Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Maßarbeit: MHH-Ärzte entwickeln Gelenke aus körpereigenem Material

14.04.2010
MHH-Klinik für Unfallchirurgie stellt zwei neue Professuren vor / Traumastiftung finanziert Stiftungsprofessur mit 350.000 Euro

Jedes Jahr werden in der Klinik für Unfallchirurgie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) über 3000 Patienten mit schwersten Verletzungen des Bewegungsapparates behandelt, zum Beispiel nach Autounfällen oder schweren Stürzen.

"Die Rekonstruktion und Regeneration von Knochen, Knorpel, Sehnen und Bändern, besonders in verletzungsanfälligen Gelenken wie Schulter, Knie, Hüfte oder Sprunggelenk, ist seit vielen Jahren ein Schwerpunkt der Klinik in Forschung und Behandlung", betonte Professor Dr. Christian Krettek, Direktor der Klinik für Unfallchirurgie.

Seit Oktober 2009 forscht Professorin Dr. Andrea Hoffmann unter anderem auf dem Gebiet des Tissue Engineering (Gewebezüchtung), ihre Stiftungsprofessur zur "Biologie des Bewegungsapparates" wird von der Traumastiftung der MHH mit 350.000 Euro finanziert. Die Traumastiftung setzt sich seit fünf Jahren für Forschung und Entwicklung in den innovativen Bereichen Tissue Enginneering, Navigation, Robotik sowie in der Polytraumaversorgung ein.

"Mir geht es darum, die verschiedenen Gewebe innerhalb des Bewegungsapparates besser zu verstehen: Knorpel, Knochen, Sehnen, Bänder und Muskeln, und zwar einerseits unter normalen Bedingungen, andererseits aber auch unter pathologischen Umständen. Aufbauend auf den Ergebnissen aus eigener Grundlagenforschung wollen wir im Rahmen anwendungsorientierter Forschung neue Strategien entwickeln, um in Zukunft bei Erkrankungen des Bewegungsapparates neuartige Behandlungsansätze mit Hilfe der Regenerativen Medizin liefern zu können, unter anderem auf der Basis von körpereigenen Stammzellen", erklärte Professorin Hoffmann.

Seit dem 1. Januar 2010 ist Professor Dr. Michael Jagodzinski Professor für regenerative Gelenkchirurgie in der Unfallchirurgie. Der Oberarzt ist seit Jahren auf die innovative Behandlung von Knochen- und Knorpeldefekten in Gelenken spezialisiert. 40 Prozent seiner Arbeit widmet der Unfallchirurg fortan der klinisch angewandten Forschung in diesem Bereich. " Mittlerweile ist es uns gelungen, bei fünf Patienten ein hochgradig zerstörtes Knie zu rekonstruieren", erklärte Jagodzinski. " Wir sind als einzige Klinik in Deutschland in der Lage, ganze Gelenkflächen aus körpereigenem Material zu ersetzen, in Kombination mit dem Ersatz von Gelenkknorpel und Bändern."

Einer der Patienten mit einer schweren Knieverletzung ist Andre S. Bei einem Autounfall war sein halbes Knie zerstört worden. Als er anderthalb Jahre nach dem Unfall in die MHH kam, hatte er immer noch starke Schmerzen und konnte nicht vernünftig laufen. Aus den Vergleichsbildern der MHH-Radiologen vom kranken und vom gesunden Knie erstellte der Diplom-Ingenieur Dr. Götz Graubner (Klinik für Neurochirurgie) eine exakte Simulation der fehlenden Knochenteile. Nach dieser Vorlage fertigten die Unfallchirurgen während der Operation mit einer Kopierfräse die passenden Knochenstücke aus den Knochenelementen, die sie dem Patienten vorher aus dem Beckenkamm entnommen hatten. Außerdem ersetzten sie den fehlenden Gelenkknorpel und das Innenband mithilfe der körpereigenen Gewebezüchtung. Heute kann sich der 26-jährigeich wieder schmerzfrei bewegen und sogar Sport treiben.

Ein unbedachter Schritt wurde Ellen P. zum Verhängnis. Sie brach sich den Unterschenkel, nach der Operation kam es zur Infektion. Als die 62-Jährige ein halbes Jahr nach dem Unfall in die MHH-Unfallchirurgie kam, waren ihre Alternativen entweder eine Amputation oder ein Leben mit starken Schmerzen. Ellen P. entschied sich für die bis dahin nur im Labor getestete Methode, den 7, 5 Zentimeter langen Knochendefekt im Schienbein mit Hilfe des Tissue Engineering ersetzen zu lassen. Um das fehlende Knochenstück zu ersetzen, besiedelten die Unfallchirurgen Rinderknochen mit adulten Stammzellen, die sie vorher aus dem Beckenkamm der Patientin entnommen hatten. Diese Zellkultur ließen sie im Bioreaktor auf den Knochenscheiben anwachsen. Nach etwa drei Wochen setzten die Chirurgen die Knochenscheiben in die Knochenlücke im Schienbein der Patientin. "Von diesem Zeitpunkt an nutzten wir ihren Körper als Bioreaktor - damit neue Gefäße in den Knochen hineinwachsen konnten", erläuterte Professor Krettek. Sechs Monate nach der Implantation war das Bein von Ellen P. wieder voll belastbar. "Ich bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden, so ist der Sturz trotz der Komplikationen doch noch gut ausgegangen", sagte Ellen P.

Ganz ähnlich sah die Lage bei Gerhard B. aus. Nach einem Skiunfall in Italien mussten sieben Zentimeter Knochen im Unterschenkel direkt unterhalb des Knies komplett ersetzt werden. Auch hier wurde der eigene Körper als Bioreaktor genutzt. Stammzellen aus dem Becken wurden in einer Zentrifuge als Konzentrat angereichert und anschließend mit einem Knochenersatzstoff in den Defekt eingesetzt. Innerhalb von drei Monaten bildete sich eine stabile Knochenbrücke. Mit den bisherigen Möglichkeiten, der äußeren Überbrückung mit Metallstäben, hätte eine Heilung neun bis zwölf Monate gedauert. "Ich kann mittlerweile ohne Gehhilfe laufen und sogar wieder Wandern gehen", erklärte Gerhard B. Die Stoffwechseluntersuchung zeigte, dass das Implantat gut durchblutet und vital ist.

Weitere Informationen erhalten Sie Daniela Koss, Geschäftsführung Traumastiftung, unter Telefon (0511) 532 2027

Stefan Zorn | idw
Weitere Informationen:
http://www.mh-hannover.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Sicher und gesund arbeiten mit Datenbrillen
13.01.2017 | Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin

nachricht Vorhersage entlastet das Gehirn
13.01.2017 | Philipps-Universität Marburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Textiler Hochwasserschutz erhöht Sicherheit

Wissenschaftler der TU Chemnitz präsentieren im Februar und März 2017 ein neues temporäres System zum Schutz gegen Hochwasser auf Baumessen in Chemnitz und Dresden

Auch die jüngsten Hochwasserereignisse zeigen, dass vielerorts das natürliche Rückhaltepotential von Uferbereichen schnell erschöpft ist und angrenzende...

Im Focus: Wie Darmbakterien krank machen

HZI-Forscher entschlüsseln Infektionsmechanismen von Yersinien und Immunantworten des Wirts

Yersinien verursachen schwere Darminfektionen. Um ihre Infektionsmechanismen besser zu verstehen, werden Studien mit dem Modellorganismus Yersinia...

Im Focus: How gut bacteria can make us ill

HZI researchers decipher infection mechanisms of Yersinia and immune responses of the host

Yersiniae cause severe intestinal infections. Studies using Yersinia pseudotuberculosis as a model organism aim to elucidate the infection mechanisms of these...

Im Focus: Interfacial Superconductivity: Magnetic and superconducting order revealed simultaneously

Researchers from the University of Hamburg in Germany, in collaboration with colleagues from the University of Aarhus in Denmark, have synthesized a new superconducting material by growing a few layers of an antiferromagnetic transition-metal chalcogenide on a bismuth-based topological insulator, both being non-superconducting materials.

While superconductivity and magnetism are generally believed to be mutually exclusive, surprisingly, in this new material, superconducting correlations...

Im Focus: Erforschung von Elementarteilchen in Materialien

Laseranregung von Semimetallen ermöglicht die Erzeugung neuartiger Quasiteilchen in Festkörpersystemen sowie ultraschnelle Schaltung zwischen verschiedenen Zuständen.

Die Untersuchung der Eigenschaften fundamentaler Teilchen in Festkörpersystemen ist ein vielversprechender Ansatz für die Quantenfeldtheorie. Quasiteilchen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Künftige Rohstoffexperten aus aller Welt in Freiberg zur Winterschule

18.01.2017 | Veranstaltungen

Bundesweiter Astronomietag am 25. März 2017

17.01.2017 | Veranstaltungen

Über intelligente IT-Systeme und große Datenberge

17.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Der erste Blick auf ein einzelnes Protein

18.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Das menschliche Hirn wächst länger und funktionsspezifischer als gedacht

18.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Zur Sicherheit: Rettungsautos unterbrechen Radio

18.01.2017 | Verkehr Logistik