Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Zur Situation der Obdachlosen im Ruhrgebiet

12.07.2001


Menschen auf der Straße
Zahlungsunfähig - Wohnung weg
RUB-Studierende: Zur Situation der Obdachlosen im Ruhrgebiet

Auf die Straße geschickt hat Prof. Dr. Hans-Dieter Schwind (Lehrstuhl für Kriminologie, Strafvollzug und Kriminalpolitik, RUB) seine Studierenden: Für ein Seminar haben sie in Teams zehn Revierstädte zum Thema "Obdachlose, Nichtsesshafte und Straßenkinder in Großstädten" untersucht - Bochum, Dortmund, Duisburg, Essen, Gelsenkirchen, Hagen, Hamm, Oberhausen, Recklinghausen und Wuppertal. Herausgekommen ist dabei ein sehr differenziertes Bild der Obdachlosigkeit im Ruhrgebiet: Die Bochumer Studierenden fanden heruntergekommene Unterkünfte und fehlende Unterstützung für Frauen und Jugendliche - dabei wächst deren Anteil unter den Obdachlosen. Aus vielen Städten berichten sie aber auch Erfreuliches: Hilfsprogramme retten zahlreiche "Problem-Kandidaten" vor dem Abrutschen auf die Straße. Andere Stadtverwaltungen überlassen die Verantwortung für die Wohnungslosen den Kirchen und privaten Einrichtungen, die einen großen Teil der Hilfsangebote tragen.

Fristlos gekündigt

Seit 1996 ist die Wohnungslosenzahl in NRW um 52,5% gesunken, das macht sich auch in den Revierstädten bemerkbar. Entwarnung gibt es aber nicht - noch immer verlieren Menschen ihr Dach über dem Kopf, häufig, weil der Vermieter fristlos gekündigt hat. Kündigungsgrund ist meist Zahlungsunfähigkeit - z.B. durch Arbeitslosigkeit - oder mietwidriges Verhalten. In Essen ist die Zahl der Wohnungslosen entgegen dem landesweiten Trend seit 1988 von rund 750 auf 1.390 (1999) gestiegen - der Frauenanteil hat sich dabei verzehnfacht. Die Stadtverwaltungen könnten durch ein rechtzeitiges Eingreifen in vielen Fällen das Abrutschen in die Obdachlosigkeit verhindern, viele Städte bemühen sich in dieser Hinsicht. Ein vorbildliches Beispiel ist Duisburg: Der "Wohnungsnotfallplan" von 1996 (Landesprogramm "Wohnungslosigkeit vermeiden - dauerhaftes Wohnen sichern") hat hier für einen Rückgang der Obdachlosenzahl um fast 90% gesorgt. Das Konzept: Eine "Zentrale Fachstelle" berät Hilfsbedürftige und koordiniert Wohnungsvermittlungen. Die Kommune übernimmt unter Umständen sogar Mietschulden; Wohnungsanbieter und Amtsgerichte informieren die Fachstelle unverzüglich über Räumungsklagen oder Mietrückstände, damit die Hilfe rechtzeitig kommt.

Frauen auf der Straße

Einen wesentlichen Anteil an der Betreuung der Wohnungslosen haben die kirchlichen und privaten Einrichtungen (z.B. Caritas, Diakonie, Verein Suppenküche/Bochum). Vor allem die nicht-städtischen Einrichtungen bieten vielfältige Hilfe an, so z.B. in Essen: Übernachtungsmöglichkeiten, Verpflegung, Duschgelegenheiten und sozialen Kontakt - oder auch ärztliche Versorgung durch das "Arztmobil", das täglich in der Innenstadt steht (ähnlich wie das "Medi-Mobil" in Wuppertal). "Die Insel" und das "Café Schließfach" sind Betreuungsangebote speziell für Frauen - was besonders wichtig ist, denn Frauen lehnen eine gemischte Unterbringung aus Angst vor Belästigungen durch die Männer häufig ab. In einigen Städten fehlen diese speziellen Angebote: In Gelsenkirchen gibt es keine Obdachlosenunterkunft für Frauen, in Bochum bietet das Christopherushaus Unterstützung für wohnungslose Männer, die nicht mehr ohne fremde Hilfe am Leben in der Gemeinschaft teilnehmen können - eine vergleichbare Einrichtung für Frauen gibt es jedoch nicht.

Kinder auf der Straße

Alkoholsucht ist häufig auch Ursache für Obdachlosigkeit, Prostitution kann eine Folge sein - so begeht beispielsweise ein Großteil der Wuppertaler Straßenkinder Beschaffungsdelikte, um den Drogen- und Alkoholkonsum zu finanzieren. "Die Stadt verschließt ihre Augen vor der bestehenden Problematik und lässt die Kids mit ihren Problemen im Stich", so Dirk Bönschen, ehrenamtlicher Streetworker vom Allgemeinen Hilfskreis. Dabei gibt es auch Hilfsangebote speziell für diese junge Zielgruppe - z.B. eine Übernachtungsmöglichkeit in der Jugendschutzstelle des städtischen Jugendamtes in Trägerschaft des Caritasverbandes in Wuppertal-Barmen. Wohnungslosigkeit ist also kein "Erwachsenen-Problem": In Bochum leben nach Schätzungen von Streetworkern bis zu 30 Jugendliche auf der Straße, in Dortmund waren 1999 von rund 190 Wohnungslosen 15% Kinder und Jugendliche.

Begegnung in der Innenstadt

Die Öffentlichkeit begegnet den Wohnungslosen oft in der Innenstadt, wenn sie "Bodo" oder ähnliche Obdachlosen-Zeitschriften verkaufen. Der Verkauf ist für die Obdachlosen ein Schritt in Richtung "geregeltes Leben", denn sie gehen einer Beschäftigung nach und behalten einen Teil des Erlöses. Allerdings kann die Begegnung mit Passanten auch zu Ärger führen: immer dann, wenn die Wohnungslosigkeit mit aggressiver Bettelei, Diebstählen und anderen Übergriffen verbunden ist - meist Beschaffungskriminalität. Prominentes Beispiel hierfür war bis vor kurzem die Situation am Essener Hauptbahnhof. Aber auch die anderen Revierstädte haben ihre "Szene", in Recklinghausen ist es z.B. der Marktplatz. Geschäftsleute sehen das häufig gar nicht gern - Beispiel CentrO Oberhausen: Obdachlose Punks haben hier keinen Zutritt.

Weitere Informationen

Die Studierenden haben kurze Dossiers zur Situation der Obdachlosen in den einzelnen Revierstädten zusammengestellt. Informationspapiere können beim Lehrstuhl für Kriminologie angefordert werden:
Prof. Dr. jur. Hans-Dieter Schwind, Ruhr-Universität Bochum, Lehrstuhl für Kriminologie, Strafvollzug und Kriminalpolitik, Tel.: 0234/32 25 245, Fax: 0234/32 14 328, E-Mail: LS.Schwind@jura.ruhr-uni-bochum.de

Dr. Josef König | idw

Weitere Berichte zu: Kriminologie Obdachlos Obdachlosigkeit Ruhrgebiet Wohnungslos

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Speiseröhrenkrebs einfacher erkennen
06.03.2017 | Helmholtz Zentrum München - Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt

nachricht Neues Labor für die Aufbautechnik von ultradünnen Mikrosystemen
21.02.2017 | Hahn-Schickard

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise