Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kinderunfälle: verletzte Milz nicht entfernen - Immunorgan schützt lebenslang vor Infekten

08.12.2014

Etwa 8000 Menschen ließen hierzulande im vergangenen Jahr ihre Milz auf dem Operations-Tisch – meist wegen einer Verletzung, etwa einem Milzriss. Unter den Operierten waren nur 300 Kinder und Jugendliche. Denn gerade junge Menschen brauchen ihre Milz für die körpereigene Abwehr. Kinderchirurgen bemühen sich deshalb, eine verletzte Milz zu retten anstatt das Immunorgan zu entfernen.

Unfälle beim Reiten, Downhill-Mountainbiking oder im Straßenverkehr, aber auch ein Sturz vom Wickeltisch verursachen in bis zu 15 Prozent schwere Verletzungen der Bauchorgane von Kindern. In einem Drittel der Fälle ist dabei die Milz betroffen. Ein Milzriss kann zum Schock und Tod durch Verbluten führen.

Bei Erwachsenen entfernen Ärzte deshalb meist die verletzte Milz. Jedoch bedeutet die Entnahme des Immunorgans für Patienten, dass sie lebenslang stärker anfällig für Infekte sind – bis hin zur Blutvergiftung mit Todesfolge.

„Dieses Risiko ist vor allem im Kindesalter, aber auch bei Jugendlichen noch einmal deutlich erhöht“, sagt Professor Dr. med. Bernd Tillig, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH).

Die Erkenntnisse über die Milz als wichtiges Organ hätten in der Kinderchirurgie in den letzten Jahren einen Wandel bewirkt: „Wir versuchen bei Kindern und Jugendlichen sehr gezielt, das Organ zu erhalten und eine Entnahme zu vermeiden“, erläutert Tillig, der Chefarzt der Kinderchirurgie am Klinikum Vivantes in Berlin ist.

Auch Fortschritte in Diagnostik und Therapie spielten bei dieser Entwicklung eine Rolle. So ist es heute möglich, eine Verletzung im Bauch zu orten, zu beurteilen und schonend zu behandeln. In etwa 98 Prozent der Fälle ist eine Verletzung der Milz heute erfolgreich ohne Operation zu behandeln.

„Voraussetzung ist jedoch, dass die Blutung beherrschbar und nicht primär lebensbedrohlich ist. Zudem müssen die Kliniken die entsprechende kinderchirurgische Expertise, spezialisierte Ärzte und die erforderliche technische Ausstattung besitzen“.

Oft helfen moderne interventionelle, radiologische Therapieverfahren, bei denen der Arzt kleine Katheter über eine Punktion in die Blutgefäße einführt und die Blutungen in der Milz durch gezielte Embolisierung stoppt.

Das nicht operative Vorgehen sei jedoch oftmals aufwändiger als die schnelle Entfernung der Milz. „Wir müssen unsere Patienten auf der Intensivstation Stunden bis Tage mit modernster Technik engmaschig überwachen. Da es bei schweren Milzverletzungen letztendlich um Leben und Tod geht, stehen wir rund um die Uhr bereit, um bei Bedarf die Blutung doch noch operativ stoppen zu können“. Kinderchirurgie bedeute mitunter eben auch, gezielt nicht zu operieren, so Tillig.

„Rein betriebswirtschaftlich gesehen ist das jedoch ein Verlustgeschäft“, gibt er zu Bedenken. Denn die Krankenkassen bezahlten im Rahmen ihrer Fallpauschalen für eine Milzentfernung mehr Geld als für einen Klinikaufenthalt, bei dem die Milz gerettet würde. Hier müsse noch nachjustiert werden, fordert er.

Quellen:
DRG-Statistik 2013 - Vollstationäre Patientinnen und Patienten in Krankenhäusern

Selective Angioembolization in Blunt Solid Organ Injury in Children and Adolescents: Review of Recent Literature and Own Experiences. Schuster, Tobias, Leissner, Giessbert. Eur J Pediatr Surg 2013;23:454–463.

Kontakt für Journalisten:

Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH)
Pressestelle
Dr. Adelheid Liebendörfer
Pf 30 11 20
70451 Stuttgart
Tel.: 0711 8931-173
Fax: 0711 8931-167
liebendoerfer@medizinkommunikation.org
presse@dgkch.de
http://www.dgkch.de 

Medizin - Kommunikation | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Sicher und gesund arbeiten mit Datenbrillen
13.01.2017 | Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin

nachricht Vorhersage entlastet das Gehirn
13.01.2017 | Philipps-Universität Marburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit solaren Gebäudehüllen Architektur gestalten

Solarthermie ist in der breiten Öffentlichkeit derzeit durch dunkelblaue, rechteckige Kollektoren auf Hausdächern besetzt. Für ästhetisch hochwertige Architektur werden Technologien benötigt, die dem Architekten mehr Gestaltungsspielraum für Niedrigst- und Plusenergiegebäude geben. Im Projekt »ArKol« entwickeln Forscher des Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern aktuell zwei Fassadenkollektoren für solare Wärmeerzeugung, die ein hohes Maß an Designflexibilität erlauben: einen Streifenkollektor für opake sowie eine solarthermische Jalousie für transparente Fassadenanteile. Der aktuelle Stand der beiden Entwicklungen wird auf der BAU 2017 vorgestellt.

Im Projekt »ArKol – Entwicklung von architektonisch hoch integrierten Fassadekollektoren mit Heat Pipes« entwickelt das Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern...

Im Focus: Designing Architecture with Solar Building Envelopes

Among the general public, solar thermal energy is currently associated with dark blue, rectangular collectors on building roofs. Technologies are needed for aesthetically high quality architecture which offer the architect more room for manoeuvre when it comes to low- and plus-energy buildings. With the “ArKol” project, researchers at Fraunhofer ISE together with partners are currently developing two façade collectors for solar thermal energy generation, which permit a high degree of design flexibility: a strip collector for opaque façade sections and a solar thermal blind for transparent sections. The current state of the two developments will be presented at the BAU 2017 trade fair.

As part of the “ArKol – development of architecturally highly integrated façade collectors with heat pipes” project, Fraunhofer ISE together with its partners...

Im Focus: Mit Bindfaden und Schere - die Chromosomenverteilung in der Meiose

Was einmal fest verbunden war sollte nicht getrennt werden? Nicht so in der Meiose, der Zellteilung in der Gameten, Spermien und Eizellen entstehen. Am Anfang der Meiose hält der ringförmige Proteinkomplex Kohäsin die Chromosomenstränge, auf denen die Bauanleitung des Körpers gespeichert ist, zusammen wie ein Bindfaden. Damit am Ende jede Eizelle und jedes Spermium nur einen Chromosomensatz erhält, müssen die Bindfäden aufgeschnitten werden. Forscher vom Max-Planck-Institut für Biochemie zeigen in der Bäckerhefe wie ein auch im Menschen vorkommendes Kinase-Enzym das Aufschneiden der Kohäsinringe kontrolliert und mit dem Austritt aus der Meiose und der Gametenbildung koordiniert.

Warum sehen Kinder eigentlich ihren Eltern ähnlich? Die meisten Zellen unseres Körpers sind diploid, d.h. sie besitzen zwei Kopien von jedem Chromosom – eine...

Im Focus: Der Klang des Ozeans

Umfassende Langzeitstudie zur Geräuschkulisse im Südpolarmeer veröffentlicht

Fast drei Jahre lang haben AWI-Wissenschaftler mit Unterwasser-Mikrofonen in das Südpolarmeer hineingehorcht und einen „Chor“ aus Walen und Robben vernommen....

Im Focus: Wie man eine 80t schwere Betonschale aufbläst

An der TU Wien wurde eine Alternative zu teuren und aufwendigen Schalungen für Kuppelbauten entwickelt, die nun in einem Testbauwerk für die ÖBB-Infrastruktur umgesetzt wird.

Die Schalung für Kuppelbauten aus Beton ist normalerweise aufwändig und teuer. Eine mögliche kostengünstige und ressourcenschonende Alternative bietet die an...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Aquakulturen und Fangquoten – was hilft gegen Überfischung?

16.01.2017 | Veranstaltungen

14. BF21-Jahrestagung „Mobilität & Kfz-Versicherung im Fokus“

12.01.2017 | Veranstaltungen

Leipziger Biogas-Fachgespräch lädt zum "Branchengespräch Biogas2020+" nach Nossen

11.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Proteinforschung: Der Computer als Mikroskop

16.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Vermeintlich junger Stern entpuppt sich als galaktischer Greis

16.01.2017 | Physik Astronomie

Erste "Rote Liste" gefährdeter Lebensräume in Europa

16.01.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz