Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Antioxidantien - Freund oder Feind?

04.09.2008
Vor allem in der Werbung und in populärwissenschaftlich ausgerichteten Publikationen werden Antioxidantien wie ß-Karotin (aus Karotten) oder Lykopen (aus Tomaten) und die Vitamine C und E einseitig als vor Krebs oder Alterung schützend dargestellt, weil sie Wirkungen freier Radikale mindern oder sogar verhindern können.

Jedoch sollten freie Radikale keineswegs als ausschließlich destruktiv angesehen werden. Im Gegenteil: beispielsweise sind der Energiestoffwechsel (Atmungskette) und die Abwehr von Krankheitserregern und körperfremder Strukturen durch neutrophile Granulozyten (weiße Blutkörperchen) auf die Bildung freier Radikale angewiesen.

Allein schon deshalb ist zu erwarten, dass durch die Zufuhr von Antioxidantien auch wesentliche unerwünschte Wirkungen in der Haut und im Organismus ausgelöst werden können. Zudem können einige Antioxidantien - wie ß-Karotin oder Vitamin C - unter bestimmten Bedingungen auch pro-oxidative Wirkung zeigen, wobei sich dann die Frage stellt: Wann ist ein Antioxidans kein Antioxidans?

Eine Veröffentlichung, gerade am 3. September 2008 im interdisziplinären medizinischen e-Journal "GMS German Medical Science" der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften AWMF erschienen [1], beschreibt deutlich die Ambivalenz von Antioxidantien mit ihren zwei Seiten: einer erwünschten und einer unerwünschten Seite.

Zweifellos weisen viele Menschen mit überdurchschnittlichem Verzehr von Obst und Gemüse ein geringeres Lungenkrebsrisiko auf. Völlig unerwartet mussten jedoch vor etwa 10 Jahren zwei Studien mit hoch dosierter ß-Karotin-Supplementierung abgebrochen werden, weil nach diesen ß-Karotin-Gaben das Lungenkrebsrisiko von Rauchern angestiegen war. Weitere Untersuchungen in vitro und in vivo wurden in dem Sinne interpretiert, dass ß-Karotin antikarzinogen wirkt, sein Oxidationsprodukt jedoch prokarzinogen, möglicherweise aufgrund der Instabilität des ß-Karotin-Moleküls in einer an freien Radikalen reichen Umgebung in den Lungen von Zigarettenrauchern.

In einer großen multizentrischen, doppelblinden und placebokontrollierten klinischen Präventionsstudie erhielten 864 Personen, denen Dickdarmpolypen entfernt worden waren, täglich 25 mg ß-Karotin oder Placebo, kombiniert mit 1000 mg Vitamin C + 400 mg Vitamin E oder Placebo. Nach vier Jahren konnten bezüglich ß-Karotin-Supplementierung und der Entstehung von Dickdarmpolypen die folgenden Beobachtungen gemacht werden: deutliche Minderung des Risikos für Nichtraucher und Nichttrinker; leicht erhöhtes Risiko für Raucher oder Alkoholkonsumenten; Verdoppelung des Risikos für diejenigen, die Zigaretten rauchen und täglich mehr als ein alkoholhaltiges Getränk konsumieren.

Weitere klinische Studien zeigten, dass ß-Karotin-Supplementierung keine Veränderung der Inzidenz (Neuauftretungsrate) von Nicht-Melanom-Hautkrebs hervorrief. Dagegen kam es nach einer ß-Karotin-supplementierten Ernährung zu einer signifikanten Verstärkung der UV-bedingten Krebsentstehung. Eine photoprotektive (lichtschützende) Wirkung wurde nicht erzielt.

Die künstliche Zufuhr von Antioxidantien in die Haut des Menschen wirft weitere Fragen auf. Im Alltag, Urlaub und Beruf können große Mengen optischer Strahlung in die Haut eindringen und die Effekte von Antioxidantien modifizieren. Seit langem ist bekannt, dass in menschlicher Haut durch UV-Bestrahlung große Mengen freier Radikale entstehen können.

Der Welt-Krebsforschungsfond hat die größte Untersuchung über Lebensstil und Krebs durchgeführt und mehrere Empfehlungen herausgegeben. Diese schließen die Empfehlung ein, keine Nahrungsergänzungsmittel zur Krebsprävention zu verwenden, weil das Risiko-Nutzen-Verhältnis nicht zuverlässig vorhergesagt werden kann und unerwartete und unübliche gegensätzliche Wirkungen auftreten könnten. Vorzugsweise sollte eine Steigerung der Zufuhr relevanter Nahrungsbestandteile über die Ernährung erfolgen.

Das aktuelle Merkblatt des National Cancer Institute (Nationales Krebsforschungsinstitut) der USA trifft als Hauptaussagen: "Labor- und Tierforschung haben gezeigt, dass Antioxidantien helfen, den durch freie Radikale hervorgerufenen Schaden in Zusammenhang mit Krebs zu verhindern. Jedoch stimmen aktuelle klinische Studien in der Bevölkerung damit nicht überein. Antioxidantien werden von einer gesunden Ernährung geliefert, die eine Vielzahl von Früchten und Gemüse einschließt."

Eine systematische Übersicht und Meta-Analyse der Cochrane-Gruppe Leber/Galle, Kopenhagen, die 68 randomisierte Studien mit 232.606 Teilnehmern (385 Veröffentlichungen) einschloss, schlussfolgerte: "Eine Behandlung mit ß-Karotin, Vitamin A und Vitamin E könnte die Mortalität (Sterblichkeit) steigern. Die potentiellen Rollen von Vitamin C und Selen hinsichtlich der Mortalität bedürfen weiterer Untersuchung."

Bislang sind keine den heutigen Anforderungen genügenden randomisierten und placebokontrollierten multizentrischen Studien oder gar Meta-Analysen bekannt geworden, die Aufschluss darüber geben könnten, ob in oder auf die Haut gebrachte Antioxidantien Phänomene wie Hautalterung oder -krebsentstehung im günstigen oder ungünstigen Sinne modifizieren. Wir wissen nicht, wie UV, sichtbares Licht und Infrarot - oder deren Teilbereiche oder Kombinationen - auf modifizierte Konzentrationen und Anteile von diversen Antioxidantien in der Haut wirken. Das ist eine große Herausforderung an die dermatologische Forschung. Oder, um es exemplarisch mit den Worten von H. S. Black zu sagen: "Zur Zeit sollte an eine Verwendung von ß-Karotin als Nahrungsergänzungsmittel mit Vorsicht herangegangen werden."

Veröffentlichung:
[1] Meffert H. Antioxidants - friend or foe? GMS Ger Med Sci. 2008;6:Doc09.

Wolfgang Müller | idw
Weitere Informationen:
http://awmf.org
http://www.egms.de/en/gms/2008-6/000054.shtml
http://www.egms.de/pdf/gms/2008-6/000054.pdf

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Anzeichen einer Psychose zeigen sich in den Hirnwindungen
26.04.2018 | Universität Basel

nachricht Revolutionär: Ein Algensaft deckt täglichen Vitamin-B12-Bedarf
23.04.2018 | Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Why we need erasable MRI scans

New technology could allow an MRI contrast agent to 'blink off,' helping doctors diagnose disease

Magnetic resonance imaging, or MRI, is a widely used medical tool for taking pictures of the insides of our body. One way to make MRI scans easier to read is...

Im Focus: Fraunhofer ISE und teamtechnik bringen leitfähiges Kleben für Siliciumsolarzellen zu Industriereife

Das Kleben der Zellverbinder von Hocheffizienz-Solarzellen im industriellen Maßstab ist laut dem Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE und dem Anlagenhersteller teamtechnik marktreif. Als Ergebnis des gemeinsamen Forschungsprojekts »KleVer« ist die Klebetechnologie inzwischen so weit ausgereift, dass sie als alternative Verschaltungstechnologie zum weit verbreiteten Weichlöten angewendet werden kann. Durch die im Vergleich zum Löten wesentlich niedrigeren Prozesstemperaturen können vor allem temperatursensitive Hocheffizienzzellen schonend und materialsparend verschaltet werden.

Dabei ist der Durchsatz in der industriellen Produktion nur geringfügig niedriger als beim Verlöten der Zellen. Die Zuverlässigkeit der Klebeverbindung wurde...

Im Focus: BAM@Hannover Messe: Innovatives 3D-Druckverfahren für die Raumfahrt

Auf der Hannover Messe 2018 präsentiert die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM), wie Astronauten in Zukunft Werkzeug oder Ersatzteile per 3D-Druck in der Schwerelosigkeit selbst herstellen können. So können Gewicht und damit auch Transportkosten für Weltraummissionen deutlich reduziert werden. Besucherinnen und Besucher können das innovative additive Fertigungsverfahren auf der Messe live erleben.

Pulverbasierte additive Fertigung unter Schwerelosigkeit heißt das Projekt, bei dem ein Bauteil durch Aufbringen von Pulverschichten und selektivem...

Im Focus: BAM@Hannover Messe: innovative 3D printing method for space flight

At the Hannover Messe 2018, the Bundesanstalt für Materialforschung und-prüfung (BAM) will show how, in the future, astronauts could produce their own tools or spare parts in zero gravity using 3D printing. This will reduce, weight and transport costs for space missions. Visitors can experience the innovative additive manufacturing process live at the fair.

Powder-based additive manufacturing in zero gravity is the name of the project in which a component is produced by applying metallic powder layers and then...

Im Focus: IWS-Ingenieure formen moderne Alu-Bauteile für zukünftige Flugzeuge

Mit Unterdruck zum Leichtbau-Flugzeug

Ingenieure des Fraunhofer-Instituts für Werkstoff- und Strahltechnik (IWS) in Dresden haben in Kooperation mit Industriepartnern ein innovatives Verfahren...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Konferenz »Encoding Cultures. Leben mit intelligenten Maschinen« | 27. & 28.04.2018 ZKM | Karlsruhe

26.04.2018 | Veranstaltungen

Konferenz zur Marktentwicklung von Gigabitnetzen in Deutschland

26.04.2018 | Veranstaltungen

infernum-Tag 2018: Digitalisierung und Nachhaltigkeit

24.04.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Weltrekord an der Uni Paderborn: Optische Datenübertragung mit 128 Gigabits pro Sekunde

26.04.2018 | Informationstechnologie

Multifunktionaler Mikroschwimmer transportiert Fracht und zerstört sich selbst

26.04.2018 | Biowissenschaften Chemie

Berner Mars-Kamera liefert erste farbige Bilder vom Mars

26.04.2018 | Physik Astronomie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics