Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Gesprächsraum Internet in Marokko

18.05.2005


Wenn der Blick auf die postkolonialen Länder gerichtet wird, dann werden Jugendliche meist recht pauschal mit "Problemen", "Unruhestiftern" oder "Arbeitslosigkeit" gleich gesetzt. Erst allmählich rücken die Innenansichten und das Selbstverständnis von Jugendlichen, die in der "Dritten Welt" bereits jetzt die größte soziale Gruppe darstellen, in den Fokus. Am Orientalischen Institut der Universität Leipzig wendet sich die junge Arabistin Ines Braune in ihrer Promotion marokkanischen Jugendlichen zu.

Bevor sie sich auf das Unterfangen Promotion einließ, reiste Ines Braune in das Land ihrer Neugierde - privat zum Urlaub. Den Nahen und Mittleren Osten hatte die Arabistin und Medienwissenschaftlerin im Zuge ihrer Magisterarbeit bereits erkundet - inzwischen liegt ihre Studie "Die Journalistenverbände in Jordanien und im Libanon - ein Teil der Zivilgesellschaft?" in der Reihe "Hamburger Beiträge" des Deutschen Orient-Institutes vor. Für ihre Promotion nun zog es sie nach Marokko, in den Maghreb, den nordafrikanischen Teil der arabischen Welt. Sie hatte die Stichworte "Jugend" und "Medien" im Gepäck, und als sie erstmals durch die Hafenstadt Fes streifte, lag ihr "Forschungsobjekt" quasi am Wege: "Es gab unglaublich viele Internet-Cafés, öffentliche Räume, in denen Jugendliche sind." Für Ines Braune war klar, das will sie genauer wissen: Wie das Internet in einer Gesellschaft, in der 70 Prozent der Bevölkerung jünger als 30 Jahre und in der die Geschlechter voneinander getrennt sind, in der Jugendliche kaum Arbeit finden und ihnen zum Heiraten das Geld fehlt, in der die Hälfte der Menschen auf dem Land lebt und in der König Mohammed VI. eine Bildungsdekade bis 2008 proklamiert hat, kurzum: wie das Internet in einer arabischen Gesellschaft, die sich an der Schnittstelle zur Öffnung befindet, wirkt. Kann das World Wide Web Grenzen überwinden? Oder aufbrechen? Oder aufzeigen - das zumindest?

Die dritte Frage kann Ines Braune nach 240 Online-Interviews und 80 qualitativen Befragungen, die sie zwischen 2002 und 2004 in Fes geführt hat, mit "Ja" beantworten. Ja, das Internet zeigt Grenzen auf, von denen sich Jugendliche in der marokkanischen Gesellschaft umgeben sehen. Es ist zum einen die Grenze zwischen den Generationen, zwischen den Kindern und Eltern, die das Internet erhellt. Es ist zum anderen die Grenze zwischen Männern und Frauen, die sich auch im Umgang der Heranwachsenden mit dem Internet erkennen lassen. Und schließlich verdeutlicht das elektronische Netz, dass es geographische Grenzen nach Europa und Nordamerika gibt. Zugleich liegt im Aufzeigen dieser Grenzen die Chance, einen individuellen Umgang mit ihnen zu finden.

Das Internet, das 1995 in Marokko eingeführt wurde und weitgehend frei von Zensur ist, hat sich für viele Jugendliche zu einem Treffpunkt, zu einem Kommunikationsort entwickelt. Allein in Fes gibt es 200 Internet-Cafés, deren Online-Offerte bei einem Stundensatz zwischen vier und acht Dirham (0,40 bis 0,80 Euro) durchaus erschwinglich ist. Dabei verdeutlichen die Interviews, die Ines Braune aufgenommen hat, dass das Internet den Jugendlichen ebenso technische wie tatsächliche Gesprächsräume eröffnet.

Geradezu klassisch werden Chatrooms genutzt, sowohl um ins Ausland zu gelangen - zumeist in der Hoffnung auf Bildungs- und/oder Berufschancen in Europa bzw. Nordamerika - als auch um ins Innere Marokkos zu kommen - zumeist mit der Absicht, religiöse und/oder soziale Schranken zu Gleichaltrigen zu umgehen. Diese Möglichkeit eröffnen Internet-Cafés zudem auch auf direktem Wege: Ein junger Mann, der seine Freundin unmöglich in seinem eigenen Wohnviertel treffen könnte, kann sich durchaus im virtuellen und realen Cyberspace mit ihr verabreden. Es ist genau diese "kommunikative Atmosphäre", die die Jugendlichen in und an den Internet-Cafés schätzen. Zudem können sie sich hierhin auch vor der eigenen Familie zurückziehen: Den Eltern, zumeist Analphabeten, lässt sich glaubhaft versichern, dass das Internet Wissen und Kenntnisse für die Schule bereitstellt. Und wenn die Jüngeren schließlich per Mail und Chat Kontakt zu jenen Angehörigen halten, die in Europa arbeiten, zeigt sich den Älteren in der Familie wiederum der Nutzen des Internets. Die Frage hingegen, ob das World Wide Web Grenzen überwinden oder aufbrechen kann, vermag Ines Braune aus der heutigen Perspektive nicht zu beantworten. Sie sagt: "Es verdeutlicht Brüche. Und dass eine Generation heranwächst, die nicht da sein möchte, wo sie ist." Welche Konsequenzen eine solche Entwicklung mit sich bringen kann, darüber will sie keine Vermutungen anstellen. "Derzeit überwiegen die individuellen Bedürfnisse bei der Nutzung des Internets."

Was aus diesen erwachsen kann, ist offen. So offen wie die Zukunft der Veränderungen, die der junge marokkanische König Mohammed VI. in Gang gesetzt hat. "Es bleibt abzuwarten, welche Spuren die Online-Erfahrungen in der Offline-Welt hinterlassen können."

Daniela Weber | Universität Leipzig
Weitere Informationen:
http://www.uni-leipzig.de

Weitere Berichte zu: Internet-Café Marokko Promotion

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Kommunikation Medien:

nachricht Virtuell und 360°: die Zukunft bewegter Bilder
04.10.2016 | Fachhochschule St. Pölten

nachricht Content-Marketing: In der Praxis angekommen - Studie zu Content-Marketing-Strategien
15.07.2016 | PFH Private Hochschule Göttingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Kommunikation Medien >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Im Focus: Neuer Sensor: Was im Inneren von Schneelawinen vor sich geht

Ein neuer Radarsensor erlaubt Einblicke in die inneren Vorgänge von Schneelawinen. Entwickelt haben ihn Ingenieure der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Christoph Baer und Timo Jaeschke gemeinsam mit Kollegen aus Innsbruck und Davos. Das Messsystem ist bereits an einem Testhang im Wallis installiert, wo das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Winter 2016/17 Messungen damit durchführen möchte.

Die erhobenen Daten sollen in Simulationen einfließen, die das komplexe Geschehen im Inneren von Lawinen detailliert nachbilden. „Was genau passiert, wenn sich...

Im Focus: Neuer Rekord an BESSY II: 10 Millionen Ionen erstmals bis auf 7,4 Kelvin gekühlt

Magnetische Grundzustände von Nickel2-Ionen spektroskopisch ermittelt

Ein internationales Team aus Deutschland, Schweden und Japan hat einen neuen Temperaturrekord für sogenannte Quadrupol-Ionenfallen erreicht, in denen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

Die Perspektiven der Genom-Editierung in der Landwirtschaft

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Parkinson-Krankheit und Dystonien: DFG-Forschergruppe eingerichtet

02.12.2016 | Förderungen Preise

Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave

02.12.2016 | Studien Analysen

Nach der Befruchtung übernimmt die Eizelle die Führungsrolle

02.12.2016 | Biowissenschaften Chemie