei der Auswertung zeigte sich zunächst, dass nahezu 40 Prozent der Gesamtkosten für Krankenhausbehandlungen für nur zehn Prozent aller Patienten aufgewendet werden (vgl. Abb. 1). Die teuersten Behandlungen erhalten sterbenskranke Frauen im Alter zwischen 20 und 49 Jahren in den westdeutschen Krankenhäusern. Die Kosten lagen 1997 mit rund 36 300 Mark um das Vier- bis Fünffache über denen für Frauen mit eindeutigeren Überlebenschancen. In Thüringen waren die Behandlungskosten für 55- bis 59jährige Frauen am höchsten, die innerhalb eines Jahres dem Tod erlagen.

Ab dem 60. Lebensjahr nehmen die Ausgaben zur Behandlung von lebensbedrohlichen Erkrankungen deutlich ab. Generell sind die therapeutischen Maßnahmen für sterbenskranke Frauen bis zum 80. Lebensjahrzehnt kostenintensiver als die für Männer mit ebenfalls geringen Überlebenschancen. Im Gegensatz dazu geben die Krankenkassen geringfügig mehr für den Klinikaufenthalt von Männern mit guten Überlebenschancen aus als für Frauen, die gleichfalls gute Prognosen haben. Einzige Ausnahme dabei sind Frauen über 85 Jahre in Thüringen.

Überraschend ist, dass trotz der unterschiedlichen Gesundheitssysteme der USA und Deutschlands die altersabhängige Reduzierung von Therapiekosten offensichtlich sehr ähnlich ist. "Ein über 90 Jahre alter Patient verursacht in Ost und West nur knapp die Hälfte der Klinikkosten eines 65- bis 69jährigen Patienten", so Brockmann. Diese Unterschiede lassen sich nur teilweise mit unterschiedlichen Krankheiten erklären. So sind bei Frauen im Alter zwischen 20 und 60 Jahren die Therapien von Brustkrebs und andere Tumoren der Hauptkostenfaktor. In späteren Jahren nimmt die Zahl der tödlichen Herzkreislauferkrankungen zu. Bei Männern treten Krebserkrankungen im Alter von ungefähr 65 Jahren am häufigsten auf. Ältere Männer und Frauen sterben zunehmend häufiger an Herzkreislauferkrankungen und Atemwegsinfektionen.

Ein interessantes Ergebnis liefert der Vergleich der Krankheitsursachen nach der im gesamten Gesundheitswesen üblichen ICD-Klassifikation und den altersabhängigen Therapiekosten. "Hier zeigte sich, dass bei gleicher ICD-Klasse für alte Menschen von über 80 Jahren signifikant weniger ausgegeben wird", stellt die Max-Planck-Wissenschaftlerin fest. Die Krankenhauskosten lagen um 50 Prozent unter denen für Klinikpatienten, die das gesetzliche Rentenalter noch nicht erreicht bzw. erst um wenige Jahre überschritten hatten. Die geringsten Ausgaben verursachen alte, sterbenskranke Menschen.

Geringere Kosten bei älteren Patienten können auf Rationierungen hinweisen, die Ausgaben und Erfolg einer medizinischen Behandlung gleich bewerten und nicht ausschließlich eine optimale medizinische Versorgung und Heilung anstreben. Eine Erklärung für die Rationierung der Therapiekosten mit zunehmendem Alter könnten nach Ansicht von Hilke Brockmann die Wünsche älterer Menschen nach weniger intensiven und damit meist auch kostensparenden Therapien sein. Einigen Umfragen zufolge wollen die meisten älteren Menschen den Tod lieber zu Hause als im Krankenhaus erwarten. In der Realität sterben jedoch etwa 50 Prozent aller Menschen im Krankenhaus.

Brockmann vermutet deshalb, dass klinische Entscheidungen eine wichtige Rolle spielen. Das medizinische Wissen über die optimale Behandlung alter Menschen ist vergleichsweise gering, denn Männer und Frauen über 65 Jahre werden ähnlich wie Babys und Kleinkinder in klinischen Studien oftmals gar nicht berücksichtigt. Ärzte könnten deshalb glauben, dass der Tod eines älteren Menschen durch eine körperlich zu stark belastende Therapie leicht als medizinischer Fehler gewertet wird.

Indirekt spricht für diese Annahme die Tatsache, dass die Zahl der Krankheiten eines älteren Menschen kaum einen Einfluss auf die Krankenhausausgaben hat. Es scheint sogar so zu sein, dass mehrere Krankheiten bremsend auf die Kostenentwicklung wirken, weil die Betroffenen eher eine Palliative - die Beschwerden einer Krankheiten lindernde, aber nicht ihre Ursachen bekämpfende - Medizin als eine aggressive medizinische Therapie erhalten.

Offen bleibt die Frage, ob die Lebensspanne vieler Menschen nicht verlängert werden könnte, wenn alte Männer und Frauen eine umfangreichere medizinische Versorgung erhalten könnten. Hilke Brockmann plant als nächstes Projekt vergleichende Analysen mit Versicherten einer anderen Krankenkasse. Außerdem beabsichtigt sie in der Zukunft einen internationalen Vergleich der Forschungsergebnisse.

Kontakt:

Dr. Hilke Brockmann
Max-Planck-Institut für demographische Forschung
Doberaner Straße 114
18057 Rostock
Tel: 0381-2081-161
Fax: 0381-2081-461
E-Mail: Brockmann@demogr.mpg.de

Dr. Hilke Brockmann | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.demogr.mpg.de

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