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Biodiversität mit Biss: Weltgesundheitsorganisation stellt Giftschlangen online

06.05.2010
Bei einer Pressekonferenz in ihrem Genfer Hauptquartier hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) am 4. Mai 2010 eine neue Internet-Plattform mit Verbreitungskarten und Fotos von über 200 Giftschlangen-Arten vorgestellt.

Ziel der ungewöhnlichen „Verbrecherkartei“ ist die inhaltliche Ergänzung neuer Richtlinien zur Herstellung und Qualitätskontrolle von Immuntherapeutika zur Behandlung von Schlangenbissen, die zeitgleich veröffentlicht wurden.

Kürzlich erst wurden diese Gegengifte in die WHO-Liste der „Essential Medicines“ (unentbehrliche Arzneimittel) aufgenommen. Spät, wie viele Experten meinen, hatte doch auch die Anerkennung von Schlangenbiss-Vergiftungen als so genannte Vernachlässigte Tropenkrankheit („Neglected Tropical Disease“) auf sich warten lassen. „Das liegt daran, dass die Opfer von Schlangenbissen in ihren Heimatländern keine Lobby haben,“ meint Dr. Ulrich Kuch, der am LOEWE Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F) der Senckenberg Gesellschaft untersucht, wie sich das Risiko von Giftschlangen-Bissen durch den Klimawandel verändert: „Am schlimmsten von Schlangenbissen betroffen ist die arme Landbevölkerung in Entwicklungsländern. Die meisten dieser Leute erreichen nie ein Krankenhaus; ganz viele sterben in den Dörfern und tauchen in keiner Statistik auf. Die Zahlen und Bedarfsmeldungen aus solchen Ländern kommen aber fast immer von Gesundheitspolitikern der Hauptstädte. Dort kommen Schlangenbisse nur selten vor, und so entsteht ein falsches Bild der Lage.“ Das könnte sich nun ändern.

Mit den neuen WHO-Richtlinien, die bei mehreren internationalen Workshops und Experten-Konsultationen erarbeitet wurden, begegnet die Weltgesundheitsorganisation dem Ernst der Lage mit deutlichen Ratschlägen an die UN-Mitgliedsstaaten. So sollen diese für eine bessere Registrierung von Vergiftungs- und Todesfällen sorgen, indem sie etwa Schlangenbiss-Vergiftungen zu einer meldepflichtigen Erkrankung erklären. Schätzungen zufolge werden jährlich etwa 5 Millionen Menschen von Schlangen gebissen, 2,5 Millionen dadurch vergiftet; über 100.000 Tote weltweit seien die Folge.

„Die Grundlage für diese Zahlen ist aber unsicher, weil es für viele Gebiete der Erde gar keine belastbaren Daten gibt,“ sagt Kuch. „Neueste Untersuchungen haben gezeigt, dass allein in Bangladesch jedes Jahr 6000 Menschen durch Giftschlangen sterben. Die globale Sterblichkeit durch Schlangenbisse dürfte also deutlich höher liegen, als man bisher glaubt.“ Hinzu kommt eine große Zahl von Menschen, die nach einer überlebten Vergiftung bleibende Schäden davontragen; manche Experten rechnen mit 400.000 Amputationen nach Schlangenbissen pro Jahr.

„Die Gifte vieler Schlangen enthalten Toxine, die Haut, Muskeln und Blutgefäße auflösen. Im Normalfall hilft das bei der Verdauung von Mäusen und Ratten, die unzerkleinert verschlungen werden. Dadurch sind Giftschlangen nützlich, weil sie Schädlinge der Landwirtschaft vertilgen, und weil wir uns ihre Toxine auch kontrolliert für die Medizin nutzbar machen“ betont Kuch. „Beim Biss haben solche Toxine in großer Dosis aber verheerende Folgen. Gerade Kinder sind wegen ihres geringeren Körpergewichts besonders schwer betroffen, verlieren Arme oder Beine. Durch gute und rechtzeitige Therapie könnte das vermieden werden, denn Schlangenbiss-Vergiftungen können prinzipiell sehr erfolgreich behandelt werden, oft reicht eine einzige Infusion – wenn man das richtige Gegenmittel hat!“ Daran mangelt es aber weltweit, berichtet die WHO.

In ihrer Erklärung betont die Organisation die dringende Notwendigkeit, die Verfügbarkeit sicherer, wirksamer und bezahlbarer Gegengifte zu gewährleisten und die Kontrolle ihrer Herstellung, Einfuhr und Vermarktung zu verbessern. In vielen Ländern Afrikas und Asiens gibt es gar keine Immuntherapeutika gegen Schlangengifte mehr; andere importieren noch kostspielig Produkte, von denen niemand weiß, ob sie überhaupt wirksam sind, oder überlassen das Thema ganz dem Schwarzmarkt. Dass durch die skrupellose Vermarktung unwirksamer Präparate bereits viele Bissopfer gestorben sind, ist kein Geheimnis mehr. „Dazu kommt aber auch noch echte Unkenntnis; tatsächlich gibt es große Wissenslücken über die Biodiversität sowohl der Schlangen als auch ihrer Toxine, die gefüllt werden müssen,“ ergänzt der Forscher.

In der Zeitschrift „PLoS Neglected Tropical Diseases“ listet Kuch zusammen mit Kollegen aus Nepal, Indien und der Schweiz eine ganze Reihe von Schlangenarten auf, die in Südasien von medizinischer Bedeutung sind. In der Region verfügbar sind aber nur Gegengifte indischer Herstellung, die alle durch die Immunisierung von Pferden mit den gleichen vier Schlangengiften gewonnen wurden. Deren Unwirksamkeit ist bei manchen Arten bekannt, bei anderen noch völlig unklar. „In ihrer Not führen die Ärzte, oft unwissend und völlig unkontrolliert, experimentelle Behandlungen durch, nach dem Motto, es könnte ja vielleicht doch etwas helfen.“ Das ist verständlich, aber gefährlich und teuer: „In Nepal bekommen Patienten in manchen Krankenhäusern so hohe Dosen der Immunglobuline, dass ein gesunder Mensch schon allein daran sterben könnte – schließlich erkennt der Körper ja, dass es sich um Antikörper von Pferden handelt, die ihm in die Vene gespritzt werden. In anderen Landesteilen gibt es gar keine Behandlung.“ Oft sind die Medikamente zudem noch verunreinigt, was zusätzliche Nebenwirkungen zur Folge hat.

Wichtig ist auch die Entscheidung über den Einsatz der lebensrettenden Medizin, die nicht bei jedem Biss benötigt wird. So berichten die Forscher in den „Transactions of the Royal Society of Tropical Medicine and Hygiene“ darüber, wie viele Bisse etwa in Bangladesch durch ungiftige Schlangen verursacht werden. Solche Patienten brauchen überhaupt kein Gegengift. Weil es aber noch keine spezifischen Tests gibt, um festzustellen, welche Schlange zugebissen hat, müssen sie 24 Stunden lang im Krankenhaus beobachtet werden – das belastet die ohnehin überfüllten Kliniken erheblich.

„Die Stellungnahme der WHO macht klar, dass die internationale Staatengemeinschaft dazu aufgerufen ist, umfassende und koordinierte Maßnahmen zur Bereitstellung und adäquaten Anwendung dieser unverzichtbaren Therapeutika zu ergreifen. Dazu gehören auch Abschätzungen des Bedarfs, die auf realen Zahlen beruhen und die Vielfalt der beteiligten Giftschlangen ebenso berücksichtigen wie die Variabilität ihrer Gifte,“ sagt Kuch, der als Fachgutachter Zugang zu den gesammelten Daten der WHO hatte.

Zugleich nimmt die Weltgesundheitsorganisation die Mitgliedsstaaten in die Pflicht, das ihre zu tun, um die Erfassung dieses lange übersehenen Gesundheitsproblems voranzubringen, Gegengifte vor ihrer Anwendung zu testen und als reguläre Medikamente zuzulassen und zu kontrollieren. Dass jedes Land eine eigene Schlangenfarm zur Giftproduktion haben sollte, ist eine der Schlüsselforderungen der WHO. „Nur so kann die Wirksamkeit der Immunglobuline gegen die örtlichen Schlangengifte getestet werden und, wenn nötig, ein spezielles Produkt für eine bestimmte Region hergestellt werden,“ erklärt der Biologe. „In Zusammenarbeit mit unseren Partnern in Asien und Lateinamerika haben wir schon ganz erstaunliche Unterschiede zwischen den Giften einer Art aus verschiedenen Ländern festgestellt. Egal, was auf der Packung steht: An weiterer Forschung und am Test der Medikamente, auch im Tierversuch an Labormäusen, führt kein Weg vorbei.“

Hintergrundinformation:

Mit dem Ziel, anhand eines breit angelegten Methodenspektrums die komplexen Wechselwirkungen zwischen Biodiversität und Klima zu entschlüsseln, wird das Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F) seit 2008 im Rahmen der hessischen Landes-Offensive zur Entwicklung Wissenschaftlich-ökonomischer Exzellenz (LOEWE) gefördert. Die BiK-F-Projektgruppe für Medizinische Biodiversitätsforschung untersucht den Einfluss des Klimawandels auf medizinisch relevante Tier- und Pflanzenarten.

Die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und die Goethe Universität Frankfurt am Main sowie weitere direkt eingebundene Partner kooperieren eng mit regionalen, nationalen und internationalen Institutionen aus Wissenschaft sowie Ressourcen- und Umweltmanagement, um Projektionen für die Zukunft zu entwickeln und wissenschaftlich gesicherte Empfehlungen für ein nachhaltiges Handeln zu geben.

LOEWE Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F)
Dr. Julia Krohmer
Senckenberganlage 25
60325 Frankfurt
Tel.: 069-75421837
Fax: 069-75421800
E-Mail: jkrohmer@senckenberg.de
Weitere Informationen:
http://Originalpublikationen:
http://www.plosntds.org/article/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pntd.0000603
http://www.tropicalmedandhygienejrnl.net/article/S0035-9203%2809%2900399-X
http://außerdem:
http://www.who.int/mediacentre/news/notes/2010/antivenoms_20100504/en/index.html
http://www.who.int/mediacentre/factsheets/fs337/en/index.html
http://www.who.int/bloodproducts/snake_antivenoms
http://www.who.int/neglected_diseases/diseases/snakebites
http://www.bik-f.de

Regina Bartel | idw
Weitere Informationen:
http://www.senckenberg.de

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