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Blockade gegen Multiple Sklerose

29.05.2007
Die Krankheit beginnt meist mit Sehstörungen, Taubheitsgefühlen oder Bewegungsproblemen und schreitet oft fort bis hin zu Lähmungen: Noch immer ist die Multiple Sklerose (MS) in ihren schlimmsten Formen unheilbar, wenngleich sich ihr Verlauf durch Medikamente und Physiotherapie mildern lässt. So sind dringend neue Therapien für die weltweit etwa eine Million Patienten gefragt.

Dr. Claudia Denkinger hat am Institut für Virologie und Immunbiologie der Universität Würzburg und an der Case Western Reserve University in Cleveland (USA) ein Molekül erforscht, das bei der Entstehung der Krankheit eine wichtige Rolle spielt - und das sich als Ansatzpunkt für innovative Medikamente eignen könnte. Die Nürnberger Novartis-Stiftung für therapeutische Forschung hat die Leistung der Würzburger Wissenschaftlerin nun mit einem Graduierten-Stipendium honoriert. Es ist mit 8.000 Euro dotiert und wurde der 29jährigen Medizinerin bei der Promotionsfeier der Medizinischen Fakultät in der Neubaukirche verliehen.

Die Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche, in Schüben verlaufende Autoimmun-Erkrankung, bei der das Immunsystem die Myelin-Schutzhülle der Nervenfasern in Gehirn und Rückenmark fälschlicherweise angreift und zerstört. Deshalb können Nervenimpulse nicht mehr korrekt weitergeleitet werden. Eine Schlüsselrolle im Krankheitsprozess spielen die T-Zellen des Immunsystems, die normalerweise zwischen körpereigenem Gewebe und Eindringlingen wie Bakterien oder Viren unterscheiden - und die gewöhnlich nicht ins Nervensystem eindringen. Durch einen noch nicht genau verstandenen Mechanismus werden sie bei der MS aktiviert, wandern ins Nervensystem und richten sich dort gegen die Myelin-Hülle.

In dieser komplexen Kommunikation von Immunzellen und Molekülen hat die Stiftungs-Stipendiatin den so genannten Makrophagen-Inhibitions-Faktor (MIF) betrachtet. Dieses Molekül beeinflusst wichtige Signalwege der Körperabwehr - und erhöht in bestimmten genetischen Variationen offenbar das Risiko, an einem Autoimmun-Leiden zu erkranken. Claudia Denkinger, die seit 2005 an der Harvard-Universität forscht und ihre Facharztausbildung macht, arbeitete mit einem Antikörper, der das MIF-Molekül blockiert und damit dessen Wirkung abschwächt. Diese Substanz injizierte sie erstmals Labormäusen mit einer Multiple-Sklerose-ähnlichen Krankheit ("akute Experimentelle Autoimmune Enzephalomyelitis").

Resultat: "Die Krankheitssymptome der Nager besserten sich schneller als bei unbehandelten Tieren, die Behandlung erwies sich als hoch wirksam", sagt die Forscherin. Die Angriffe des Immunsystems gegen die Myelin-Hüllen seien vermindert gewesen. Offenbar verhindere die MIF-Blockade, dass T-Zellen ins Nervensystem einwandern. Denn im Gehirn der Tiere fanden sich weniger T-Zellen - und diese scheinen zudem ungefährlicher zu sein und schneller als üblich abzusterben. Die Stipendiatin sieht hier einen "viel versprechenden neuen Ansatz in der MS-Therapie", zumal sich diese selektiv gegen jene T-Zellen richtet, die die Myelin-Hüllen attackieren. Außerdem lasse sich MIF nicht nur mit Antikörpern ausschalten, sondern auch mit einfacher zu handhabenden "kleinmolekularen Stoffen", die derzeit entwickelt werden.

Claudia Denkinger stammt aus Ehingen an der Donau und studierte Medizin an der Uni Würzburg. Nach dem Studium ging sie ans Beth Israel Deaconess Medical Center in Boston, ein Krankenhaus der Harvard-Universität, um dort ihre Facharztausbildung in der Inneren Medizin zu machen. Neben der klinischen Ausbildung widmet sie sich derzeit einem Projekt im Bereich der Tuberkulose, bei dem es ebenfalls um möglich neue Therapieansätze geht.

"Mir macht es Spaß, hier in den USA Medizin zu praktizieren, und längerfristig sind die Bedingungen, Forschung und Klinik zu verbinden, hier optimal", sagt die Preisträgerin. Ihre Zukunft sieht sie in der Infektiologie. Zum jetzigen Zeitpunkt allerdings wolle sie sich noch nicht festlegen, ob das in den USA oder in Europa sein wird. "In Europa zu leben ist schöner. Im Moment liegt aber der Schwerpunkt meines Lebens auf der Medizin, und da fühle ich mich hier in Boston wohler."

Die Novartis-Stiftung für therapeutische Forschung in Nürnberg gehört zu den ältesten und größten Unternehmensstiftungen im medizinischen Bereich in Deutschland. Sie verfügt über ein Stammkapital von zwölf Millionen Euro. Die Förderaktivitäten werden aus den Zinserträgen dieses Kapitals bestritten und belaufen sich gegenwärtig auf jährlich etwa 650.000 Euro. Der Hauptteil fließt in Forschungsprojekte; des Weiteren finanziert die Stiftung Graduiertenstipendien an zehn deutschen Universitäten zur Förderung besonders qualifizierter junger Wissenschaftler.

Robert Emmerich | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-wuerzburg.de/presse

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