Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wem helfen Schlankheitspillen?

14.01.2008
Neuer Gentest sagt Wirksamkeit und Nebenwirkungen von Reductil® (Meridia?) vorher

Übergewicht und Fettsucht nehmen in allen westlichen Ländern beängstigend rasch zu. Die Betroffenen haben häufig mit Diabetes, Bluthochdruck, Herzinfarkt, Gelenkschäden oder auch Krebs zu kämpfen. Trotz Sport und Ernährungsumstellung gelingt es vielen dicken Menschen nicht, ihr Gewicht dauerhaft zu senken. Medikamente sollen sie dann zusätzlich unterstützen.

Aber wem helfen diese Mittel wirklich? Wer bekommt stattdessen eher die Nebenwirkungen wie Herzrasen oder Bluthochdruck zu spüren? Diesen Fragen gingen jetzt Forscher des UK Essen (Dr. Ulrich Frey, Prof. Karl-Heinz Jöckel, Prof. Winfried Siffert) und des Münchener Klinikums rechts der Isar (Prof. Hans Hauner; Direktor der Klinik für Ernährungsmedizin) nach. "Wir konnten zeigen, dass abhängig von den Erbanlagen manche Medikamente keinen Nutzen bringen, sondern sogar gefährlich sein können", bringt Prof. Winfried Siffert, einer der Studienleiter und Direktor des Instituts für Pharmakogenetik am UK Essen, das Ergebnis auf den Punkt.

G-Protein steuert Fettverbrennung und Herzfrequenz

... mehr zu:
»GNAS

In ihren Untersuchungen fanden die Wissenschaftler zum ersten Mal im Gen "GNAS" eine häufige Genveränderung. "GNAS" steuert die Produktion eines so genannten "stimulierenden G-Proteins", welches unter anderem an der Fettverbrennung und an der Steuerung der Herzfrequenz beteiligt ist. Menschen mit der GG-Variante, das sind rund 40 Prozent, produzieren am meisten von diesem stimulierenden G-Protein. Diejenigen mit der A-Variante produzieren weniger.

Neue Erkenntnisse in Studie zur Gewichtsabnahme eingebracht: Erstaunliche Ergebnisse

Die Forscher führten daraufhin Genuntersuchungen bei 110 übergewichtigen Patienten durch, die bei einer klinischen Gewichtsreduktionsstudie teilgenommen hatten. In dieser insgesamt ein Jahr dauernden Studie mussten alle Teilnehmer mehr Sport treiben und ihre Kalorienzufuhr einschränken. Die Hälfte der Teilnehmer bekam noch zusätzlich das Medikament Reductil®, die anderen nur ein Scheinmedikament, also Placebo. Reductil®, das auf dem amerikanischen Markt unter dem Namen "Meridia?" vertrieben wird, enthält den Wirkstoff Sibutramin. Dieser erhöht das Sättigungsgefühl und verstärkt vermutlich auch die Verbrennung von Fett in Fettzellen. Allerdings ist dieses Mittel nicht ungefährlich; es führt zu einem Anstieg des Blutdrucks und zu Herzrasen.

Reductil® eher schädlich für Patienten mit GG-Genvariante

Ziel der Studie war es zu prüfen, ob Reductil® im Vergleich zum Placebo tatsächlich zu einer vermehrten Gewichtsreduktion innerhalb eines Jahres führte. Dabei wurde diese Medikamentenprüfung doppelt blind durchgeführt: weder Ärzte noch Patienten wussten, ob sie das echte oder ein Scheinmedikament bekamen. Die nachträglichen Genanalysen der Wissenschaftler führten zu einem erstaunlichen Befund: Patienten mit der GG-Genvariante konnten bei Lebensstiländerung im Jahr 7,5 kg abnehmen und die Einnahme von Reductil® führte zu keiner weiteren Gewichtsabnahme. Dafür zeigten diese Patienten einen besonders ausgeprägten Anstieg der Herzfrequenz und des Blutdrucks. Die Patienten mit der A-Variante hingegen konnten mit Reductil® 9,4 kg statt nur 4,5 kg ohne Medikament abnehmen und sie zeigten zudem weniger Herz-Kreislauf-Nebenwirkungen. "Gentest können künftig helfen, für jeden übergewichtigen Patienten die optimale Therapie zu bestimmen und gefährliche Nebenwirkungen zu vermeiden", ist Prof. Siffert nach diesen neuen Erkenntnissen überzeugt.

Forscher fordern weitere Untersuchungen: mehr Arzneimittelsicherheit
Die Forscher halten es nun für dringend erforderlich, dass schnellstmöglich weitere Untersuchungen zur Bestätigung dieses Befunds durchgeführt werden. "Wir sehen hier die Pharmaindustrie in der Pflicht, weitere Untersuchungen zu ermöglichen oder selbst durchzuführen, damit die Arzneitherapiesicherheit erhöht wird", so Siffert. Die Ergebnisse der Untersuchungen wurden auch in der angesehenen Fachzeitschrift "Pharmacogenetics and Genomics" zur Publikation angenommen.

Kontakt: Prof. Dr. med. Winfried Siffert, Institut für Pharmakogenetik, Universitätsklinikum Essen, Hufelandstr.55, 45122 Essen; tel. +49- (0)201-7233470; winfried.siffert@uk-essen.de

Quelle: Ulrich H Frey, Hans Hauner, Karl-Heinz Jöckel, Iris Manthey,
Norbert Brockmeyer, and Winfried Siffert
"A novel promoter polymorphism in the human gene GNAS affects binding of
transcription factor USF1, Galphas protein expression and body weight regulation" Pharmacogenetics and Genomics

Kristina Gronwald | idw
Weitere Informationen:
http://universitaetsklinikum-essen.de

Weitere Berichte zu: GNAS

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Sind Epilepsie-Patienten wetterfühlig?
23.05.2017 | Universitätsklinikum Jena

nachricht Dual-Layer Spektral-CT: Bessere Therapieplanung beim Bauchspeicheldrüsenkrebs
18.05.2017 | Deutsche Röntgengesellschaft e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

Staphylococcus aureus ist aufgrund häufiger Resistenzen gegenüber vielen Antibiotika ein gefürchteter Erreger (MRSA) insbesondere bei Krankenhaus-Infektionen. Forscher des Paul-Ehrlich-Instituts haben immunologische Prozesse identifiziert, die eine erfolgreiche körpereigene, gegen den Erreger gerichtete Abwehr verhindern. Die Forscher konnten zeigen, dass sich durch Übertragung von Protein oder Boten-RNA (mRNA, messenger RNA) des Erregers auf Immunzellen die Immunantwort in Richtung einer aktiven Erregerabwehr verschieben lässt. Dies könnte für die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs bedeutsam sein. Darüber berichtet PLOS Pathogens in seiner Online-Ausgabe vom 25.05.2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) ist ein Bakterium, das bei weit über der Hälfte der Erwachsenen Haut und Schleimhäute besiedelt und dabei normalerweise keine...

Im Focus: Can the immune system be boosted against Staphylococcus aureus by delivery of messenger RNA?

Staphylococcus aureus is a feared pathogen (MRSA, multi-resistant S. aureus) due to frequent resistances against many antibiotics, especially in hospital infections. Researchers at the Paul-Ehrlich-Institut have identified immunological processes that prevent a successful immune response directed against the pathogenic agent. The delivery of bacterial proteins with RNA adjuvant or messenger RNA (mRNA) into immune cells allows the re-direction of the immune response towards an active defense against S. aureus. This could be of significant importance for the development of an effective vaccine. PLOS Pathogens has published these research results online on 25 May 2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) is a bacterium that colonizes by far more than half of the skin and the mucosa of adults, usually without causing infections....

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

DFG fördert 15 neue Sonderforschungsbereiche (SFB)

26.05.2017 | Förderungen Preise

Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

26.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um

26.05.2017 | Gesellschaftswissenschaften