Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Evidenzbasierter Wissenschaftsjournalismus scheint eine Utopie zu sein

17.04.2012
Das Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e. V. setzt sich dafür ein, dass Mediennutzer (und insbesondere die Patienten unter ihnen) durch medizinjournalistische Beiträge gut und richtig informiert werden.
Für Wissenschaftsjournalisten in der Medizin ist es im Interesse der ehrlichen Berichterstattung unerlässlich, Kernkompetenzen in der Beurteilung der Gültigkeit und Reichweite biomedizinischer Forschungsergebnisse und damit Grundkenntnisse der Evidenzbasierten Medizin zu besitzen.

Bei der morgendlichen Lektüre der Tageszeitung springen Sie einem ins Auge: die frohen Botschaften und Heilsversprechungen aus der biomedizinischen Forschung. „Schokolade kann schlank machen“, so titelt die Süddeutsche Zeitung kürzlich auf ihrer ersten Seite. Süßer könne die Botschaft aus der Ernährungsforschung kaum sein, heißt es dort: „Regelmäßige Schokoladen-Esser sind einer US-Studie zufolge dünner als Abstinenzler.“ Die Badische Zeitung schlussfolgert sogar im Sinne einer Intervention: „Schlanker werden durch Schokolade“, so würden die Ergebnisse einer „bahnbrechenden Studie aus Amerika“ lauten.

Diese bahnbrechende Studie entpuppt sich beim Zugang zur Originalarbeit als Research Letter über eine Querschnittstudie, die die Assoziationen zwischen Häufigkeit des Schokoladenkonsums mit dem Body Mass Index untersucht (Golomb et al. Arch Intern Med 2012). Vergleichbare Botschaften lauten: „Junge Partnerinnen verlängern das Leben“, „Brokkoli verlängert Leben“, „Kaffee schützt vor dem Vergessen“, „Alkohol gegen Rheuma“, „Mutterliebe gegen Stress“. Endlos ließe sich diese Liste weiterführen, eine Liste der (un-)bewussten Irreführung der Bürgerinnen und Bürger, indem epidemiologische Studien, ob Querschnitt- oder Langzeitbeobachtungen, kausal interpretiert werden und gar präventiv-therapeutische Schlussfolgerungen gezogen werden. Oftmals bedient die Berichterstattung mit diesen Schlagzeilen Wunschvorstellungen zu Genussmitteln und konservativen moralischen Gesellschaftsbildern. Ursache-Wirkungsabhängigkeit wird dort behauptet, wo ausschließlich Zusammenhänge konstatiert werden dürfen, die eben so wenig ursächlich sein müssen oder können wie der Zusammenhang zwischen Storchenflug und Geburtenhäufigkeit.

Diese epidemiologischen Trugschlüsse hatten vielfach tragische Konsequenzen, wenn Assoziationen - kausal interpretiert - als Grundlage präventiver und therapeutischer Empfehlungen instrumentalisiert wurden. Es sei an die so genannte Hormonersatztherapie erinnert, mit der Millionen von postmenopausalen Frauen weltweit Jahrzehnte lang behandelt wurden zur Lebensverlängerung und -verbesserung, basierend auf epidemiologischen Studien und Surrogatparameterstudien. Als tragischer internationaler Irrtum erwies sich dieses unkontrollierte Experiment auf Bevölkerungsebene, als der Nachweis aus kontrollierten Studien schließlich die fehlende Wirksamkeit auf klinisch relevante Endpunkte, aber die Schädlichkeit erbrachte.

Das Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Medizin (DNEbM) vergibt jährlich den Journalistenpreis, mit dem herausragende journalistische Arbeiten gewürdigt werden, die die Prinzipien der Evidenzbasierten Medizin umsetzen. Es gibt sie also, die rationalen Bilanzierungen und kritischen Einschätzungen der Aussagekraft der wissenschaftlichen Beweislage. In der schnelllebigen Tagespresse fehlen sie jedoch bislang weitgehend. Dort werden die oftmals fälschlichen und euphemistisch verklärten Pressemitteilungen der akademischen Zentren oder medizinischen Journale repetiert (Woloshin et al. Ann Intern Med 2009), um Schlagzeilen zu generieren.

Das DNEbM hält dies für einen unzulänglichen und gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern unverantwortlichen Zustand. Für Wissenschaftsjournalisten in der Medizin ist im Interesse der ehrlichen Berichterstattung unerlässlich, Kernkompetenzen in der Beurteilung der Gültigkeit und Reichweite biomedizinischer Forschungsergebnisse zu besitzen. Ebenso wie die Kenntnis der politischen Organe und Gremien eines Landes für einen Journalisten, der politisch Bericht erstattet, nicht entbehrlich ist.

Mit anderen Worten: Medizinjournalisten benötigen Grundkenntnisse der Evidenzbasierten Medizin. Das DNEbM hält auf seinen Jahrestagungen ein Kursangebot für Journalisten vor und Medien-doktor.de bietet sich zur selbstständigen Fortbildung an. Die Qualitätsunterschiede in der Medizinberichterstattung waren Anlass zu Gründung dieses Portals. Hier werden Bewertungen medizinischer Beiträge durch erfahrene Wissenschafts- und Medizinjournalisten bereitgestellt. Diese Aktivitäten sind jedoch nur ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn es nicht möglich ist, die Verantwortlichen der Medien selbst vom Wert der redlichen wissenschaftlichen Berichterstattung zu überzeugen und entsprechende Bildungsangebote in die Curricula der Journalistenbildung zu integrieren.

Quellen:
Golomb BA, Koperski S, White HL. Arch Intern Med 2012;172(6):519-21
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22450943
Journalistenpreis des DNEbM: "Evidenzbasierte Medizin in den Medien"
http://www.ebm-netzwerk.de/journalistenpreis
Woloshin S, Schwartz LM, Casella SL, Kennedy AT, Larson RJ. Ann Intern Med 2009;150(9):613-8

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19414840


Kontakt:
Prof. Dr. Gabriele Meyer
2. stellvertretende Vorsitzende des DNEbM
Fakultät für Gesundheit, Department für Pflegewissenschaft
Professur für Klinische Pflegeforschung
Universität Witten/Herdecke
Stockumer Straße 12
58453 Witten
E-Mail: Gabriele.Meyer@uni-wh.de

Karsta Sauder | idw
Weitere Informationen:
http://www.ebm-netzwerk.de/
http://www.uni-wh.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Kommunikation Medien:

nachricht Moderne Medientechnik im Atlasgebirge
17.08.2017 | Universität Siegen

nachricht Wissenschaftler entschlüsseln das „perfekte Selfie“
26.06.2017 | Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Kommunikation Medien >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher finden Hinweise auf verknotete Chromosomen im Erbgut

20.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Saugmaschinen machen Waschwässer von Binnenschiffen sauberer

20.10.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Strukturbiologieforschung in Berlin: DFG bewilligt Mittel für neue Hochleistungsmikroskope

20.10.2017 | Förderungen Preise