Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ich will so sterben, wie ich will

10.01.2002


Jenaer Philosoph kritisiert die Einstellung der Ärzte zur aktiven Sterbehilfe

Sterbehilfe - das Wort lässt so manchem einen kalten Schauer den Rücken hinunterrieseln. Seit die Nationalsozialisten unter dem Deckmantel der Euthanasie (griechisch für "schöner Tod") an die hunderttausend körperlich und geistig behinderte Menschen als "lebensunwert" ermordeten, hat das Wort besonders in Deutschland einen unheilvollen Klang. Und dennoch möchten nicht wenige Menschen über den Zeitpunkt ihres Todes selbst bestimmen - sie fürchten, im Alter oder nach einer schweren Krankheit lang und qualvoll dahinzusiechen.

Jetzt hat sich Thüringens Justizminister Andreas Birkmann zum heiklen Problem der Sterbehilfe geäußert. "Aktive Sterbehilfe - mit mir nicht", so das Fazit seiner Äußerungen. Bei der aktiven Sterbehilfe gibt der Arzt dem Patienten ein Medikament oder eine Spritze, die schmerzlos zum Tode führt. Das aber ist nach Paragraph 216 Strafgesetzbuch verboten - und zwar auch dann, wenn der Patient dies ausdrücklich wünscht und den Arzt sogar anfleht, sein Leben zu beenden. Erlaubt ist allerdings eine passive Sterbehilfe, bei der der Arzt lebensverlängernde, aber eben auch gleichzeitig leidensverlängernde Maßnahmen unterlässt. Aber auch hier muss der Patient ausdrücklich einwilligen - möglichst schriftlich, im Notfall reicht jedoch auch das Zeugnis der Angehörigen. Solche Patientenverfügungen oder Vorsorgevollmachten - die für den Arzt bindend sind - will Birkmanns Ministerium demnächst mit einer Broschüre populärer machen.

Der Jenaer Philosoph Prof. Klaus-M. Kodalle ist freilich anderer Meinung als Birkmann. Ausschlaggebend, da stimmt er Birkmann zu, sei der Wille der Patienten. Jeder habe es mithin in der Hand, sein Sterben zu beeinflussen. Bedenken meldet Kodalle aber gegen die Absicht an, die Willensfreiheit der Patienten bei der aktiven Sterbehilfe einzuschränken.

Wer aktive Sterbehilfe ablehne, obwohl der Kranke sie für sich persönlich in seiner Situation wünsche, der verhalte sich zu starr. Aktive, passive und indirekte Sterbehilfe ließen sich gar nicht so strikt voneinander trennen, wie immer wieder behauptet wird - das hätten auch die Diskussionen auf dem letzten Thüringentag für Philosophie gezeigt. Zwar sei der Unterschied zwischen aktivem Tun und passivem Unterlassen höchst bedeutsam, in ihrer Wirkung seien beide im konkreten Einzelfall jedoch häufig gar nicht zu unterscheiden. Noch klammerten sich Politiker, Juristen und Ärzte an eine solche Unterscheidung wie an einen rettenden Strohhalm. Indessen, wenn man einen Missbrauch der Sterbehilfe verhindern wolle, müsse man andere Wege finden. In Zukunft werde es wohl noch eine heftige Werte-Diskussion zu diesem Thema geben.

Kodalle bezeichnet es weiter als nicht hinnehmbar, dass die Ärzteorganisationen es in ihren offiziellen Stellungnahmen als "unethisch" ablehnen, einem kranken Menschen zu helfen, seinem Leben selbst ein Ende zu machen, um so einem elenden Sterben zuvorzukommen. Solche Hilfe sei auch heute schon legal möglich. Es gebe also offensichtlich noch viel Diskussionsbedarf.

Der Politik empfiehlt Kodalle, sich mit voreiligen Festlegungen á la "Thüringen wird..." zurückzuhalten: Schließlich sei es nicht Aufgabe einer Landesregierung, die Grundlagen des Verhaltens der Bürger festzulegen. Nötig sei vielmehr ein Prozess gründlicher Urteilsbildung. Erst wenn dieser stattgefunden hat, sei das Parlament gefragt, in kluger Zurückhaltung einen neuen gesetzlichen Rahmen für das Arzt-Patienten-Verhältnis festzulegen.

Weitere Informationen: Friedrich-Schiller-Universität Jena, Philosophische Fakultät, Lehrstuhl für Praktische Philosophie / Ethik, Zwätzengasse 9, 07743 Jena, Prof. Dr. Klaus-M. Kodalle, Telefon 03641/944121, Fax 03641/944122, E-Mail: x8kokl@uni-jena.de

Hubert J. Gieß | idw

Weitere Berichte zu: Sterbehilfe

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Entschlüsselung von Kommunikationswegen zwischen Tumor- und Immunzellen beim Eierstockkrebs
06.12.2016 | Wilhelm Sander-Stiftung

nachricht Tempo-Daten für das „Navi“ im Kopf
06.12.2016 | Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e.V. (DZNE)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Im Focus: Significantly more productivity in USP lasers

In recent years, lasers with ultrashort pulses (USP) down to the femtosecond range have become established on an industrial scale. They could advance some applications with the much-lauded “cold ablation” – if that meant they would then achieve more throughput. A new generation of process engineering that will address this issue in particular will be discussed at the “4th UKP Workshop – Ultrafast Laser Technology” in April 2017.

Even back in the 1990s, scientists were comparing materials processing with nanosecond, picosecond and femtosesecond pulses. The result was surprising:...

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Im Focus: Shape matters when light meets atom

Mapping the interaction of a single atom with a single photon may inform design of quantum devices

Have you ever wondered how you see the world? Vision is about photons of light, which are packets of energy, interacting with the atoms or molecules in what...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Das Universum enthält weniger Materie als gedacht

07.12.2016 | Physik Astronomie

Partnerschaft auf Abstand: tiefgekühlte Helium-Moleküle

07.12.2016 | Physik Astronomie

Bakterien aus dem Blut «ziehen»

07.12.2016 | Biowissenschaften Chemie