Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Rückenschulen verfehlen ihre Hauptzielgruppen

28.10.2004


Heidelberger Studie belegt einseitige Nutzung der Vorbeugemaßnahme gegen Rückenschmerzen / Prävention erreicht die Risikopersonen häufig nicht

... mehr zu:
»Schmerztherapie

Prof. Dr. Marcus Schiltenwolf ist Leiter der Tagesklinik für orthopädische Schmerztherapie. / Foto: Stiftung Orthopädische Universitätsklinik Heidelberg. Rückenschul-Kurse werden kaum von Personen besucht, die davon profitieren könnten. Nutzer sind vor allem Personen mit einem geringen Risiko für Rückenschmerzen. Dies hat ein Forscherteam der Medizinischen Fakultät Heidelberg erstmals in einer repräsentativen, bundesweiten Untersuchung mit über 6.000 Teilnehmern festgestellt.

Der Medizinsoziologe Dr. Sven Schneider und der Orthopäde Professor Dr. med. Marcus Schiltenwolf, beide Orthopädische Universitätsklinik Heidelberg (Ärztlicher Direktor: Professor Dr. Volker Ewerbeck), wurden im Oktober 2004 auf dem Schmerzkongress in Leipzig für ihre Forschungsarbeit mit dem mit 500 Euro dotierten Posterpreis ausgezeichnet.


Rückenschulen bringen ihren Besuchern bei, wie sie durch gezieltes Training, eine kontrollierte Körperhaltung und richtiges Verhalten im Alltag ihre Rückenprobleme frühzeitig vermeiden oder lindern können. Denn neben dem altersbedingten Verschleiß der Wirbelsäule gelten vor allem ungünstige Körperhaltungen sowie stark rückenbelastende Bewegungen als Auslöser für Rückenschmerzen. Zwar klagen zwei von drei Deutschen innerhalb eines Jahres über Rückenschmerzen. Aber nur jeder sechste Deutsche hat mindestens einmal in seinem Leben eine Rückenschule besucht.

Die Heidelberger Wissenschaftler haben den anonymen "Bundesgesundheitssurvey" des Robert-Koch-Instituts, Berlin, ausgewertet, eine repräsentative Stichprobe von 6.159 Bürgern im Alter von 18 bis 79 Jahren aus dem gesamten Bundesgebiet. Die Teilnahme an Rückenschul-Kursen unterschiedlicher Anbieter (Arbeitgeber, Volkshochschulen, Krankenkassen etc.) setzten sie in Beziehung zu anderen persönlichen Daten.

Typische Nutzer von Rückenschulen sind gesundheitsbewusste Frauen

Typische Nutzer von Rückenschulen sind danach weibliche Teilzeitbeschäftigte oder Hausfrauen aus der Mittelschicht, die Sport treiben und sich gesund ernähren. Typische Nichtnutzer sind Männer mit Vollzeitjobs und niedrigem Sozialstatus, die einen passiven, ungesunden Lebensstil pflegen.

"Mit ihren Präventionsangeboten erreichen die Krankenkassen oder andere Anbieter nicht die eigentlichen Zielgruppen, sondern häufig gesunde Mitversicherte", erklärt Dr. Sven Schneider. "Natürlich profitieren auch die typischen Teilnehmer von solchen Rückenschulen. Gerade die Hochrisikogruppen wie körperlich schwer belastete Arbeiter mittleren und höheren Alters mit passivem, ungesundem Lebensstil nehmen diese Angebote jedoch nur selten wahr."

Eine psychische Barriere für Risikopersonen sei möglicherweise die typische Teilnehmerstruktur der Kurse (meist sportliche, jugendorientierte und mehrheitlich weibliche Teilnehmer), meinen die Heidelberger Wissenschaftler. Die Kurse würden zudem häufig nachmittags angeboten, dann also, wenn die eigentliche Zielgruppe noch arbeitet.

Rückenschulen sollten neben gesundheitsbewussten Personen vor allem gefährdete Bevölkerungskreise erreichen. Gefährdete werden aber eher nicht durch die Angebote angesprochen. Hier liegt für die Anbieter ein großes Potential, Rückenschulangebote auf die beschriebenen Risikogruppen zu konzentrieren und diesbezüglich auszuweiten. Die seit Jahren steigenden Krankheitskosten wegen Rückenschmerzen und Wirbelsäulenerkrankungen belegen diese Notwendigkeit.

Der Ort der Rückenschule kann dazu beitragen, dass Risikogruppen erreicht werden. "Als besonders effizient haben sich betriebsinterne Rückenschulkurse für Arbeiter erwiesen, welche neben Kräftigungsübungen auch Bewegungs- und Haltungsschulungen am Arbeitsplatz vermitteln", sagt Professor Schiltenwolf. An solchen Angeboten herrsche derzeit jedoch ein gravierender Mangel.

Ansprechpartner:

Dr. Sven Schneider, Projektleiter:
Tel 06221/96 92 55
E-Mail: sven.schneider@ok.uni-heidelberg.de

Prof. Dr. Marcus Schiltenwolf, Leiter Tagesklinik für orthopädische Schmerztherapie:
Stiftung Orthopädische Universitätsklinik Heidelberg
Department of Orthopaedic Surgery, University of Heidelberg
Sektion Schmerztherapie
Schlierbacher Landstraße 200
69118 Heidelberg, Germany
Tel.: +49 6221 / 96-63 89, Fax: +49 6221 / 96-92 88
E-Mail: marcus.schiltenwolf@ok.uni-heidelberg.de

Internet:
http://www.orthopaedie.uni-hd.de/
(unter "Abt. Orthopädie I" / "Sektion Schmerztherapie")

Literatur:
Schneider S, Hauf C, Schiltenwolf M (2004): Ineffektive Rückenschmerzprävention wegen mangelhafter Zielgruppenerreichung - Eine bundesweite Repräsentativstudie zu Nutzerstruktur und Teilnahmefaktoren an Rückenschulen. Der Schmerz 18 ,Suppl. 1, S94-S95

Dr. Annette Tuffs | idw
Weitere Informationen:
http://www.orthopaedie.uni-hd.de
http://www.med.uni-heidelberg.de

Weitere Berichte zu: Schmerztherapie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neue Methode der Eisenverabreichung
26.04.2017 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

nachricht Bestrahlung bei Hirntumoren? Eine neue, verlässlichere Einteilung erleichtert die Entscheidung
26.04.2017 | Universitätsklinikum Heidelberg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: TU Chemnitz präsentiert weltweit einzigartige Pilotanlage für nachhaltigen Leichtbau

Wickelprinzip umgekehrt: Orbitalwickeltechnologie soll neue Maßstäbe in der großserientauglichen Fertigung komplexer Strukturbauteile setzen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesexzellenzclusters „Technologiefusion für multifunktionale Leichtbaustrukturen" (MERGE) und des Instituts für...

Im Focus: Smart Wireless Solutions: EU-Großprojekt „DEWI“ liefert Innovationen für eine drahtlose Zukunft

58 europäische Industrie- und Forschungspartner aus 11 Ländern forschten unter der Leitung des VIRTUAL VEHICLE drei Jahre lang, um Europas führende Position im Bereich Embedded Systems und dem Internet of Things zu stärken. Die Ergebnisse von DEWI (Dependable Embedded Wireless Infrastructure) wurden heute in Graz präsentiert. Zu sehen war eine Fülle verschiedenster Anwendungen drahtloser Sensornetzwerke und drahtloser Kommunikation – von einer Forschungsrakete über Demonstratoren zur Gebäude-, Fahrzeug- oder Eisenbahntechnik bis hin zu einem voll vernetzten LKW.

Was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction geklungen hätte, ist in seinem Ansatz bereits Wirklichkeit und wird in Zukunft selbstverständlicher Teil...

Im Focus: Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen

Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist am Dienstag eine weltweit einzigartige Anlage in Betrieb genommen worden, mit der die Einflüsse von Turbulenzen auf Wolkenprozesse unter präzise einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht werden können. Der neue Windkanal ist Teil des Leipziger Wolkenlabors, in dem seit 2006 verschiedenste Wolkenprozesse simuliert werden. Unter Laborbedingungen wurden z.B. das Entstehen und Gefrieren von Wolken nachgestellt. Wie stark Luftverwirbelungen diese Prozesse beeinflussen, konnte bisher noch nicht untersucht werden. Deshalb entstand in den letzten Jahren eine ergänzende Anlage für rund eine Million Euro.

Die von dieser Anlage zu erwarteten neuen Erkenntnisse sind wichtig für das Verständnis von Wetter und Klima, wie etwa die Bildung von Niederschlag und die...

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationaler Tag der Immunologie - 29. April 2017

28.04.2017 | Veranstaltungen

Kampf gegen multiresistente Tuberkulose – InfectoGnostics trifft MYCO-NET²-Partner in Peru

28.04.2017 | Veranstaltungen

123. Internistenkongress: Traumata, Sprachbarrieren, Infektionen und Bürokratie – Herausforderungen

27.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Über zwei Millionen für bessere Bordnetze

28.04.2017 | Förderungen Preise

Symbiose-Bakterien: Vom blinden Passagier zum Leibwächter des Wollkäfers

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wie Pflanzen ihre Zucker leitenden Gewebe bilden

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie