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MEDICA 2001 in Düsseldorf: Aussteller zeigen wie "Aktentürme" vermieden werden können

20.08.2001


Wege zur Elektronischen Patientenakte / Sonderschau MEDICA MEDIA mit Mix aus Anwendung und Wissenschaft

Seit 25 Jahren zerbrechen sich Informatiker den Kopf, wie man das Leistungsgeschehen in einem Krankenhaus mit seinen bisherigen elektronischen Insellösungen und Schnittstellenproblematiken in den informatorischen Griff bekommt. Nun wird die Lösungsfindung dringend, denn mit dem neuen DRG-Krankenhaus-Vergütungssystem müssen medizinische Leistungen genau erfasst werden, sonst drohen den stationären Versorgungseinheiten wirtschaftliche Einbussen bis hin zur Schließung. Neue Lösungsansätze für die sogenannte elektronische Patientenakte zeigen Aussteller im November auf der größten Medizinmesse der Welt, der MEDICA 2001 (21. bis 24.11.) in Düsseldorf.

Der beginnende Dokumentationsdruck auf allen Ebenen des Krankenhauses wird ohne elektronische Datenverarbeitung nicht zu bewältigen sein. Ziel ist es, alle administrativen und medizinischen Daten in elektronischer Form zu eine kompletten Patientenakte zu bündeln. Dabei geht das Fernziel weit über die Belange des Krankenhauses hinaus. Hier gilt es alle strukturierten Gesundheits-daten eines Patienten, in digitalen Archiven beim Hausarzt, Facharzt, Krankenhaus oder Gesundheitsamt verteilt abgelegt, zu einer virtuellen digitalen Krankengeschichte zusammenzufassen. Statistisch in Teilaspekte ausgewertet, wird diese gigantische Datensammlung Grundlage von gesundheitspolitischen Entscheidungen sein.

Doch noch ist es nicht so weit. Noch müssen die Krankenhäuser autark arbeiten und zusehen, wie sie ihre interne elektronische Patientenakte realisiert bekommen. Noch ist der Widerstand des medizinischen Personals erheblich, sich mit "artfremden" Dokumentationsaufgaben abzugeben. Da auch die Investitionsmittel fehlen und die gesundheitspolitischen Entwicklungen mitunter schlecht zu kalkulieren sind, verfügen heute höchstens 150 der 2.200 deutschen Krankenhäuser ansatzweise über die notwendige EDV-Infrastruktur für den Einstieg in die krankenhausinterne digitale Patientenakte.

Auch in der Industrie dominiert die Papierform

Experten gehen davon aus, dass in den kommenden zehn Jahren 40 bis 60 Prozent aller Dokumente im Krankenhaus nach wie vor in Papierform erstellt werden. Damit ist es um das Krankenhaus nicht so viel schlechter bestellt, wird ein Vergleich gezogen des klinischen Informationsmanagements mit dem der Industrie. Nach einer Erhebung des Verbandes Organisations- und Informationssysteme e. V. sind gerade einmal ein Fünftel aller Informationen, die in einem deutschen Unternehmen vorhanden sind, digital abgelegt. Auch hier dominiert die Papierform.

Zwar läuft in den Krankenhäusern die Administration elektronisch ab, doch die Kernkompetenz der Klinik, Medizin und Pflege, ist nur unvollständig mit kleinen Abteilungssystemen ausgestattet. Während so gut wie jedes klinische Labor strukturierte Daten in digitaler Form liefert, ist nur jede zweite chirurgische Abteilung mit einem EDV-Abteilungssystem ausgestattet. Und noch keine 50 der über 1000 vollradiologischen Abteilungen verfügen über ein digitales Bild-Archivierungs- und Kommunikationssystem.

Metamorphose von Analog in Digital

Zwei grundsätzlich verschiedene Wege werden derzeit eingeschlagen: Der schnelle Einstieg über "digitales Papier" oder der langwierige Weg über das völlig papierlose Krankenhaus.

Mit einem Trick gelingt es einigen deutschen Krankenhäusern, die nächste Sprosse auf der EDV-Evolutionsleiter zu erklimmen: Sie jagen jedes Stück Papier durch einen Digitalkopierer. Bevor der Reißwolf zuschnappt, wird jede Papier-Krankenakte digitalisiert und digital archiviert. Am Ende der Metamorphose von Analog in Digital steht eine bedingt strukturierte Sammlung von "abfotographierten" Dokumenten, auf CD-ROM und Mikrofilm erfasst. Somit entsteht die digitale Patientenakte nicht während, sondern nach dem Krankenhausaufenthalt. Lediglich jene Daten, die bereits digitale vorliegen, können online während des Patientenaufenthalts gesichtet werden. Dafür ist die "kilometerhohe Aktentürmung" gestoppt.

Die Kugelschreiber-Notiz des Arztes wird bei dieser Lösung noch viele Jahre lang den Vorzug gegenüber der mausgesteuert erzeugten Informationserfassung am Bildschirm erhalten. Jedoch wird durch die parallele Einführung von EDV-Systemen die papierorientierte Arbeitsweise Stück für Stück zurückgedrängt, bis die weitgehend vollständige digitale Informationserfassung und Verarbeitung vollzogen ist. Vorreiter dieser evolutionären "digitalen Papierakte" ist die Medizinische Hochschule Hannover und die Universitätsklinik Ulm.

Vorzüge der Web-Technik

Diese sanfte Übergangslösung ist jedoch nicht unumstritten. Eine Patientenakte hat mehr Funktionsansprüche zu erfüllen, als nur der Ablösung des platzraubenden analogen Papierarchivs durch eine kleinvolumige digitale Ablage zu dienen. Sie muss zeitnah den Behandlungsprozess des Patienten online abbilden und Arbeitsabläufe unterstützen. Und das funktioniert nur durch eine konsequente Ablösung aller papiergebundenen Arbeitsweisen durch die Elektronischen Datenverarbeitung.

Die Umsetztung gestaltet sich als nicht einfach. Bis zu 100 unterschiedliche EDV-Subsysteme in den verschiedenen medizinischen Abteilungen einer Großklinik, alle mit eigener kleinen Datenbank versehen, stellen eine enorme Herausforderung an den Aufbau einer elektronischen Patientenakte dar. Hier locken die Vorzüge der Web-Technik, über Web-Browser die heterogen verteilte Datenwelt zu vereinnahmen. Doch das "Datensammelsurium" aus un-strukturierteren Freitexten, halbstrukturierten Rechnungen und strukturierten Formularen mit den digital generierten Daten zu vereinen und diesen Datenmix zu handhaben, ist mit der Internettechnologie alleine nicht zu bewältigen. Gesucht sind zusätzlich lernfähige Computerprogramme, eine Art neuronales Netz, um im "Dokumentenwust" zu navigieren.

Weg durch das informatorische Labyrinth geschlagen

Unumstritten ist: Eine koordinierte Überführung der unterschiedlichen digitalen Dokumentenströme in die strukturierte Elektronische Krankenakte ist technisch, organisatorisch und finanziell nur stufenweise lösbar, zu gewaltig sind die Integrationsprobleme. Diesen langen Weg durch das informatorische Labyrinth haben Informatikern vom Universitätsklinikum Freiburg fast hinter sich gebracht. Hier ist die klinikinterne Elektronische Patientenakte weit gediehen.

Hier beherrscht ein Medizinisches Informations-, Retrieval- und Archivsystem die Szenerie. An die zentrale Datenbank für die Elektronische Patientenakte angebunden, greifen die klinischen Arbeitsplätze auf administrative und medizinische Daten zu und füttern ihrerseits die EDV mit Daten. Etwa 1000 Arbeitsplatzrechner sind bereits angeschlossen, davon sind mehr als 300 täglich aktiv. Mit 33 Kilobyte pro Tag und Bett, ohne Bilder, wird ein beachtliches Datenvolumen von etwa 16 vollgeschriebenen Seiten mit reinen Patienten-Informationen zwischen der EDV und den Stationsarbeitsplätzen ausgetauscht. Über 60 Gigabyte befinden sich im täglichen Zugriff.

MEDICA MEDIA - das Forum der Telemedizin

Inwieweit der Einsatz medizinischer Informationssysteme sowie der Telemedizin geeignet ist, die Qualität und Wirtschaftlichkeit der medizinischen Versorgung zu steigern, zeigt im Rahmen der MEDICA, 33. Weltforum für Arztpraxis und Krankenhaus, neben den zahlreichen Ausstellern des Themensegments Informations- und Kommuniksationstechnologie auch die Sonderschau MEDICA MEDIA in Halle 14. Seit drei Jahren ist die MEDICA MEDIA (einst als "Medienstraße" gestartet) fester Bestandteil der MEDICA und wird in diesem Jahr auf über 700 m_ den Besuchern Informationen zur Gesundheitstelematik bieten und den Erfahrungsaustausch zwischen den Branchenexperten fördern. U. a. werden rund 40 führende Forschungsinstitute in Sonderpräsentationen über ihre aktuellen Arbeiten informieren. Ein Anwenderforum sowie die fest etablierte Diskussionsreihe MEET THE EXPERT helfen im Rahmen der Sonderschau den Gedankentransfer von der Wissenschaft zur praktischen Anwendung zu realisieren.

Zur MEDICA 2001 erwartet die Messe Düsseldorf in Anknüpfung an das sehr gute Vorjahresergebnis über 3.500 Aussteller und rund 120.000 Fachbesucher aus der ganzen Welt.

Martin-Ulf Koch | ots
Weitere Informationen:
http://www.medica.de

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