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Diagnose aus der Ferne

17.01.2001


Telepathologie am Universitätsklinikum

Münster


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Als zweites Universitätsklinikum in Deutschland verfügt Münster jetzt über eine moderne Telepathologie-Einrichtung. Sie erlaubt die mikroskopische Ferndiagnostik von Gewebeproben, erspart damit Zeit und
Geld und eröffnet neue Perspektiven für Krankenversorgung, Forschung und Lehre.

 

Ist der Tumor gut- oder bösartig? Letzte Sicherheit über diese und andere wichtige Fragen, von denen das weitere Vorgehen bei einer Operation abhängen kann, bringt oft erst eine Gewebeprobe, die vom Operateur während des chirurgischen Eingriffs entnommen, von einem Kurierdienst zum nächsten Pathologielabor transportiert und dort umgehend aufbereitet und mikroskopisch untersucht wird. Sobald der Befund dieser so genannten Schnellschnitt-Diagnostik vorliegt, was bei oft kilometerweiter Entfernung Zeit und Geld kostet, kann die Operation fortgesetzt werden. So war es bislang, und so ist es bundesweit auch nach wie vor weitgehend die Regel. Die Zukunft liegt indes in der mikroskopischen Ferndiagnostik.

Am Universitätsklinikum Münster hat die Zukunft bereits begonnen. Als erste Universitätsklinik in Nordrhein-Westfalen und nach der Charité in Berlin als bislang erst zweites Uni-Klinikum in Deutschland verfügt es jetzt über eine moderne Telepathologie-Einrichtung, über die Aufnahmen der Gewebeproben nicht nur online vom OP zur Pathologie geschickt werden können, sondern der Pathologe darüber hinaus die Möglichkeit hat, über ein mit der Computermaus fernsteuerbares Robotermikroskop selber bestimmte Ausschnitte der übermittelten Bilder auszuwählen und nach Wunsch in bis zu 40-facher Vergrößerung genauer zu betrachten.

Installiert wurde die Anlage der Firma Nikon/Zem im Schnellschnitt-Labor der Klinik für Allgemeine Chirurgie. Dieses kleine, nach neuestem technischem Standard ausgestattete Labor wurde im Zuge des vor einiger Zeit erfolgten Umbaus des OP-Traktes eigens im Hinblick auf dieses Vorhaben eingerichtet. Das System besteht aus einem Rechner mit entsprechender Software, einer so genannten Makrokamera und dem besagtem hochleistungsfähigen Robotermikroskop. Sobald die Gewebeprobe vom unmittelbar benachbarten OP ins Labor gereicht worden ist, wird sie von einer MTA zunächst abgewaschen und grob zugeschnitten und dann unter die Makrokamera gelegt, mit der eine Gesamtaufnahme des entnommenen Gewebes anfertigt wird. Dieses Bild wird jetzt per Mausklick via Internet ins Gerhard-Domagk-Institut für Pathologie des Universitätsklinikums
übertragen, wo sie der verantwortliche Pathologe an seinem Computermonitor in Augenschein nimmt.

Nach dieser ersten Grobinspektion meldet er den Partnern in der Chirurgie, welchen Bereich des Gewebes er sich genauer anschauen will. In einem speziellen Gerät, dem so genannten Gefriermikrotom, werden von diesem auf einem Träger fixierten Stückchen Gewebe bei minus 28 Grad Celsius hauchdünne Schnitte angefertigt, die wiederum auf einen Glasträger gebracht und eingefärbt werden, bevor sie unter das Robotermikroskop gelegt und erneut über die Glasfaserverbindung zur Pathologie geschickt werden. Der gesamte Prozess vom Hereinreichen des Gewebes aus dem OP bis zur Übertragung der Schnitte dauert gerade einmal etwa zehn Minuten. Statt wie früher selber am Mikroskop zu sitzen, betrachtet der Pathologe die Gewebeschnitte jetzt am Monitor. Dennoch ist er nicht auf die übertragenen Bilder angewiesen, sondern kann von seinem Arbeitsplatz aus das Mikroskop in der Chirurgischen Klinik mit der Maus fernsteuern.

Bis telefonisch der Befund aus der Pathologie eintrifft und die Operation weitergehen kann, sind in der Regel insgesamt etwa 25 Minuten verstrichen. Während dies am Universitätsklinikum selber zwar kaum einen Gewinn gegenüber den Zeiten des Kurierdienstes bringt, da die Gebäude der Chirurgie und Pathologie nur einen Steinwurf voneinander entfernt sind, können entferntere Krankenhäuser enorm profitieren. Immerhin 80 Prozent aller deutschen Krankenhäuser haben keinen eigenen Pathologen , sondern bedienen sich der Dienste teilweise etliche Kilometer entfernter Labors. So beispielsweise die Gynäkologische Abteilung des Marienhospitals in Steinfurt-Borghorst, das bislang seine Proben immer per Taxi ins rund 30 Kilometer entfernte Pathologische Institut des münsterschen Universitätsklinikums geschickt hat. Diese Abteilung ist der erste externe Partner der Telepathologie-Einrichtung in Münster. Durch Nutzung von Datenautobahn statt Bundesbahn bei Übermittlung der Gewebeproben hat sich das Warten auf die Befunde spürbar verkürzt. Zwei weitere Krankenhäuser in Lünen und Wilhelmshaven haben ebenfalls bereits großes Interesse an einer Kooperation bekundet.

Doch auch für das Universitätsklinikum bringt die Telepathologie Perspektiven, von denen man früher nicht zu träumen wagte. So besteht jetzt beispielsweise die Möglichkeit, innerhalb kürzester Zeit auch auswärtige Experten zu Rate zu ziehen. Sollte unerwartet nachts eine besondere Operation anstehen und in der Pathologie niemand zu erreichen sein, könnte die Gewebeprobe online zum Beispiel einem Pathologen in den USA geschickt und sein Befund eingeholt werden. Und freilich wird die Telepathologie-Einrichtung auch nicht nur im Rahmen der Schnellschnitt-Diagnostik genutzt werden. Um eine zweite oder dritte Meinung über diffizile Fälle einzuholen, wurden schon immer Experten in aller Welt eingeschaltet. Der Glasträger mit dem Gewebeschnitt wurde dabei bislang in einen Briefumschlag gesteckt und konventionell mit der Post verschickt. Verständlich, dass dabei schon mal zwei bis drei Wochen ins Land gehen, bis der Befund eintrifft.

Die Telepathologie eröffnet die Möglichkeit, innerhalb kürzester Zeit rund um die Welt Spezialisten hinzuziehen. Der Experte könnte seine Diagnose theoretisch sogar vom Liegestuhl am Strand von Copacabana aus treffen, vorausgesetzt er hat einen Laptop dabei. Die nötige Software, für die er eine temporäre Lizenz erhält, wird ihm von Münster aus überspielt. Die Datenübertragung kann alternativ über ISDN, Internet oder Satelliten erfolgen. Ob sich der eingeschaltete Pathologe im Labor gleich nebenan oder in New York oder Kapstadt befindet, spielt also künftig keine Rolle mehr. Als einer der vielen Vorteile der mikroskopischen Ferndiagnostik zeichnet sich damit unter anderem die Bildung von Kompetenzzentren für besondere Fragestellungen ab. Weitere vielversprechende Perspektiven sehen die münsterschen Mediziner nicht nur in Krankenversorgung und Forschung, sondern auch in der Lehre. So besteht jetzt die Möglichkeit, Aufnahmen von Gewebeproben in den Hörsaal zu übertragen und von dort aus das Robotermikroskop zu bedienen, so dass die Studierenden einen authentischen Eindruck einer histologischen Untersuchung bekommen.

Bis die Telepathologie ein etabliertes Verfahren in der Schnellschnitt- und Konsultationsdiagnostik ist, werden die verschiedenen Möglichkeiten gleichwohl noch eingehend erprobt und beurteilt werden müssen. Insofern haben die jetzt gestarteten Aktivitäten in Münster und Borghorst noch den Charakter eines Pilotprojektes. Der Installation der Telepathologie-Einrichtung in der münsterschen Universitätsklinik für Allgemeine Chirurgie sind rund drei Jahre intensiver Planung vorausgegangen. Bevor die Entscheidung für die Anlage fiel, wurden vier verschiedene Systeme in großzügig angelegten Feldversuchen über mehrere Monate getestet. Rund 150.000 Mark hat die Anlage gekostet, weitere rund 250.000 Mark die Einrichtung des Schnellschnitt-Labors. Mittlerweile ist die Erprobungsphase abgeschlossen und die Telepathologie hat ihren festen Platz im klinischen Alltag erobert.

Jutta Reising | idw

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