Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Pollen am Grunde der Eifelmaare als jahrgenaues Klimaarchiv

15.05.2003


Pollenkörner aus längst vergangenen Zeiten lagern am Grund der Eifelmaare. Jahr für Jahr bettet sich dort eine neue Sedimentschicht mit den winzigen, zum Teil bizarr geformten Körnern zur ewigen Ruhe. Paläobotaniker der Universität Bonn können aus diesen "Jahresringen" im Seesediment das Klima der Vergangenheit ablesen - wichtig beispielsweise, um einzuordnen, ob die aktuelle Wärmeperiode eine natürliche Schwankung oder "hausgemacht" ist. In manchen Schichtungen werden sogar jahreszeitliche Schwankungen der Vegetation vor tausenden von Jahren sichtbar.


Pollenkorn der Schafgarbe



Für Allergiker sind sie mehr als lästig: Pollen von Hasel oder Erle, Roggen oder Wildgräsern lassen Augen und Nase triefen und Heuschnupfen-Geplagte Zuflucht in hermetisch abgedichteten Räumen suchen. Unter dem Mikroskop entfaltet der feine Staub aber eine ganz besondere Ästhetik: Das Korn der Schafgarbe ist stachelig wie ein winziger Igel, der Kieferpollen ähnelt mit seinen Luftsäcken einem pausbäckigen Gesicht, "und sehen Sie mal den Ölbaum", begeistert sich Professor Dr. Thomas Litt, "der hat auch ein sehr schönes Pollenkorn."



Der Bonner Paläobotaniker erkennt meist schon auf den ersten Blick, von welcher Gattung oder Art seine Untersuchungsobjekte stammen - selbst dann, wenn sie schon einige tausend Jahre alt sind. Denn die Pollenhülle widersetzt sich erfolgreich dem Zahn der Zeit. "Das Material ist äußerst resistent gegen Umwelteinflüsse und widersteht sogar starken Säuren oder Laugen", erklärt Professor Litt. Gut für die Wissenschaftler: Mit Flusssäure oder Kalilauge lösen sie die Pollenkörner aus den Sedimentproben; die Körner zeigen sich von der rabiaten Behandlung völlig unbeeindruckt. Unter dem Mikroskop werten die Botaniker dann aus, wie viel Pollen von welcher Art in der jeweiligen Schicht vorhanden ist.

Bohrkerne aus dem Sediment der Eifelmaare können - fein säuberlich übereinander geschichtet - Pollen der letzten 10.000 bis 15.000 Jahre enthalten. In einem würfelzuckergroßen Bröckchen sind bis zu 200.000 Körner eingeschlossen: eine wahre Fundgrube. Je tiefer die Schicht, aus der die Pollenkörner stammen, desto älter sind sie. "An interessanten Stellen entnehmen wir einem solchen Bohrkern jeden Zentimeter Material; so erreichen wir eine zeitliche Auflösung von wenigen Jahren." An der zunehmenden Häufigkeit von Kräuterpollen kann der Paläobotaniker so den Beginn des Ackerbaus in der Jungsteinzeit vor 7.000 Jahren nachvollziehen, an anderen Pollenprofilen sogar die "Pestdelle" Mitte des 14. Jahrhunderts, als der schwarze Tod die Landwirtschaft hierzulande fast gänzlich zum Erliegen brachte.

Sein eigentliches Interesse gilt aber den Klima-Informationen, die in den botanischen Archiven stecken. Zusammen mit den Bonner Meteorologen haben die Paläobotaniker ein Verfahren entwickelt, mit dem sie anhand des Pollenvorkommens recht genaue Aussagen über Temperatur und durchschnittliche Niederschlagsmenge zur Zeit der Funde treffen können. Dazu haben sie für verschiedene Arten untersucht, in welchem Temperatur- und Feuchtebereich sie vorkommen. "Finden wir nun in einem Präparat Pollen mehrerer Arten, deren Standortansprüche wir kennen, können wir eine Wahrscheinlichkeitsaussage über das damalige Klima treffen", erklärt Professor Litt.

Mit dieser Methode untersucht der Paläobotaniker anhand von Schichten aus dem Tagebau beispielsweise die so genannte Eemwarmzeit vor gut 120.000 Jahren - die letzte Warmzeit, deren Verlauf vom Menschen noch unbeeinflusst war. "So können wir abschätzen, ob die aktuell beobachtete Erderwärmung im normalen Rahmen liegt oder tatsächlich durch den Menschen mitverursacht wird." Durch Veränderungen der Sonnenaktivität oder der Erdbahnparameter kam es nämlich in der Vergangenheit regelmäßig zu enormen Klimaschwankungen. "Wir konnten bei unseren Pollenanalysen feststellen, wie unglaublich schnell die Vegetation einen derartigen Wandel nachvollzieht - manchmal schon innerhalb weniger Jahre", so Professor Litt. Wie gut sich dieses Verfahren für die Paläoklimaforschung eignet, haben unter anderem Vergleiche mit Untersuchungen im Gletschereis Grönlands ergeben: Das Verhältnis unterschiedlich schwerer Sauerstoff-Varianten im Eis erlaubt ebenfalls ziemlich genaue Rückschlüsse auf die damalige Temperatur. Über weite Zeiträume verlaufen die klimatischen Fieberkurven bei beiden Methoden nahezu parallel. "Wir treffen aber klimatische Aussagen über Europa und damit über einen bedeutenden Lebensraum des Menschen."

Wie sich unser Klima in Zukunft entwickeln wird, vermag der Wissenschaftler auch nicht zu sagen - nur so viel: "In den letzten 500.000 Jahren dauerten die Warmzeiten durchschnittlich 11.000 Jahre; danach folgte eine Periode der Abkühlung. Dieser Zyklus Warmzeit-Kaltzeit wiederholte sich alle 100.000 Jahre." Schlechte Aussichten: Unsere aktuelle Warmzeit begann nach den Untersuchungen der Jahresschichten in den Eifelmaaren vor ziemlich genau 11.590 Jahren.

Ansprechpartner:
Professor Dr. Thomas Litt
Institut für Paläontologie der Universität Bonn
Telefon: 0228/73-2736 oder -3103
E-Mail: t.litt@uni-bonn.de


Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de/Aktuelles/Presseinformationen/2003/160.html

Weitere Berichte zu: Eifelmaar Paläobotaniker Polle Schicht Warmzeit

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Placebo-Effekt hilft nach Herzoperationen
11.01.2017 | Philipps-Universität Marburg

nachricht Innovation: Optische Technologien verändern die Welt
01.12.2016 | Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Im Focus: Traffic jam in empty space

New success for Konstanz physicists in studying the quantum vacuum

An important step towards a completely new experimental access to quantum physics has been made at University of Konstanz. The team of scientists headed by...

Im Focus: Textiler Hochwasserschutz erhöht Sicherheit

Wissenschaftler der TU Chemnitz präsentieren im Februar und März 2017 ein neues temporäres System zum Schutz gegen Hochwasser auf Baumessen in Chemnitz und Dresden

Auch die jüngsten Hochwasserereignisse zeigen, dass vielerorts das natürliche Rückhaltepotential von Uferbereichen schnell erschöpft ist und angrenzende...

Im Focus: Wie Darmbakterien krank machen

HZI-Forscher entschlüsseln Infektionsmechanismen von Yersinien und Immunantworten des Wirts

Yersinien verursachen schwere Darminfektionen. Um ihre Infektionsmechanismen besser zu verstehen, werden Studien mit dem Modellorganismus Yersinia...

Im Focus: How gut bacteria can make us ill

HZI researchers decipher infection mechanisms of Yersinia and immune responses of the host

Yersiniae cause severe intestinal infections. Studies using Yersinia pseudotuberculosis as a model organism aim to elucidate the infection mechanisms of these...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

Künftige Rohstoffexperten aus aller Welt in Freiberg zur Winterschule

18.01.2017 | Veranstaltungen

Bundesweiter Astronomietag am 25. März 2017

17.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Flashmob der Moleküle

19.01.2017 | Physik Astronomie

Tollwutviren zeigen Verschaltungen im gläsernen Gehirn

19.01.2017 | Medizin Gesundheit

Fraunhofer-Institute entwickeln zerstörungsfreie Qualitätsprüfung für Hybridgussbauteile

19.01.2017 | Verfahrenstechnologie