Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Göttinger Max-Planck-Wissenschaftler mit Multiple-Sklerose-Forschungspreis geehrt

28.11.2001


Prof. Klaus-Armin Nave, Direktor der Abteilung Neurogenetik am Göttinger Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin, erhält den Sobek-Preis der gleichnamigen Stuttgarter Stiftung. Der mit 100.000 Euro dotierte Preis gehört zu den höchsten Auszeichnungen auf dem Gebiet der Multiple-Sklerose-Forschung in Europa. Geehrt wird der gebürtige Kölner Klaus-Armin Nave, Jahrgang 1958, für seine "bahnbrechenden Arbeiten über die Struktur des Myelins und genetische Modellerkrankungen". Der Preis wird am 30. November 2001 in Kooperation mit dem baden-württembergischen Landesverband der Aktion Multiple Sklerose Erkrankter (AMSEL) und der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft in Stuttgart verliehen.

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronische entzündliche Erkrankung des Zentralnervensystems (Gehirn und Rückenmark), die zu Störungen der Bewegungen, der Sinnesempfindungen und auch zur Beeinträchtigung von Sinnesorganen führt. In Deutschland leiden rund 120 000 Menschen an MS. Das Alter bei erster Manifestation liegt üblicherweise zwischen 20 und 40 Jahren, so dass die Krankheit eher junge Menschen betrifft und im Laufe ihres weiteren Lebens bestehen bleibt. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Trotz intensiver Forschungen ist die Ursache der Erkrankung nach wie vor nicht genau bekannt. MS ist keine Erbkrankheit, allerdings spielt die genetische Veranlagung offensichtlich eine Rolle. Zudem wird angenommen, dass Infekte in der Kindheit und der frühen Jugend für die spätere Krankheitsentwicklung bedeutsam sind. Welche anderen Faktoren letztendlich zum endgültigen Auftreten der MS noch beitragen, ist ungewiss. Weltweit sind schätzungsweise 2,5 Millionen Menschen an MS erkrankt.

Klaus-Armin Nave zählt international zu den führenden molekularen Neurobiologen und nimmt auf dem Gebiet der Myelin-Forschung eine Spitzenposition ein. Mit seinen Arbeiten zur Genetik und Pathologie des Proteolipid-Proteins (PLP) des Zentralnervensystems hat er grundlegend zur Aufklärung menschlicher Leukodystrophien beigetragen, also neurologischer Erkrankungen, die Gehirn, Rückenmark und gelegentlich auch periphere Nerven befallen. "Es ist zu erwarten, dass die grundlagenwissenschaftlichen Erkenntnisse für die Multiple-Sklerose-Forschung der nächsten Jahre neue Denkanstöße geben werden und gerade für die Fragen der Regeneration und Reparatur zerstörten Markscheidengewebes neue Wege aufzeigen", erklärte die Sobek-Stiftung zu den Studien Naves. Dem Göttinger Max-Planck-Wissenschaftler ist es gelungen, rein experimentelle Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung mit Erfolg für das Verständnis menschlicher Erkrankungen zu nutzen.

Ein Schwerpunkt seiner Forschungen liegt auf dem Gebiet der Neuron-Glia-Interaktion, die im Verlauf der Entwicklung zur Ausbildung des Myelins im Nervensystem führt. Diese Forschungsarbeiten sollen helfen, humane neurologische Krankheitsbilder, in welchen genetische Defekte den Verlust von Myelin und der motorischen Fähigkeiten verursachen, besser zu verstehen. Myelin ermöglicht die schnelle Weiterleitung neuronaler Information, ist aber auch für die Persistenz von Axonen notwendig. Hochspezialisierte Gliazellen, wie myelinisierende Schwannzellen und Oligodendrozyten, umhüllen im peripheren bzw. zentralen Nervensystem die Axone und isolieren sie dadurch elektrisch. Nervenzellen bestehen neben dem Axon, ihrem Hauptfortsatz, noch aus einem Zellkörper sowie einer Vielzahl von Dendriten. Während Axone die neuronalen Informationen in Form elektrischer Impulse vom Zellkörper zu anderen Neuronen oder Muskelzellen leiten, sind die Dendriten in erster Linie Signaleingangsstationen, die diese Impulse empfangen und an den Nervenzellkörper weitergeben. Die Übertragung des Signals zwischen Nervenzellen erfolgt an Kontaktzonen, den so genannten Synapsen. Dort werden chemische Botenstoffe, die Neurotransmitter ausgeschüttet. Im Gehirn bildet die Myelinschicht die weiße Substanz, auch Mark genannt. Sie kann z. B. durch Viren oder durch Autoimmunreaktionen zerstört werden. Dadurch wird die Nervenleitgeschwindigkeit erheblich herabgesetzt, was zu motorischen Störungen führt.

Die Entwicklung unseres Nervensystems beruht unter anderem auf genetischen Programmen, die die Expression spezifischer Gentranskriptionsfaktoren in neuronalen und glialen Zellen kontrollieren. Ein weiterer Schwerpunkt in den Forschungen von Prof. Nave sind deshalb bestimmte regulatorische Gene für die so genannten basischen Helix-Loop-Helix (bHLH) Proteine, die bereits früh in der Evolution (z.B. in der Fruchtfliege Drosophila) entstanden sind. Dabei geht es um die Frage, ob solche regulatorischen Gene, die eine wichtige Rolle während der frühen Gehirnentwicklung ausüben, auch für strukturelle Veränderungen (neuronale Plastizität) im adulten Gehirn im Zusammenhang mit dem Lern- bzw. Erinnerungsvermögen von Bedeutung sind.


Lebenslauf von Prof. Dr. Klaus-Armin Nave

... mehr zu:
»Axon »Myelin »Sklerose

1958 geboren in Köln
1977-1983  Studium in den Fächern Biologie, Chemie und Physik an der Universität Heidelberg;
Diplomarbeit am Institut für Neurobiologie (Dr. Melitta Schachner)
1983-1987  Graduate Program in Neurosciences (DAAD-Stipendium 1983-84) an der University of California, San Diego (UCSD), La Jolla, CA/USA
1984-1987  Research Assistant an der Division of Preclinical Neurosciences and Endocrinology, Scripps Clinic and Research Foundation, La Jolla, CA/USA
1987 Promotion im Fach Neurowissenschaften an der UCSD (Dr. Floyd Bloom)
1988-1991  Post-doc am Molecular Neurobiology Laboratory, The Salk Institute, La Jolla, CA/USA (Dr. Greg Lemke)
Stipendium der National Multiple Sclerosis Society
1991-1997  Leiter einer Arbeitsgruppe am Zentrum für Molekulare Biologie (ZMBH) der Universität Heidelberg
1996 Habilitation im Fach Molekularbiologie und Genetik an der Universität Heidelberg
1997-1999  Professor (C4) für Molekularbiologie am Zentrum für Molekulare Biologie (ZMBH) der Universität Heidelberg
1999 Direktor und Wissenschaftliches Mitglied am Max-Planck-Institut für medizinische Forschung in Göttingen


Mitgliedschaften
Society for Neuroscience (USA)
American Society for Neurochemistry
International Society for Neurochemistry
Gesellschaft für Biologische Chemie

Weitere Informationen über Prof. Klaus-Armin Nave finden Sie auch in unserer Experten-Datenbank.

* * * * *

Der Sobek-Forschungspreis
Mit dem Sobek-Preis der Roman, Marga und Mareille Sobek-Stiftung, Renningen, Kreis Böblingen, werden richtungsweisende Leistungen von Forschern/Forscherinnen an Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen im Bereich der Multiplen Sklerose und der dazugehörenden Grundlagenforschung ausgezeichnet. Entscheidungskriterien sind allein Qualität und Exzellenz der Forschungsleistung. Es kann sowohl eine außerordentliche wissenschaftliche Einzelleistung als auch eine wissenschaftliche Gesamtleistung gewürdigt werden. Der Preis wird 2001 zum zweiten Mal verliehen. Preishöhe: 100.000 Euro.

Prof. Dr. Klaus-Armin Nave | Presseinformation
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de/index.html

Weitere Berichte zu: Axon Myelin Sklerose

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Fake News finden und bekämpfen
17.08.2017 | Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie SIT

nachricht Neues interdisziplinäres Zentrum für Physik und Medizin in Erlangen
25.07.2017 | Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal

18.08.2017 | Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Eine Karte der Zellkraftwerke

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Chronische Infektionen aushebeln: Ein neuer Wirkstoff auf dem Weg in die Entwicklung

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Computer mit Köpfchen

18.08.2017 | Informationstechnologie