Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Die Drogenkonsumenten werden immer jünger

22.11.2001


Forschungsteam der Universität Bielefeld fordert bessere Koordination von Familien-, Jugend- und Drogenhilfe mit der ärztlichen Versorgung - Hilfe für drogengefährdete Jugendliche kommt meist zu spät

Der Konsum von legalen und illegalen psychoaktiven Substanzen setzt immer früher ein. Schon im Grundschulalter haben Medikamente mit schmerzstillender oder leistungssteigernder Wirkung große Verbreitung. Im Alter von sieben Jahren gibt es die ersten Probierer von Zigaretten, im Alter von neun die ersten Probierer von Alkohol. Im Alter von zwölf Jahren muss bereits mit fünf Prozent regelmäßigen Alkoholkonsumenten und sieben Prozent regelmäßigen Zigarettenrauchern gerechnet werden. Bei den illegalen Substanzen liegt Cannabis an der Spitze der Entwicklung; der Einstieg erfolgt meist im Alter um die 15 Jahre mit etwa vier Prozent regelmäßigen Nutzern pro Jahrgang. In den letzten Jahren haben auch Designerdrogen mit aufputschender und anregender Wirkung stark an Verbreitung gewonnen; sie erreichen im Alter von 15 Jahren eine Verbreitung von etwa vier Prozent regelmäßiger Nutzung.

Diese Ergebnisse aus Erhebungen und Analysen eines Forschungsteams unter Leitung von Professor Klaus Hurrelmann von der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld wurde am Freitag beim Jahreskongress des nordrhein-westfälischen Forschungsverbundes Public Health in Düsseldorf vorgestellt. Die Studien des Bielefelder Projektes zeigten, dass überwiegend psychische und soziale Motive für den Einstieg in den Drogenkonsum wirksam sind. "Dreh- und Angelpunkt" ist eine Einschränkung des Selbstwertgefühls. Der Hintergrund kann in gestörter Anerkennung in der Familie und in Konflikten mit den Eltern, in schulischen Leistungskrisen, Kontaktproblemen in der Gleichaltrigengruppe und gegenüber dem anderen Geschlecht und in einer unklaren Zukunftsperspektive liegen, so Professor Hurrelmann.

Vorbeugende (präventive) Strategien müssen nach den Erkenntnissen der Bielefelder Forscher unmittelbar auf die soziale und psychische Ausgangslage der Konsumenten Rücksicht nehmen. In Zusammenarbeit mit Schulklassen in Dortmund und Bielefeld wurden von der Bielefelder Gruppe in den letzten Jahren Konzepte für den schulischen Bereich entwickelt. Durch eine betont sachliche Information über legale und illegale psychoaktive Substanzen, die altersangemessen aufgebaut wird, konnte bei den Schülerinnen und Schülern der 5. bis 7. Jahrgänge kritisches Wissen über Drogen und Sucht aufgebaut werden. Sowohl gegenüber Tabak als auch gegenüber Alkohol konnte eine "mentale Distanz" gebildet werden: Die Schülerinnen und Schüler aus den zehn Schulklassen mit einem vorbeugenden Programm zeigten nach zwei Jahren deutlich höhere Ablehnungen des Konsums von Tabak und Alkohol als die Schülerinnen und Schüler aus den Vergleichsklassen, in denen kein Programm durchgeführt wurde.

Ein besonderes Problem für die vorbeugende Arbeit stellen nach den Bielefelder Studien diejenigen Jugendlichen dar, die schon häufig zu legalen und illegalen Drogen greifen. Diese Jugendlichen werden von schulischen Vorbeugeprogrammen nicht mehr angesprochen. In Zusammenarbeit mit mehreren Beratungseinrichtungen in Dortmund, Köln und Bielefeld wurde hierzu eine systematische Bestandsaufnahme vorgenommen. Ergebnis ist, dass auch die Jugendhilfe, Drogenhilfe und psychiatrische Kliniken nur schwer in der Lage sind, die unter 18-jährigen stark Drogengefährdeten zu erreichen. Die Untersuchungen zeigen zugleich, wie schnell es zu einer Verfestigung einer "Drogenkarriere" kommt, wenn nicht frühzeitige Hilfen einsetzen. Die Untersuchung schätzt, dass etwa fünf Prozent aller unter 18-Jährigen in deutschen Großstädten zu dieser Risikogruppe gehören.

Das Team unter der Leitung von Hurrelmann befragte Jugendliche aus dieser Risikogruppe an verschiedenen Szene-Orten in Köln, Dortmund und Bielefeld, die dafür bekannt sind, dass sich dort Drogen konsumierende Jugendliche aufhalten. Die Interviews mit über 165 Jugendlichen zeigen nicht nur einen hohen Zigaretten- und Alkoholkonsum, sondern auch einen gefährlichen Mix von psychoaktiven Arzneimitteln, Cannabis und LSD. "Die viel konsumierenden Jugendlichen haben oft sehr schlechte Beziehungen zu ihren Eltern und erleben zuhause Spannungen und Krisen, haben einen Freundeskreis, der selbst viele legale und illegale Drogen nimmt, schwänzen die Schule, haben schlechte Noten und meist auch ein geringes Selbstvertrauen. Viele von ihnen sind sozial und psychisch labil und ohne festen Halt. Die Straßenszene ist ihr eigentliches Zuhause, hier rutschen sie immer mehr in die Drogenszene hinein. Nur wenn durch sozialpädagogische Fachleute und Drogenhelfer in dieser Phase aufsuchende Beratung angeboten wird, können diese Jugendlichen noch aus einer Drogenkarriere aussteigen," so Hurrelmann.

Die 165 stark suchtgefährdeten Jugendlichen zwischen 12 und 18 Jahre glauben, über genügend Kenntnisse für einen kontrollierten Umgang mit Drogen zu verfügen. Niemand der Befragten nahm eine Drogenberatungsstelle in Anspruch. Nahezu 65 Prozent der suchtgefährdeten Jugendlichen bevorzugte bei Drogenproblemen Ratschläge und Hilfe eines Freundes oder einer Freundin. Professionelle Helferinnen oder Helfer wurden gemieden, aber immerhin 20 Prozent konsultierten einen Arzt.

"Diese Verhaltensweise unterstreicht, dass jugendliche Drogenkonsumenten eine enge Vertrauensbasis benötigen, um über ihre Drogenprobleme reden zu können. Dies spricht dafür, Ärztinnen und Ärzte stärker als bisher in die Beratung einzubeziehen." Professor Hurrelmann und sein Team fordern eine Kooperation von Schule, Gesundheitsamt, Kassenärztlicher Vereinigung, Jugendhilfe und Polizei: "Durch frühzeitiges Eingreifen kann bei suchtgefährdeten Jugendlichen die Entwicklung zu manifester Abhängigkeit unterbrochen werden. Dies würde eine Verringerung der Zahl chronischer Abhängigkeitserkrankungen nach sich ziehen und sich wiederum in einer Verringerung der finanziellen Belastungen für die Gesellschaft in Form sinkender Gesundheits-, Sozial- und Gerichtskosten äußern. So ließen sich beispielsweise Folgekosten durch stationäre Entwöhnungsbehandlungen reduzieren. Am besten wäre es, wenn in Schulen und Jugendfreizeiteinrichtungen regelmäßig Ärzte und Jugendfachleute Beratungen abhalten."

Dr. Gerhard Trott | idw

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neue Therapieansätze bei RET-Fusion - Zwei neue Inhibitoren gegen Treibermutation
26.06.2017 | Uniklinik Köln

nachricht Bei Notfällen wie Herzinfarkt und Schlaganfall immer den Notruf 112 wählen: Jede Minute zählt!
22.06.2017 | Deutsche Herzstiftung e.V./Deutsche Stiftung für Herzforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hyperspektrale Bildgebung zur 100%-Inspektion von Oberflächen und Schichten

„Mehr sehen, als das Auge erlaubt“, das ist ein Anspruch, dem die Hyperspektrale Bildgebung (HSI) gerecht wird. Die neue Kameratechnologie ermöglicht, Licht nicht nur ortsaufgelöst, sondern simultan auch spektral aufgelöst aufzuzeichnen. Das bedeutet, dass zur Informationsgewinnung nicht nur herkömmlich drei spektrale Bänder (RGB), sondern bis zu eintausend genutzt werden.

Das Fraunhofer IWS Dresden entwickelt eine integrierte HSI-Lösung, die das Potenzial der HSI-Technologie in zuverlässige Hard- und Software überführt und für...

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Future Security Conference 2017 in Nürnberg - Call for Papers bis 31. Juli

26.06.2017 | Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

„Digital Mobility“– 48 Mio. Euro für die Entwicklung des digitalen Fahrzeuges

26.06.2017 | Förderungen Preise

Fahrerlose Transportfahrzeuge reagieren bald automatisch auf Störungen

26.06.2017 | Verkehr Logistik

Forscher sorgen mit ungewöhnlicher Studie über Edelgase international für Aufmerksamkeit

26.06.2017 | Physik Astronomie