Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Frankreich : neue Fortschritte in der Herzchirurgie

04.09.2012
Einem Elsässer Forscherteam des Instituts für Hämatologie in Mülhausen gelang zum ersten Mal die Transplantation körpereigener Blutstammzellen. Eine Revolution in der Herzchirurgie! Nach der für 2013 geplanten internationalen klinischen Studie könnte eine neue Behandlung in großem Maßstab für Herzinfarktopfer zur Anwendung kommen.

Diese Therapie ist nicht nur medizinisch, sondern auch finanziell eine Revolution: Herztransplantationen und Bypässe werden unnötig und die Medikamenteneinnahme wird deutlich reduziert.

Außerdem ist die ursprünglich von Prof. Philippe Hénon und seinem Forscherteam des Instituts für Hämatologie in Mülhausen erarbeitete und von der von ihm gegründeten Gesellschaft CellProthera entwickelte Methode sehr einfach umzusetzen: Den Herzinfarktopfern wird Blut abgenommen und die daraus entnommenen Stammzellen werden in einem Automaten innerhalb von neun Tagen vermehrt.

Die so gewonnenen Zelltransplantate werden dem Kranken anschließend direkt in die erkrankte Herzregion injiziert. Dies geschieht über einen Katheter, der in die Arteria radialis (Speicherarterie) eingeführt und bis zum Herzen vorgeschoben wird. Diese Behandlung ermöglicht eine schrittweise Regeneration der geschädigten Region.

2013 startet eine klinische Studie in Europa, den USA und Kanada: In den dort zugelassenen Zentren für Zelltherapie wird die Behandlung vorbereitet und von den Zentren für interventionelle Kardiologie vorgenommen. Dieses klinische Experiment, mit dem die Wirksamkeit der Behandlung in großem Maßstab nachgewiesen werden soll, ist die letzte Etappe einer etwa 10jährigen Forschungsarbeit – und sogar noch länger, denn das Institut für Hämatologie in Mülhausen erforscht bereits seit über 25 Jahren Blutstammzellen.

Es gehörte zu den ersten Instituten weltweit, die eine Transplantation mit körpereigenen Blutstammzellen zur Behandlung einer akuten Leukämie vornahmen – das war bereits 1986. Seitdem wird diese Transplantationstechnik allgemein zur Behandlung von Leukämien und bestimmten Krebserkrankungen eingesetzt.

Bereits 2002 wurde die bei Herzinfarktopfern angewandte Zelltherapie einer ersten klinischen Pilotstudie unterzogen. Inzwischen sind zehn Jahre vergangen – ausreichend Zeit, um zu bestätigen, dass diese Therapie herausragende Ergebnisse liefert. „Nach einer schrittweisen Verbesserung über zwei bis drei Jahre stabilisierte sich die Herztätigkeit. Heute geht es allen Patienten gut, sogar denen, deren Prognose zunächst sehr pessimistisch war. Bei drei Patienten, die sich einer Herztransplantation unterziehen sollten, konnte ein solch schwerwiegender Eingriff vermieden werden.“ so Philippe Hénon.

Das anfangs sehr komplexe Verfahren wurde mittlerweile deutlich vereinfacht und verbessert, unterstreicht Prof. Hénon. „Ein wichtiger Fortschritt besteht darin, dass die Injektion des Zelltransplantats, die zuvor während einer Bypass-Operation vorgenommen wurde, heute keinen chirurgischen Eingriff mehr notwendig macht. Sie kann von jedem interventionellen Kardiologen ambulant durchgeführt werden. Auch die Zellentnahme wurde vereinfacht; heute sind weder eine Krankenschwester, noch spezielle Ausrüstungen dafür nötig.“ Auch die Prototypen des Automaten wurden ständig weiterentwickelt.

Die Zelltherapie stößt jedoch bei der Behandlung von lange zurückliegenden Herzinfarkten an ihre Grenzen. Prof. Hénon möchte auf keinen Fall falsche Hoffnungen wecken und betont deshalb: „Der einzige Patient aus unserer ersten Versuchsreihe, den wir nicht retten konnten, hatte seinen Herzinfarkt acht Jahre zuvor. (…) In diesem Fall ist das Gewebe schon zu stark vernarbt und behindert die Zellimplantation und –entwicklung.“

Bei den ersten Versuchen wurden Patienten behandelt, deren Infarkt sechs Wochen bis sechs Monate zurücklag. Bei dem für das kommende Jahr geplanten Versuch auf internationaler Ebene wird dieser Zeitraum sogar noch weiter verkürzt: Die Behandlung wird an 150 Patienten durchgeführt, die maximal 1 Monat zuvor einen Infarkt hatten. Die Hälfte der Patienten wird in Europa und die andere in Nordamerika ausgewählt. Aufgrund der strengen Rahmenbestimmungen für therapeutische Protokolle wird die Anwendung in großem Maßstab frühestens 2015 starten. Diese Frist ermöglicht die Entwicklung einer kommerziell nutzbaren, noch ausgefeilteren Version des Automaten.

Derzeit werden vier Prototypen getestet: zwei in Mülhausen, einer in Paris an der Universität Pierre et Marie Curie auf dem Gelände des Saint-Antoine-Krankenhauses und ein weiterer in den USA, an der Universität in Toledo, Ohio, einem Partner von CellProthera. Ein fünfter Prototyp wird in Kürze geliefert. Er wird, wie auch die anderen, im innovativen Unternehmen Bertin Technologies in Montigny-le-Bretonneux, im Großraum Paris, hergestellt.

Selbst wenn die Zelltherapie, zumindest in der ersten Zeit, den schweren Herzinfarkten vorbehalten ist – 30 bis 35% der Fälle -, so profitieren doch jährlich eine Million neuer Patienten in den sieben wichtigsten europäischen Industrieländern, in Japan und den USA von dieser Therapie, ganz zu schweigen von den Klinikkonzernen weltweit, besonders in Indien, die bereits bei den französischen Forschern anfragen.

Redaktion : Sylvie Thomas

Quelle : Französisches Ministerium für Außwärtige Angelegenheiten

Weitere Informationen (auf französisch) :
Institut de Recherche en Hématologie et Transplantation http://www.biotechnologiefrance.org/fr/recherche/fiche.php?id=2692

Marie de Chalup | idw
Weitere Informationen:
http://www.biotechnologiefrance.org/fr/recherche/fiche.php?id=2692

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neuer Ansatz gegen Gastritis
10.08.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

nachricht Wenn Schimmelpilze das Auge zerstören
10.08.2017 | Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wissenschaftler entdecken seltene Ordnung von Elektronen in einem supraleitenden Kristall

In einem Artikel der aktuellen Ausgabe des Forschungsmagazins „Nature“ berichten Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Chemische Physik fester Stoffe in Dresden von der Entdeckung eines seltenen Materiezustandes, bei dem sich die Elektronen in einem Kristall gemeinsam in einer Richtung bewegen. Diese Entdeckung berührt eine der offenen Fragestellungen im Bereich der Festkörperphysik: Was passiert, wenn sich Elektronen gemeinsam im Kollektiv verhalten, in sogenannten „stark korrelierten Elektronensystemen“, und wie „einigen sich“ die Elektronen auf ein gemeinsames Verhalten?

In den meisten Metallen beeinflussen sich Elektronen gegenseitig nur wenig und leiten Wärme und elektrischen Strom weitgehend unabhängig voneinander durch das...

Im Focus: Wie ein Bakterium von Methanol leben kann

Bei einem Bakterium, das Methanol als Nährstoff nutzen kann, identifizierten ETH-Forscher alle dafür benötigten Gene. Die Erkenntnis hilft, diesen Rohstoff für die Biotechnologie besser nutzbar zu machen.

Viele Chemiker erforschen derzeit, wie man aus den kleinen Kohlenstoffverbindungen Methan und Methanol grössere Moleküle herstellt. Denn Methan kommt auf der...

Im Focus: Topologische Quantenzustände einfach aufspüren

Durch gezieltes Aufheizen von Quantenmaterie können exotische Materiezustände aufgespürt werden. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommen Theoretische Physiker um Nathan Goldman (Brüssel) und Peter Zoller (Innsbruck) in einer aktuellen Arbeit im Fachmagazin Science Advances. Sie liefern damit ein universell einsetzbares Werkzeug für die Suche nach topologischen Quantenzuständen.

In der Physik existieren gewisse Größen nur als ganzzahlige Vielfache elementarer und unteilbarer Bestandteile. Wie das antike Konzept des Atoms bezeugt, ist...

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

International führende Informatiker in Paderborn

21.08.2017 | Veranstaltungen

Wissenschaftliche Grundlagen für eine erfolgreiche Klimapolitik

21.08.2017 | Veranstaltungen

DGI-Forum in Wittenberg: Fake News und Stimmungsmache im Netz

21.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fraunhofer IPM präsentiert »Deep Learning Framework« zur automatisierten Interpretation von 3D-Daten

22.08.2017 | Informationstechnologie

Globale Klimaextreme nach Vulkanausbrüchen

22.08.2017 | Geowissenschaften

RWI/ISL-Containerumschlag-Index erreicht neuen Höchstwert

22.08.2017 | Wirtschaft Finanzen