Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neuer Wirkstoff gegen Erbrechen durch Kohlenstoff-Silicium-Tausch

04.12.2003


Manche Krebspatienten wissen es aus eigener Erfahrung: Eine Chemotherapie kann heftige Übelkeit und Erbrechen nach sich ziehen. Zwar gibt es gegen diese Nebenwirkung Medikamente, doch ist deren Erfolg nicht immer ausreichend. Die britische Firma Amedis Pharmaceuticals (Cambridge) hat nun einen neuen Wirkstoff gegen Erbrechen vorgestellt. Synthetisiert wurde er in den Chemielabors der Uni Würzburg.



Vor fünf Jahren klingelte im Büro von Reinhold Tacke das Telefon. Das kommt bei dem Inhaber des Lehrstuhls für Anorganische Chemie I häufiger vor, doch an diesen Anruf erinnert sich der Würzburger Wissenschaftler besonders gut: Am anderen Ende war das Risikokapital-Unternehmen Merlin Bioscience und fragte, ob Tacke an einer Kooperation mit einer kurz vor der Gründung stehenden Pharmafirma interessiert sei. Der Grund für den Annäherungsversuch der Briten war das Spezialgebiet des Würzburger Forschers, die Silicium-Chemie.



Seit über 25 Jahren treibt Tacke in seinen Labors ein "Atömchen-wechsel-dich-Spiel": Dabei werden in organischen Molekülen einzelne Kohlenstoff- durch Silicium-Atome ersetzt. Das hört sich sehr einfach an, ist es aber nicht: Die siliciumhaltigen Moleküle werden durch vielstufige Synthesen erzeugt, und oft müssen dabei ganz andere Wege beschritten werden als bei der Herstellung der kohlenstoffhaltigen Ausgangssubstanzen.

Anschließend prüfen die Chemiker in Kooperation mit Pharmakologen, wie sich die Eigenschaften der Moleküle durch den Kohlenstoff-Silicium-Tausch verändert haben. "Diese Art von Atomtausch ist machbar, weil Kohlenstoff und Silicium einander sehr ähnlich sind", wie Tacke sagt.

Das haben die Forscher aus Würzburg und Cambridge nun mit einem Anti-Emetikum vorexerziert, also mit einem Arzneimittel gegen Erbrechen. In einem bekannten Wirkstoff tauschten sie ein Kohlenstoff- durch ein Silicium-Atom aus und erhielten dadurch einen neuen Wirkstoff, der viel zielgenauer als sein Vorgänger arbeite, so die Firma Amedis in einer Mitteilung: Er habe weniger Nebenwirkungen und sei gegen Übelkeit und Erbrechen nach Chemotherapien und operativen Eingriffen geeignet. Das hätten erste umfangreiche biologische Tests ergeben. Nun sei der Stoff namens SI-162 reif für die Erprobung an Patienten im Rahmen von klinischen Studien. Synthetisiert wurde SI-162 vom Würzburger Diplom-Chemiker Jürgen Daiß, einem Doktoranden in Tackes Forschungsgruppe.

Dass für verbesserte Anti-Emetika großer Bedarf vorhanden ist, bestätigt Florian Weissinger von der Medizinischen Poliklinik der Uni Würzburg: "Seit der Einführung der Medikamente aus der Gruppe der 5-HT3-Rezeptor-Antagonisten kann das chemotherapiebedingte Erbrechen häufig vermieden werden. Jedoch stellt die Therapie des verzögerten Erbrechens bei einigen Patienten noch ein großes Problem dar."

Nach Darstellung von Amedis können zurzeit 30 Prozent der Fälle von akutem Erbrechen (innerhalb von 24 Stunden nach der Chemotherapie) nicht ausreichend behandelt werden. Beim verzögerten Erbrechen, das erst bis zu 144 Stunden nach der Chemotherapie einsetzt, sei es dagegen wesentlich schlechter um wirksame Therapiemöglichkeiten bestellt. Das sagt auch Weissinger.

In der Würzburger Chemie ist man stolz auf das Erreichte: "Für uns ist das ein großer Erfolg", freuen sich Tacke und seine Mitarbeiter, "schließlich werden Arzneistoff-Kandidaten für klinische Entwicklungen in der Regel nicht in Universitätslabors erzeugt, sondern in der Pharma-Industrie." Zusätzlich sieht der Professor in dieser Erfolgsgeschichte ein starkes Argument für die Bedeutung der Grundlagenforschung. Als er und sein Team mit dem Kohlenstoff-Silicium-Tausch anfingen, hatten sie zunächst keine handfeste Anwendungsmöglichkeit vor Augen, sondern taten es aus rein akademischem Interesse: "Dieses ’Ausprobierenkönnen’, die Erforschung von Grundlagen, muss eine zentrale Aufgabe der Universität bleiben, denn nur eine exzellente Grundlagenforschung schafft die Basis für spätere Anwendungen."

Diesen Standpunkt teilen die Forscher von Amedis. Auch sie meinen, dass die Kombination aus universitärer Spitzenforschung und industrieller Anwendung für die Arzneistoff-Forschung jede Menge wirtschaftlich interessante Möglichkeiten eröffnet. Amedis-Geschäftsführer John Montana: "Reinhold Tacke und sein Team haben eine hervorragende wissenschaftliche Grundlage geschaffen, die unsere aus der Pharma-Industrie kommenden Medizinischen Chemiker erweitert und für ihre Projekte genutzt haben. SI-162 ist nur der erste aus einer Reihe von siliciumhaltigen Wirkstoffen, die noch aus unserer Firma hervorgehen werden."

Amedis Pharmaceuticals wurde vor drei Jahren gegründet und beschäftigt sich ausschließlich mit der Entwicklung von neuen Arzneimitteln auf Silicium-Basis. Tackes Gruppe ist der wichtigste Kooperationspartner des Unternehmens.

Weitere Informationen:

Reinhold Tacke, T (0931) 888-5250, Fax (0931) 888-4609, E-Mail: r.tacke@mail.uni-wuerzburg.de
John Montana, T +44 1223 477910, Fax +44 1223 477911, E-Mail: john.montana@amedis-pharma.com

Robert Emmerich | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-wuerzburg.de
http://www.amedis-pharma.com

Weitere Berichte zu: Chemotherapie Kohlenstoff-Silicium-Tausch SI-162

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neuer Ansatz gegen Gastritis
10.08.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

nachricht Wenn Schimmelpilze das Auge zerstören
10.08.2017 | Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Platz 2 für Helikopter-Designstudie aus Stade - Carbontechnologie-Studenten der PFH erfolgreich

Bereits lange vor dem Studienabschluss haben vier Studenten des PFH Hansecampus Stade ihr ingenieurwissenschaftliches Können eindrucksvoll unter Beweis gestellt: Malte Blask, Hagen Hagens, Nick Neubert und Rouven Weg haben bei einem internationalen Wettbewerb der American Helicopter Society (AHS International) den zweiten Platz belegt. Ihre Aufgabe war es, eine Designstudie für ein helikopterähnliches Fluggerät zu entwickeln, das 24 Stunden an einem Punkt in der Luft fliegen kann.

Die vier Kommilitonen sind im Studiengang Verbundwerkstoffe/Composites am Hansecampus Stade der PFH Private Hochschule Göttingen eingeschrieben. Seit elf...

Im Focus: Wissenschaftler entdecken seltene Ordnung von Elektronen in einem supraleitenden Kristall

In einem Artikel der aktuellen Ausgabe des Forschungsmagazins „Nature“ berichten Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Chemische Physik fester Stoffe in Dresden von der Entdeckung eines seltenen Materiezustandes, bei dem sich die Elektronen in einem Kristall gemeinsam in einer Richtung bewegen. Diese Entdeckung berührt eine der offenen Fragestellungen im Bereich der Festkörperphysik: Was passiert, wenn sich Elektronen gemeinsam im Kollektiv verhalten, in sogenannten „stark korrelierten Elektronensystemen“, und wie „einigen sich“ die Elektronen auf ein gemeinsames Verhalten?

In den meisten Metallen beeinflussen sich Elektronen gegenseitig nur wenig und leiten Wärme und elektrischen Strom weitgehend unabhängig voneinander durch das...

Im Focus: Wie ein Bakterium von Methanol leben kann

Bei einem Bakterium, das Methanol als Nährstoff nutzen kann, identifizierten ETH-Forscher alle dafür benötigten Gene. Die Erkenntnis hilft, diesen Rohstoff für die Biotechnologie besser nutzbar zu machen.

Viele Chemiker erforschen derzeit, wie man aus den kleinen Kohlenstoffverbindungen Methan und Methanol grössere Moleküle herstellt. Denn Methan kommt auf der...

Im Focus: Topologische Quantenzustände einfach aufspüren

Durch gezieltes Aufheizen von Quantenmaterie können exotische Materiezustände aufgespürt werden. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommen Theoretische Physiker um Nathan Goldman (Brüssel) und Peter Zoller (Innsbruck) in einer aktuellen Arbeit im Fachmagazin Science Advances. Sie liefern damit ein universell einsetzbares Werkzeug für die Suche nach topologischen Quantenzuständen.

In der Physik existieren gewisse Größen nur als ganzzahlige Vielfache elementarer und unteilbarer Bestandteile. Wie das antike Konzept des Atoms bezeugt, ist...

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Die Zukunft des Leichtbaus: Mehr als nur Material einsparen

23.08.2017 | Veranstaltungen

Logistikmanagement-Konferenz 2017

23.08.2017 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Oktober 2017

23.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Spot auf die Maschinerie des Lebens

23.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Die Sonne: Motor des Erdklimas

23.08.2017 | Physik Astronomie

Entfesselte Magnetkraft

23.08.2017 | Physik Astronomie