Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Den Mechanismen der Strahlenwirkung auf der Spur

01.12.2004


Die kontroversen Diskussionen um die Gefährlichkeit kleiner Strahlendosen für den Menschen halten unvermindert an: Während die eine Seite oft verantwortungslose Verharmlosung anklagt, warnt die andere Seite vor unberechtigter Panikmache und Hysterie.



Fakten und wissenschaftliche Ergebnisse wurden vom 29.11. bis 1.12.2004 im GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit in Neuherberg auf der "9th International Conference on Health Effects of Incorporated Radionuclides -Emphasis on Radium, Thorium, Uranium and their Daughter Products" präsentiert.



Über die Atmung, Nahrung oder Wunden in den Körper gelangte Radionuklide stellen für jeden Bürger den größten Anteil an seiner natürlichen Strahlenexposition (von etwa 2,5 mSv/a) dar. In jedem Menschen zerfallen ca. 5000 natürliche Kalium-40-Atome in jeder Sekunde seines Lebens. Uran und Thorium werden über Nahrungsmittel aus dem Boden in den Körper transportiert. Radon (ein radioaktives Tochterelement von Radium und Uran) befindet sich mit ca. 60 Zerfällen pro Sekunde und Kubikmeter in unserer Atemluft in Wohnzimmern, am Arbeitsplatz, etc. und wird über die Lunge aufgenommen. Viele Schweißer arbeiten mit thorierten Schweißstäben, Thorium befindet sich in Leuchtmänteln von Gaslampen, in vielen Bereichen Deutschlands zerfallen in jedem Kilogramm Boden etwa 1000 Uranatome pro Sekunde. Früher wurde radioaktives THOROTRAST als Kontrastmittel in der Röntgendiagnostik eingesetzt. An manchen kerntechnischen Arbeitsplätzen besteht das Risiko der Inkorporation von Radionukliden, die unter Aussendung von Alpha-Strahlung zerfallen.

Unter der Leitung von Prof. Herwig Paretzke, dem Direktor des Instituts für Strahlenschutz der GSF, trafen sich über 150 Wissenschaftler aus 22 Ländern, um ihre Ergebnisse zu dieser Fragestellung vorzustellen. Diese Tagung ist die neunte und bisher größte einer Tagungsreihe, die 1974 in Alta Lodge (USA) begann, bereits zuvor zweimal in der GSF Station machte, und nun über Lissabon, Lake Geneva (USA), Bethesda (USA), Heidelberg, und Tokyo aufgrund unserer auf diesem Gebiet international hoch angesehenen Forschung wieder nach Neuherberg vor den Toren Münchens zurück gekommen ist.

Der Schwerpunkt der Themen lag auf der Quantifizierung der Gesundheitseffekte inkorporierter Radionuklide beim Menschen.

Berichtet wurde über Untersuchungen von unerwünschten Gesundheitseffekten aufgrund der früheren Verwendung von THOROTRAST in Deutschland, Dänemark, Japan und Portugal. Es wurden neue Möglichkeiten der Therapie von Erkrankungen mit Hilfe von Radionukliden, die Alpha-Teilchen aussenden, besprochen. Der Stand und Inhalt von Datenregistern, in denen unter anderem die Spätschadenserkrankungen von Strahlenexponierten (z.B. Bergarbeitern der WISMUT in der ehemaligen DDR) wurde zusammengefasst, ebenso wie Ergebnisse weltweiter Tierversuche in der Strahlenforschung, damit derartige Experimente optimal wissenschaftlich ausgewertet werden können und weitere nicht stattfinden müssen. Wichtige Punkte waren die Beobachtungen der Inkorporation und von Wirkungen von Plutonium (z.B. in der russischen Atombombenfabrik MAJAK im südlichen Ural), Uran, Radium, Thorium, Radon, etc. am Arbeitplatz sowie Beobachtungen von Dosen und Wirkungen durch Radionuklide in der Umwelt (wie z.B. durch Splitter von amerikanischer Munition aus abgereichertem Uran (im Irak und im Kosovo), natürlich radioaktive Stoffe und Materialien (z.B. Schweißelektroden),

Die Mechanismen der Strahlenwirkungen (z.B. Karzinogenese) von Alphastrahlern im Körper, deterministische Gesundheitseffekte durch starke Belastungen mit Alpha-Teilchen-Strahlern, die Verbesserungen der Messtechnik und Dosimetrie von Alpha-Teilchen-Strahlern in der Umwelt und im Menschen, und das biokinetisches Verhalten von Radionukliden im menschlichen Körper werden auch in Zukunft Forschungsschwerpunkte der Wissenschaftler sein.

Die Experten aus aller Welt stellten fest, dass es viele neue Daten aus epidemiologischen Studien gibt, die nun zur Strahlenrisikoabschätzung nach derartigen Expositionen verwendet werden können, aber ein Mangel an genauen biokinetische Daten für den Menschen zur Verfügung stehen und die natürliche individuelle Variabilität zu wenig berücksichtigt werden kann,

Die Dosimetrie für inkorporierte Alpha-Teilchen-Strahler ist dem zu folge nur ungenau und sollte deutlich verbessert werden. Mehrmals wurde auf den großen Unterschied hingewiesen in der zelluläre Strahlenbiophysik nach Röntgen- und Gammastrahlenbestrahlungen und nach Alphateilchenbestrahlungen: Während im ersten Fall alle Zellen ähnlich betroffen sind, werden im letzteren Fall nur wenige (typisch 1 % ) der Zellen, diese aber viel stärker von einer Strahleneinwirkung betroffen. Deshalb sind unterschiedliche Formen der Dosiswirkung wahrscheinlich und auch beobachtet worden. Dies ist aber in der Gesetzgebung und einschlägigen Verordnungen nicht berücksichtigt. Die meisten Strahlenrisikoabschätzungen wurden für Photonen und nicht für Alphateilchen abgeleitet. Die sog. Relative Biologische Wirksamkeit und Dosisleistungseffekte von Alphastrahlern werden nicht richtig in Strahlenschutz-Verordnungen berücksichtigt, obwohl diese für den größten Teil der natürlichen Kollektivdosis verantwortlich sind und auch am Arbeitsplatz und in der Endlagerdiskussion eine wichtige Rolle spielen können. Auf dem Gebiet der Internen Dosimetrie ist noch deutlich mehr Forschungsarbeit zur Verbesserung des Strahlenschutzes nötig; im zur Zeit laufenden 6. Rahmenprogramm der EU wird diese Tatsache und dieses Gebiet aber vollständig vernachlässigt.

Von den Teilnehmern der Tagung wurde wegen der Bedeutung dieses Gebietes gewünscht, in etwa zwei Jahren die nächste Tagung zu veranstalten.

Für weitere Informationen kontaktieren Sie bitte die GSF- Pressestelle:

GSF - Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: 089/3187-2460
Fax 089/3187-3324
E-Mail: oea@gsf.de

Michael van den Heuvel | idw
Weitere Informationen:
http://www.gsf.de/heir

Weitere Berichte zu: Dosimetrie Radionuklid Radium Strahlenwirkung Thorium Uran

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Bei Notfällen wie Herzinfarkt und Schlaganfall immer den Notruf 112 wählen: Jede Minute zählt!
22.06.2017 | Deutsche Herzstiftung e.V./Deutsche Stiftung für Herzforschung

nachricht Tropenviren bald auch in Europa? Bayreuther Forscher untersuchen Folgen des Klimawandels
21.06.2017 | Universität Bayreuth

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Radioaktive Elemente in Cassiopeia A liefern Hinweise auf Neutrinos als Ursache der Supernova-Explosion

23.06.2017 | Physik Astronomie

Dünenökosysteme modellieren

23.06.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Makro-Mikrowelle macht Leichtbau für Luft- und Raumfahrt effizienter

23.06.2017 | Materialwissenschaften