Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

HIV trotz Therapie höchst aktiv

08.03.2016

FAU-Forscher vermuten bisher unentdecktes Virenversteck im Körper

Als eine der großen Erfolgsgeschichten in der modernen Medizin gilt die Einführung der HIV-Kombinationstherapie Mitte der Neunzigerjahre, die bisher unzähligen Infizierten das Leben rettete: Dabei versetzt ein Cocktail aus verschiedenen Medikamenten die tödlichen Viren in einen schlafähnlichen Zustand und unterdrückt deren Vermehrung. So der allgemeine Erkenntnisstand.


Bild: Colourbox.de

Dem widersprechen Mediziner vom Universitätsklinikum der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU). Sie konnten nachweisen, dass das HI-Virus trotz Therapie weiterhin hochaktiv ist. Ihre Forschungsergebnisse haben sie jetzt im Fachmagazin EBioMedicine veröffentlicht.

Durch den Medikamentencocktail sind in der Regel schon nach kurzer Zeit keine Viren mehr im Blut der Infizierten nachweisbar. Das Virus überlebt nur in wenigen Zellen. Dort ist es weitgehend inaktiv, faktisch ausgeschaltet, und vermehrt sich nicht weiter. Das ist seit etwa 20 Jahren Status quo in der HIV-Forschung.

Doch dagegen sprechen nach Ansicht des Erlanger Mediziners Prof. Dr. Andreas Baur mehrere Indizien. Unterbricht man die Therapie, steigt die Viruslast im Blut innerhalb nur weniger Tage deutlich an und der Gesundheitszustand der Patienten verschlechtert sich erneut. Außerdem erkranken HIV-Infizierte trotz Behandlung zum Beispiel häufiger an Tumor-Erkrankungen, Arteriosklerose oder Alzheimer.

Und in ihrem Blut ist häufig – etwa in einem Drittel der Fälle – eine sehr niedrige Zahl von Abwehrzellen, den sogenannten T-Helferzellen, nachweisbar, wie dies auch bei einer unbehandelten HIV-Infektion der Fall ist. Für die FAU-Forscher ein Indiz, dass sich irgendwo im Körper eine große Zahl von höchst aktiven HI-Viren verstecken muss, die den Organismus weiter attackieren – auch wenn die Patienten regelmäßig ihren Medikamentencocktail schlucken.

Das Team um Baur ist auf deutliche Spuren gestoßen, die für diese These sprechen – und zwar in sogenannten extrazellulären Vesikeln. Das sind winzige Bläschen, die wie Paketboten Stoffe zwischen Zellen hin- und hertransportieren. Ausgang ihrer Entdeckung war der Befund, dass diese Vesikel bei einer HIV-Infektion in ihrer Zahl bis um das Zwanzigfache ansteigen und sich trotz effizienter Behandlung nicht auf ein gesundes Niveau normalisieren.

Die Erlanger Wissenschaftler untersuchten die Vesikel genauer und waren überrascht, als sie darin in großer Zahl Eiweiße entdeckten, die nur dann entstehen, wenn HI-Viren sich vermehren. Eine weitere verblüffende Erkenntnis: Je mehr dieser Eiweiße sich im Blut der Patienten fanden, desto geringer war auch die Zahl der T-Helferzellen. Die Zahl dieser Zellen nimmt bei einer aktiven HIV-Infektion für gewöhnlich stark ab und führt zu einem Erliegen der Immunabwehr. Bislang konnte die Zahl dieser Zellen noch mit keinem Mechanismus direkt in Wechselbeziehung gebracht werden.

„Für uns deuten diese Befunde darauf hin, dass es im Körper der Infizierten ein bisher unbekanntes Virusreservoir geben muss, das trotz Behandlung weiter hochaktiv ist“, erklärt Professor Baur. „Seine gezielte Bekämpfung könnte die HIV-Behandlung deutlich verbessern, wenn nicht revolutionieren.“

Link zum Paper: http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2352396416300871
DOI: 10.1016/j.ebiom.2016.03.004

Ansprechpartner für die Medien
Prof. Dr. Andreas Baur
Tel.: 09131/85-39534
andreas.baur@uk-erlangen.de

Dr. Susanne Langer | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.fau.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Vitamin-Mangel, der Kampf gegen die Antriebslosigkeit und Nahrung für die Nerven
08.12.2016 | PhytoDoc Ltd.

nachricht Entschlüsselung von Kommunikationswegen zwischen Tumor- und Immunzellen beim Eierstockkrebs
06.12.2016 | Wilhelm Sander-Stiftung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Rätsel um Mott-Isolatoren gelöst

Universelles Verhalten am Mott-Metall-Isolator-Übergang aufgedeckt

Die Ursache für den 1937 von Sir Nevill Francis Mott vorhergesagten Metall-Isolator-Übergang basiert auf der gegenseitigen Abstoßung der gleichnamig geladenen...

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Im Focus: Significantly more productivity in USP lasers

In recent years, lasers with ultrashort pulses (USP) down to the femtosecond range have become established on an industrial scale. They could advance some applications with the much-lauded “cold ablation” – if that meant they would then achieve more throughput. A new generation of process engineering that will address this issue in particular will be discussed at the “4th UKP Workshop – Ultrafast Laser Technology” in April 2017.

Even back in the 1990s, scientists were comparing materials processing with nanosecond, picosecond and femtosesecond pulses. The result was surprising:...

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW

08.12.2016 | Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Einzelne Proteine bei der Arbeit beobachten

08.12.2016 | Biowissenschaften Chemie

Intelligente Filter für innovative Leichtbaukonstruktionen

08.12.2016 | Messenachrichten

Seminar: Ströme und Spannungen bedarfsgerecht schalten!

08.12.2016 | Seminare Workshops