Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Die Zeitbombe im Kopf entschärfen

02.05.2005


Veränderte oder missgebildete Blutgefäße im Gehirn bergen das Risiko lebensbedrohlicher Blutungen. Mit minimal-invasiven Strategien können Radiologen solche Hirnblutungen verhindern. Große Operationen am offenen Schädel sind somit nur noch in Ausnahmefällen nötig. Die schonenden Verfahren ersparen den Patienten außerdem einen längeren Klinikaufenthalt, berichten Experten auf dem Deutschen Röntgenkongress in Berlin.



Plötzlich einsetzende stärkste Kopfschmerzen, Lähmungen, Sprach- und Sehstörungen oder kurzzeitige Ohnmachtsanfälle - diese Symptome können darauf hindeuten, dass im Gehirn ein Blutgefäß gerissen ist. Besonders gefährdet sind jene rund acht Prozent der Bevölkerung, meistens Menschen zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr, bei denen die Wand eines Blutgefäßes ausgesackt ist. Diese Aussackung wird Aneurysma genannt.



Deutlich seltener sind Gefäßmissbildungen, so genannte arteriovenöse Malformationen. Durch einen "Kurzschluss" zwischen der Arterie und den Venen, wird aus einem geordneten Gefäßgeflecht ein unordentliches "Gefäßknäuel". Die beteiligten Gefäße tragen nicht (mehr) zur Versorgung des Gehirngewebes bei. Allerdings ist in ihnen der Blutfluss deutlich erhöht, da sie aufgrund der Direktverbindung zwischen Arterien und Venen nicht in allerfeinste Blutgefäße so genannte Kapillare, münden. Damit steigt die Gefahr für eine Hirnblutung. Solch eine Fehlbildung im Gefäßgeflecht tritt zwar nur bei einem von 10.000 Menschen auf. Doch es sind vor allem junge Menschen im Alter zwischen 20 und 30 Jahren betroffen.

Am Universitätsklinikum Charité, Campus Benjamin Franklin haben die Neuroradiologen große Erfahrung in der Behandlung dieser Gefäßerkrankungen. Wie Dr. Andreas Schilling, Oberarzt der Neuroradiologie, erläutert, gehört es dort mittlerweile zur Routine, Aneurysmen mit der so genannten "Coiling"-Technik zu verschließen. Dabei wird ein Mikro-Katheter durch die Leiste über die Bauchschlagader bis ins Hirngefäß und dann in die Aussackung vorgeschoben und diese mit winzigen Platinspiralen ("Coils") ausgefüllt und abgedichtet. "Wie behandeln mit diesem Verfahren etwa 100 Patienten im Jahr, operiert wird nur noch in Ausnahmefällen", sagt Schilling.

Für die Patienten hat diese minimal-invasive Methode den großen Vorteil, dass sie schon nach drei Tagen die Klinik verlassen können. Nach einer herkömmlichen Operation ist stattdessen ein zweiwöchiger stationärer Aufenthalt nötig. Außerdem, so Schilling "sind thrombembolische Komplikationen sehr selten und liegen bei uns unter zwei Prozent." Die beschichteten bioaktiven Coils, welche die Berliner Radiologen zum Teil einsetzen, bewirken ein schnelleres Wachstum des umliegenden Bindegewebes und somit ein schnelleres Abheilen der entstandenen Narben. "Die ersten Daten einer weltweiten Multicenter-Studie liefern Hinweise, dass die Narben sogar dann zuwachsen, wenn das Aneurysma zu weniger als 25 Prozent verschlossen ist."

Dass die Strategie der Radiologen der konventionellen Strategie der Neurochirurgen überlegen ist, belegen die Ergebnisse einer internationalen Studie mit über 2000 Patienten, deren Ergebnisse im britischen Fachblatt Lancet im Jahr 2002 veröffentlicht wurde. Bei dieser Untersuchung wurden Patienten mit geplatzem Aneurysma, das eine Hirnblutung verursacht hatte, entweder operiert oder wurden von Radiologen minimal-invasiv mit Coils behandelt. (Es wurden nur Patienten in die Studie aufgenommen, bei denen grundsätzlich beide Behandlungsmethoden möglich waren.) Das Ethikkommitee brach die Studie vorzeitig ab, nachdem sich abzeichnete, dass in der minimal-invasiv mit Coils behandelten Gruppe signifikant mehr Patienten überlebten und auch bleibende Schäden seltener waren.

"Gefäßknäuel" mit Kleber verschließen. Bei missgebildeten Blutgefäßen injizieren die Radiologen durch einen Mikrokatheter (Durchmesser: 1/3 Millimeter) einen flüssigen Acrylkleber. Schilling: "Mit dieser Flüssig-Embolisation wird das komplette Gefäßgeflecht im Gehirn wie durch den Einsatz eines Sekundenklebers verschlossen." Je nach Größe der Fehlbildung reicht pro Injektion weniger als ein Milliliter Kleber aus. Nach durchschnittlich drei bis fünf Injektionen ist das Gefäßknäuel abgedichtet. "Wenn jedoch eine komplette Gehirnhälfte betroffen ist, sind in mehreren Eingriffen bis zu 20 Injektionen in die Gefäße notwendig", erläutert der Neuroradiologe. Mitunter ist im Anschluss an die Verklebung eine einmalige Strahlen-Behandlung stereotaktisch mit Gamma-Strahlen oder einem Linearbeschleuniger erforderlich. Durch diese wird ein Entzündungsreiz gesetzt, der dazu führt, dass im Verlauf von zwei bis drei Jahren das Gefäßknäuel komplett abgebaut wird. In seltenen Fällen muss der verbliebenen Rest dieser Gefäßfehlbildung auch operativ entfernt werden. Pro Jahr wird in Berlin bei etwa 100 Patienten mit diesem Verfahren ein gefährliches "Gefäßknäuel" entschärft.

Strahlenbelastung um 50 Prozent geringer. Schilling verweist bei beiden Therapie-Verfahren außerdem auf die Vorteile einer verbesserten Gerätetechnik, welche die Strahlenbelastung um 50 Prozent reduziert. Die neue Angiografie-Anlage, mit der die Blutgefäße bildhaft dargestellt werden, arbeitet mit einem Flächen-Detektor und nicht mit den üblichen Bildverstärkern. Die Bilder zeigen so mehr Kontrast und eine bessere Auflösung. Da beide Veränderungen an den Hirngefäßen sich über Jahre hinweg meist unbemerkt ausbilden, hält es der Experte für sinnvoll "bei einem familiär gehäuftem Auftreten ab dem 20. Lebensjahr regelmäßig eine Untersuchung der Hirngefäße durchführen zu lassen. An vielen Zentren stehen die modernen Methoden zur Verfügung: in Berlin (Charité, Benjamin Franklin und Rudolf Virchow), Würzburg, Marburg, Essen, u.a.

Barbara Ritzert | idw
Weitere Informationen:
http://www.roentgenkongress.de
http://www.awmf.org

Weitere Berichte zu: Aneurysma Blutgefäß Gefäßgeflecht Hirnblutung Hirngefäß

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Verschwindende Äderchen: Diabetes schädigt kleine Blutgefäße am Herz und erhöht das Infarkt-Risiko
23.03.2017 | Technische Universität München

nachricht Ein Knebel für die Anstandsdame führt zu Chaos in Krebszellen
22.03.2017 | Wilhelm Sander-Stiftung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Im Focus: Auf der Spur des linearen Ubiquitins

Eine neue Methode ermöglicht es, den Geheimcode linearer Ubiquitin-Ketten zu entschlüsseln. Forscher der Goethe-Universität berichten darüber in der aktuellen Ausgabe von "nature methods", zusammen mit Partnern der Universität Tübingen, der Queen Mary University und des Francis Crick Institute in London.

Ubiquitin ist ein kleines Molekül, das im Körper an andere Proteine angehängt wird und so deren Funktion kontrollieren und verändern kann. Die Anheftung...

Im Focus: Tracing down linear ubiquitination

Researchers at the Goethe University Frankfurt, together with partners from the University of Tübingen in Germany and Queen Mary University as well as Francis Crick Institute from London (UK) have developed a novel technology to decipher the secret ubiquitin code.

Ubiquitin is a small protein that can be linked to other cellular proteins, thereby controlling and modulating their functions. The attachment occurs in many...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Event News

International Land Use Symposium ILUS 2017: Call for Abstracts and Registration open

20.03.2017 | Event News

CONNECT 2017: International congress on connective tissue

14.03.2017 | Event News

ICTM Conference: Turbine Construction between Big Data and Additive Manufacturing

07.03.2017 | Event News

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Innenraum-Ortung für dynamische Umgebungen

23.03.2017 | Architektur Bauwesen

Verschwindende Äderchen: Diabetes schädigt kleine Blutgefäße am Herz und erhöht das Infarkt-Risiko

23.03.2017 | Medizin Gesundheit

Die Evolutionsgeschichte der Wespen, Bienen und Ameisen erstmals entschlüsselt

23.03.2017 | Biowissenschaften Chemie