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Im Labor auf der Spur seelischer Krankheiten

25.06.2003


Auch in der Psychiatrie wird heute mit modernen naturwissenschaftlichen Methoden gearbeitet


Die meisten Menschen haben wenig Probleme damit, anderen in aller Ausführlichkeit von ihren Herzrhythmusstörungen, dem Magengeschwür oder einem Bandscheibenvorfall zu erzählen. Ganz anders dagegen die Situation, wenn jemand unter einer psychischen Erkrankung leidet: Aus Angst vor einer vermeintlichen Stigmatisierung hüllen sich hier nach wie vor viele Betroffene in verschämtes Schweigen.


Was nicht zuletzt damit zu tun haben mag, dass die Ursachen psychischer Störungen in der Regel äußerst komplex und naturwissenschaftlich bislang kaum erklärbar sind. Dabei ist längst bekannt, dass biologische Faktoren auch hier eine sehr große Rolle spielen können. An der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Münster (UKM) unter der Leitung von Prof. Dr. Volker Arolt wurden jetzt mit der Einrichtung eines Labors für Molekulare Psychiatrie die Voraussetzungen geschaffen, um diesen Faktoren mit Hilfe molekularbiologischer und neurobiologischer Methoden näher auf die Spur zu kommen.

Denn ein genaueres Wissen um diese Zusammenhänge könnte auch im Hinblick auf die künftige Therapie weit verbreiteter psychischer Erkrankungen völlig neue Perspektiven eröffnen. Immerhin sind unter den vielfältigen Ursachen psychischer Erkrankungen genetische Faktoren beispielsweise im Fall von Angsterkrankungen zur Hälfte und bei Psychosen sogar zu bis zu 80 Prozent beteiligt. Wenngleich die auf vielen Säulen ruhende Behandlung dieser Erkrankungen im Laufe der Zeit große Fortschritte gemacht hat, ist ein chronischer Verlauf in sehr vielen Fällen nach wie vor nicht zu verhindern. Etwa ein Drittel der Angstpatienten und die Hälfte aller Menschen mit einer Psychose werden zeitlebens von ihrer Erkrankung begleitet - mit häufig erheblichen Auswirkungen auf die Lebensqualität.


Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass statistisch jeder hundertste Bundesbürger im Laufe seines Lebens an einer Psychose und sogar jeder zehnte an einer Angststörung erkranken, stellt die Erforschung neuer Behandlungsstrategien eine große Herausforderung dar. Bis zur Entwicklung neuer therapeutischer Maßnahmen ist jedoch noch viel Grundlagenforschung vonnöten, zu der die Wissenschaftler in Münster mit Einrichtung des neuen Labors jetzt verstärkt beitragen können. Das Labor "Molekulare Psychiatrie" umfasst derzeit zwei Arbeitsgruppen: Während sich die
Arbeitsgruppe Molekularbiologie unter der Leitung von Privatdozent Dr. Jürgen Deckert auf genetische Faktoren konzentriert, die bei Angsterkrankungen eine wichtige Rolle spielen können, hat die Arbeitsgruppe Neurobiologie unter der Leitung von Dr. Matthias Rothermundt mögliche neuroplastische Veränderungen im Gehirn von Psychose-Kranken im Blick.

Im Zentrum der aktuellen Forschungsarbeiten in der Arbeitsgruppe Molekularbiologie steht derzeit die Suche nach so genannten Prädispositionsgenen. Dies sind Gene, die das Krankheitsrisiko erhöhen, jedoch nicht wie im Fall kausaler Gene automatisch zu einer Erkrankung führen. Da allein ein Drittel der 40.000 bis 50.000 Gene nur im Gehirn exprimiert wird, gleicht das Unternehmen fast der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Immerhin - ein wichtiger Anfang ist gemacht: Vier Prädispositionsgene wurden bereits gefunden, zwei davon sogar in Münster. Ziel der molekulargenetischen Untersuchungen in Münster ist es unter anderem, Varianten in den regulatorischen Systemen solcher Gene zu finden, die unter belastenden Situationen, wie etwa Stress, aktiviert werden und biochemische Vorgänge in Gang setzen, die das Krankheitsgeschehen auslösen oder fördern. Eine künftige Behandlungsstrategie könnte dann laut Deckert beispielsweise darin liegen, solche Stoffwechselentgleisungen medikamentös zu unterbinden.

Neben der molekularbiologischen Herangehensweise setzt man bei der naturwissenschaftlichen Ursachenforschung psychischer Erkrankungen in Münster auf neurobiologische Methoden. In der entsprechenden Arbeitsgruppe untersuchen Rothermundt und sein Team unter anderem so genannte neuroplastische Vorgänge im Gehirn, das heißt das Absterben alter und die Bildung neuer Nervenzellfortsätze und die damit verbundene ständige Neuorganisation im Zusammenspiel der Nervenzellen untereinander. Durch Umwelteinflüsse, wie etwa Stress oder Giftstoffe, kann dieses Zusammenspiel deutlich beeinflusst werden. So konnte bei Psychosen nachgewiesen werden, dass die Bildung von Synapsen, also der Umschaltstellen für die Erregungsübertragung von einer Nervenzelle auf die andere, beeinträchtigt ist.

Wenngleich die Behandlung von Psychosen mittlerweile deutlich verbessert werden konnte und die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des UKM seit kurzem ein vielversprechendes neues stationäres Behandlungskonzept speziell für junge Betroffene anbietet, gibt es jedoch bislang noch keine Möglichkeiten, die Krankheit an der Wurzel anzugehen. Das gleiche gilt für Angsterkrankungen. Von der Entdeckung relevanter Prädispostionsgene und der Aufklärung krankheitsfördernder oder krankheitshemmender neuroplastischer Vorgänge versprechen sich die Wissenschaftler einen wichtigen Durchbruch für die Entwicklung innovativer Therapien bei psychischen Erkrankungen.

Jutta Reising | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-muenster.de

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