Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Die Deutschen bekommen wieder mehr Kinder - vor allem im Osten der Republik

06.05.2009
Nach langen Jahren niedriger und zum Teil sogar sinkender Fertilitätsraten ist Deutschland seit 2007 wieder ein wenig geburtenfreudiger geworden.

Diese Entwicklung verläuft zeitgleich mit der Einführung des Elterngeldes. Dabei profitieren vor allem urbane Regionen und die neuen Bundesländer von den leicht gestiegenen Geburtenzahlen.

Diese Zusammenhänge beschreibt ein neues Diskussionspapier des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, das die Entwicklung der durchschnittlichen Kinderzahl je Frau und der Zahl der Geburten in den letzten Jahrzehnten untersucht. Das Papier mit dem Titel "Kleine Erfolge" lässt den Schluss zu, dass die Richtung der neuen Familienpolitik stimmt.

Nach dem Babyboom in den 1960er Jahren wurde in Deutschland 1971 das letzte Mal über eine Million Kinder geboren. Seitdem sank die Zahl der Geburten und erreichte im Jahr 2006 ihren vorläufigen Tiefpunkt mit nur 672.724 Neugeborenen. Dieser Trend schien vorübergehend gebrochen, als das Statistische Bundesamt im August 2008 verkündete, in Deutschland seien 2007 rund 10.000 Kinder mehr als im Jahr zuvor geboren worden. Zusätzlich zu den Geburtenzahlen stieg erstmals seit sieben Jahren auch die durchschnittliche Kinderzahl je Frau (die so genannte Fertilitätsrate) deutlich an - von 1,33 im 2006 auf 1,37. Doch bereits 2008 lag die Zahl der Neugeborenen wieder um etwa 8.000 unter dem Vorjahresniveau. Hatte das kostspielige Elterngeld womöglich nur ein kurzes Strohfeuer entfacht?

Der Rückgang der Kinderzahlen hat allerdings primär einen ganz anderen Grund: Weil die zahlenmäßig große Gruppe der Babyboomer, die etwa ab 1955 geboren wurde, allmählich das Alter verlässt, in dem Frauen Kinder bekommen können, sinkt seit Jahren die Zahl potenzieller Mütter in Deutschland. Deshalb muss bei gleich bleibender Fertilität die Zahl der Neugeborenen Jahr für Jahr abnehmen. Die Trendumkehr im Jahr 2007 ist deshalb ein Zeichen für eine gestiegene Fertilität. Und selbst der leichte Rückfall im Jahr 2008 unter die Geburtenzahl des Vorjahres kann nicht als Rückgang der Fertilität gedeutet werden.

Da sich die tatsächliche Fertilitätsrate für 2008 derzeit noch nicht berechnen lässt, weil die dafür notwendigen Daten der statistischen Ämter noch nicht vorliegen, muss die Fertilität bis auf weiteres mittels eines anderen Indikators ermittelt werden: über die Zahl der jährlichen Geburten je 1.000 Frauen im fertilen Alter zwischen 15 und 44 Jahren. Von diesen Frauen gab es 2007 insgesamt noch 15.881.000, und diese bekamen je 1.000 Frauen 43,1 Kinder - gegenüber nur 41,7 im Vorjahr, also vor der Einführung des Elterngeldes. Unter der Annahme, dass die komplette Gruppe der 14- bis 43-jährigen Frauen von 2007 im Jahr 2008 die Frauen zwischen 15 und 44 Jahren repräsentieren, umfasst diese Gruppe im fertilen Alter 2008 nur noch 15.571.000 Personen. Die Zahl der Geburten je 1.000 in diesem Alter ist jedoch auch 2008 weiter leicht gestiegen - auf 43,3. Damit hätte sich der mögliche Elterngeldeffekt im Jahr 2008 fortgesetzt.

Der Erfolg der neuen Familienpolitik wird dadurch zwar nicht statistisch beweisbar, aber die Zahlen sind kaum anders zu deuten. Dennoch fällt der Effekt vor allem im Vergleich zu kinderreicheren europäischen Nationen wie Frankreich oder Schweden ernüchternd gering aus. Interessant sind allerdings die regionalen Veränderungen der Fertilität in Deutschland, die einiges über die Wirksamkeit des Elterngeldes aussagen:

Nach dem Zusammenbruch der DDR 1989 verzeichneten alle ostdeutschen Bundesländer zunächst einen starken Rückgang der Kinderzahlen. Im Jahr 1994 war der Tiefpunkt erreicht - mit durchschnittlich 0,77 Kindern pro Frau. Ostdeutsche Paare entschieden sich nach der Wende und in unsicheren Zeiten auf dem Arbeitsmarkt gegen eine Familiengründung. Frauen in den alten Bundesländern bekamen zu diesem Zeitpunkt rund 1,4 Kinder. In vielen Landkreisen lag die durchschnittliche Kinderzahl je Frau allerdings über 1,6 und in einigen Städten unter 1,2.

Annäherung der ost- und westdeutschen Regionen

Ein Blick auf die aktuelle Verteilung der Kinderzahlen in Deutschland (2007) zeigt keine Ost-West-Unterschiede mehr. Die westdeutschen Landkreise mit vormals hoher Kinderzahl sind fast alle auf den bundesdeutschen Mittelwert abgesunken. Dort bekommen die Frauen heute weniger Kinder als noch vor zehn Jahren. Die ostdeutschen Landkreise haben hingegen aufgeholt. Dort bekommen die Frauen aktuell etwa genauso viele Kinder wie ihre Nachbarinnen in Westdeutschland. Dieser Aufholeffekt hat im Jahr 2007 seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht.

Das Berlin-Institut erklärt diese Annäherung der Verhältnisse wie folgt: Zum einen haben die neuen Bundesländer nach den extrem kinderarmen 1990er Jahren einen gewissen Nachholeffekt in Sachen Familiengründung - aufgeschobene Kinderwünsche wurden mittlerweile verwirklicht. Zum anderen scheinen traditionelle Familienverhältnisse - Mann im Erwerbsleben, Frauen im Familiendienst - in den ländlichen Regionen des Westens langsam aber sicher an Bedeutung zu verlieren. Gerade dort ist die Fertilitätsrate aller Familienpolitik zum Trotz häufig gesunken. Auch in diesen Regionen sind Frauen immer häufiger erwerbstätig, die öffentlichen Betreuungsangebote für Kinder sind aber noch nicht so gut ausgebaut wie in den urbanen Zentren. Weil das 2007 eingeführte Elterngeld die Doppelverdienergemeinschaft und damit erwerbstätige und oft auch gut qualifizierte Frauen begünstigt, profitieren diese Regionen anscheinend weniger davon.

Insgesamt sind die Kinderzahlen dort gestiegen, wo mehr Frauen berufstätig sind - also tendenziell in den Städten und eher in Ost- als in Westdeutschland. Die Einführung des Elterngeldes hat diesen Effekt nicht ausgelöst, sondern einem ohnehin bestehenden Trend zu mehr Vereinbarkeit von Familie und Beruf einen weiteren Schub verliehen.

Für Fragen und Interviews stehen Ihnen Dr. Reiner Klingholz unter 0 30 - 31 01 75 60 sowie Steffen Kröhnert unter 0 30 - 22 32 48 44 und Iris Hoßmann unter 0 30 - 31 10 26 98 zur Verfügung.

Dr. Margret Karsch | idw
Weitere Informationen:
http://www.berlin-institut.org
http://www.berlin-institut.org/weitere-veroeffentlichungen/kleine-erfolge.html

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Statistiken:

nachricht Frauenanteil in Professorenschaft 2015 auf 23 % gestiegen
14.07.2016 | Statistisches Bundesamt

nachricht Mehr Habilitationen von Frauen im Jahr 2015
28.06.2016 | Statistisches Bundesamt

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Statistiken >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Transparente Beschichtung für Alltagsanwendungen

Sport- und Outdoorbekleidung, die Wasser und Schmutz abweist, oder Windschutzscheiben, an denen kein Wasser kondensiert – viele alltägliche Produkte können von stark wasserabweisenden Beschichtungen profitieren. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) haben Forscher um Dr. Bastian E. Rapp einen Werkstoff für solche Beschichtungen entwickelt, der sowohl transparent als auch abriebfest ist: „Fluoropor“, einen fluorierten Polymerschaum mit durchgehender Nano-/Mikrostruktur. Sie stellen ihn in Nature Scientific Reports vor. (DOI: 10.1038/s41598-017-15287-8)

In der Natur ist das Phänomen vor allem bei Lotuspflanzen bekannt: Wassertropfen perlen von der Blattoberfläche einfach ab. Diesen Lotuseffekt ahmen...

Im Focus: Ultrakalte chemische Prozesse: Physikern gelingt beispiellose Vermessung auf Quantenniveau

Wissenschaftler um den Ulmer Physikprofessor Johannes Hecker Denschlag haben chemische Prozesse mit einer beispiellosen Auflösung auf Quantenniveau vermessen. Bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit kombinierten die Forscher Theorie und Experiment und können so erstmals die Produktzustandsverteilung über alle Quantenzustände hinweg - unmittelbar nach der Molekülbildung - nachvollziehen. Die Forscher haben ihre Erkenntnisse in der renommierten Fachzeitschrift "Science" publiziert. Durch die Ergebnisse wird ein tieferes Verständnis zunehmend komplexer chemischer Reaktionen möglich, das zukünftig genutzt werden kann, um Reaktionsprozesse auf Quantenniveau zu steuern.

Einer deutsch-amerikanischen Forschergruppe ist es gelungen, chemische Prozesse mit einer nie dagewesenen Auflösung auf Quantenniveau zu vermessen. Dadurch...

Im Focus: Leoniden 2017: Sternschnuppen im Anflug?

Gemeinsame Pressemitteilung der Vereinigung der Sternfreunde und des Hauses der Astronomie in Heidelberg

Die Sternschnuppen der Leoniden sind in diesem Jahr gut zu beobachten, da kein Mondlicht stört. Experten sagen für die Nächte vom 16. auf den 17. und vom 17....

Im Focus: «Kosmische Schlange» lässt die Struktur von fernen Galaxien erkennen

Die Entstehung von Sternen in fernen Galaxien ist noch weitgehend unerforscht. Astronomen der Universität Genf konnten nun erstmals ein sechs Milliarden Lichtjahre entferntes Sternensystem genauer beobachten – und damit frühere Simulationen der Universität Zürich stützen. Ein spezieller Effekt ermöglicht mehrfach reflektierte Bilder, die sich wie eine Schlange durch den Kosmos ziehen.

Heute wissen Astronomen ziemlich genau, wie sich Sterne in der jüngsten kosmischen Vergangenheit gebildet haben. Aber gelten diese Gesetzmässigkeiten auch für...

Im Focus: A “cosmic snake” reveals the structure of remote galaxies

The formation of stars in distant galaxies is still largely unexplored. For the first time, astron-omers at the University of Geneva have now been able to closely observe a star system six billion light-years away. In doing so, they are confirming earlier simulations made by the University of Zurich. One special effect is made possible by the multiple reflections of images that run through the cosmos like a snake.

Today, astronomers have a pretty accurate idea of how stars were formed in the recent cosmic past. But do these laws also apply to older galaxies? For around a...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

500 Kommunikatoren zu Gast in Braunschweig

20.11.2017 | Veranstaltungen

VDI-Expertenforum „Gefährdungsanalyse Trinkwasser"

20.11.2017 | Veranstaltungen

Technologievorsprung durch Textiltechnik

17.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Künstliche neuronale Netze: 5-Achs-Fräsbearbeitung lernt, sich selbst zu optimieren

20.11.2017 | Informationstechnologie

Tonmineral bewässert Erdmantel von innen

20.11.2017 | Geowissenschaften

Hemmung von microRNA-29 schützt vor Herzfibrosen

20.11.2017 | Biowissenschaften Chemie