Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Dauerschmerz: Chronifizierungsfaktor Therapeut

04.10.2001


(Berlin) Ärzte und Psychologen können - ohne es zu wollen - bei Schmerzen die Chronifizierung verstärken: Fehler in der Diagnostik haben Fehler in der Therapie zur Folge. Experten kritisieren auf dem Deutschen Schmerzkongress auch Defizite in der Kommunikation zwischen Therapeuten und Patienten, die Leiden verstärken anstatt sie zu lindern.

"Wahrscheinlich ist die Dunkelziffer indirekter arztbedingter Schäden in der Schmerztherapie wesentlich höher als vielfach angenommen wird, auch wenn sich dies durch Studien nicht belegen lässt", erklärt Priv. Doz. Dr. Michael Strumpf von der Klinik für Anästhesiologie der Universität Bochum. Die klinische Erfahrung zeige jedoch, dass eine unzureichende Befunderhebung (Anamnese) ohne Berücksichtigung psychologischer Aspekte und eine lückenhafte Diagnostik nur durch eine medizinische Disziplin häufig zu einer falschen Therapie führen.

"Werden bestehende Therapiekonzepte nicht eingehalten und bleiben aktuelle Leitlinien unberücksichtigt, verstärkt der behandelnde Schmerztherapeut die Chronifizierung seiner Patienten", betont Strumpf. Unter diesen Gesichtspunkten sei die grundsätzliche Gefährdung der Patienten durch die diagnostische und daraus abgeleitete therapeutische Herangehensweise des einzelnen Arztes oder Psychotherapeuten möglicherweise größer als durch Medikamente oder invasive Verfahren.

Dass in der Tat - neben körperlichen und seelischen Faktoren der Patienten - auch die Bedingungen des Gesundheitssystems sowie das ärztliche Verhalten Chronifizierungsprozesse bei Schmerzen beeinflussen, zeigt eine Untersuchung in England, über die Priv. Doz. Dr. Michael Pfingsten von der Universitätsklinik Göttingen berichtet: Am King´s College School of Medicine in London haben Ärzte die Behandlungsverläufe bei 125 Patienten aus zwei Londoner Schmerzkliniken ausführlich untersucht, sowie ihre Krankheitsgeschichte und den Behandlungsverlauf sorgfältig analysiert. Dabei identifizierten die Wissenschaftler vier Problembereiche so genannter iatrogener Faktoren, also schädigender Einflüsse, die aus dem ärztlichen Verhalten und Nicht-Verhalten resultieren:
a) Überdiagnostik (z.B. zu spezifische Diagnostik bei unspezifischen Beschwerden)
b) Informationsmängel (z.B. zu häufiger Rat zur körperlichen Schonung mit nach-folgender körperlicher Dekonditionierung der Patienten)
c) Fehler bei der Medikation (z.B. zu viele Medikamente, Kombinationsanalgetika, zu wenig Kommunikation unter ärztlichen Kollegen, keine ausreichende Information über Dosierung und Einnahme), und
d) ungenügende Berücksichtigung psychosozialer Randbedingungen und psychologischer Einflussfaktoren (Bedürfnisse bei Ärzten und Patienten, die Schmerzen ausschließlich mit körperlichen Faktoren zu erklären).

"Derartige Qualitätsmängel in der Versorgung", so Pfingsten, "haben auch damit zu tun, dass zur Behandlung etlicher Schmerzsyndrome Leitlinien immer noch fehlen oder unpräzise sind."

Wie wichtig die Kommunikation zwischen Arzt und Patient ist, betont Dr. Paul Nilges, leitender Psychologe am DRK-Schmerzzentrum in Mainz. "Für Erfolge und Misserfolge von Schmerzbehandlungen spielen unspezifische oder Beziehungsfaktoren nicht selten eine größere Rolle als spezifische Wirkmechanismen therapeutischer Verfahren." So seien Informationen, die Patienten erhalten, Äußerungen der Behandler zu Schmerzursachen, zur Prognose, Hinweise auf den Umgang mit den Beschwerden und Tipps zum Verhalten bei Rückfällen wesentliche und oft vernachlässigte Kernpunkte der Therapie.

Nilges: "Während beispielsweise zu Beginn eines Schmerzproblems beruhigende Informationen sinnvoll sind und meist positiv bewertet werden, kann die kurze Mitteilung unauffälliger Untersuchungsbefunde bei Patienten mit zahlreichen Voruntersuchungen und -behandlungen als "schlechte Nachricht" gelten, Enttäuschung und Ärger provozieren und letztlich für den Patienten ungünstige Auswirkungen haben. Mit einem Satz wie "Ich kann nichts finden, Sie haben nichts....." werde die Realität der Schmerzwahrnehmung direkt in Frage gestellt. "Haben Patienten sehr einfache Vorstellungen über Ursachen und Entstehung chronischer Schmerzen und haben sie bereits einige Diagnostik hinter sich, dann ist diese Form der Interaktion entweder ein glatter Kunstfehler oder eine wenig elegant Art, schwierige Patienten loszuwerden", kritisiert Nilges.

Je unsicherer sich Behandler fühlen, desto schwieriger sei es wiederum, akzeptierend und freundlich auf Patienten zu reagieren. Eine akzeptierende und freundliche Atmosphäre wirkt sich jedoch positiv auf eine unmittelbare Schmerzreduktion aus, wie Studien belegen.

Wenn tatsächlich keine direkten körperlichen Ursachen diagnostizierbar sind, müsse "der Erklärungsrahmen erweitert werden", sagt Nilges. Denn mitunter lassen sich Schmerzen weniger durch pathologische Einzelbefunde als vielmehr durch gestörte Funktionen, etwa im Zusammenspiel von Muskulatur, Gelenken und Gefäßen erklären. Auch seelische Einflüsse müssen angesprochen werden. Wichtig ist es auch, an einer generellen Verbesserung der Schmerztoleranz durch angemessene Steigerung von Belastung und Aktivität und insgesamt der körperlichen Fitness zu arbeiten.

Nicht nur die Diagnose, sondern auch die Prognose ist für Patienten wichtig. "Ziel muss es sein", betont Nilges, "Entwicklungsmöglichkeiten und Selbsthilfemaßnahmen aufzuzeigen, beispielsweise bei Kopf- und Rückenschmerzen. Denn selbst wenn Knorpelschäden im Knie festgestellt wurden, ist damit keine zwangsweise Invalidität verbunden. Darum muss der Therapierahmen erweitert werden: Schmerzen lassen sich nicht nur medikamentös lindern. Wichtig sind auch körperliche Aktivität, Entspannungsverfahren und physiotherapeutischen Behandlungen. Statt auf "die endgültige und schnelle Lösung" zu hoffen, sei ein wichtiges Ziel, mit dem Patienten zusammen geduldig nach Möglichkeiten suchen, die Lebensqualität trotz Schmerz zu verbessern.

Dies erfordert von Therapeut und Patient viel Geduld und eine gute Beziehung. Nilges: "Ob Patienten auf eine angemessene Informationsvermittlung aufbauende, sinnvolle Behandlungsvorschläge akzeptieren und etwa Entspannungs- und Bewegungsübungen tatsächlich langfristig und selbständig durchgeführten, wird von der Qualität und Tragfähigkeit der ursprünglichen Therapiebeziehung mitbestimmt.

Wichtig ist auch, dass Ärzte ihre Patienten für Rückfälle wappnen. Denn Schmerzen können, selbst wenn sie zunächst gelindert werden, wieder auftreten. Nilges: "Auch auf diese Möglichkeit sollte der Arzt hinweisen, damit sich der Patient darauf einstellen kann und nicht verängstigt wird, wenn dieses geschieht."

Pressestelle Deutscher Schmerzkongress
bis 7.10.
Barbara Ritzert
Tel. 030/314-22800 
ritzert@proscientia.de


Rückfragen an:
Dr. Paul Nilges
Leitender Psychologe, DRK-Schmerz-Zentrum
Auf der Steig 14-16, 55131 Mainz
Tel.: 06131-98 85 50, Fax: 06131-98 87 05
E-Mail: nilges@schmerz-zentrum.de

PD Dr. Michael Pfingsten
Schwerpunkt Algesiologie, Zentrum Anästhesiologie
Klinikum der Georg-August-Universität
Robert-Koch-Str. 40, 37075 Göttingen
Tel.: 0551-398816, Fax: 0551-394164
E-Mail: michael.pfingsten@med.uni-goettingen.de

Priv.-Doz. Dr. med. Michael Strumpf
Universtitäsklinik für Anästhesiologie, Klinikum Bergmannsheil Bochum
Bürkle-de-la-Camp-Platz 1, 44789 Bochum
Tel.: 0234-302-6827
Fax: 0234-302-6834
E-Mail: strumpf@anaesthesia.de

Dipl. Biol. Barbara Ritzert | idw

Weitere Berichte zu: Anästhesiologie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neuer Ansatz: Nierenschädigungen therapieren, bevor Symptome auftreten
20.09.2017 | Universitätsklinikum Regensburg (UKR)

nachricht Neuer Ansatz zur Therapie der diabetischen Nephropathie
19.09.2017 | Universitätsklinikum Magdeburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: The pyrenoid is a carbon-fixing liquid droplet

Plants and algae use the enzyme Rubisco to fix carbon dioxide, removing it from the atmosphere and converting it into biomass. Algae have figured out a way to increase the efficiency of carbon fixation. They gather most of their Rubisco into a ball-shaped microcompartment called the pyrenoid, which they flood with a high local concentration of carbon dioxide. A team of scientists at Princeton University, the Carnegie Institution for Science, Stanford University and the Max Plank Institute of Biochemistry have unravelled the mysteries of how the pyrenoid is assembled. These insights can help to engineer crops that remove more carbon dioxide from the atmosphere while producing more food.

A warming planet

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zum Biomining ab Sonntag in Freiberg

22.09.2017 | Veranstaltungen

Die Erde und ihre Bestandteile im Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungsnachrichten

DFG bewilligt drei neue Forschergruppen und eine neue Klinische Forschergruppe

22.09.2017 | Förderungen Preise

Lebendiges Gewebe aus dem Drucker

22.09.2017 | Biowissenschaften Chemie