Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wirtschaftskrise senkt Geburtenraten

10.07.2013
Steigende Arbeitslosenquoten bremsen Aufwärtstrend der Kinderzahl pro Frau in europäischen Ländern aus

Die Wirtschaftskrise hat im letzten Jahrzehnt messbar die Geburtenraten in Europa gedrückt. Im Durchschnitt von 28 europäischen Ländern blieb die Kinderzahl pro Frau umso stärker hinter dem ohne Krise zu erwartenden Trend zurück, je höher die Arbeitslosenquote anstieg.

Das ergibt eine Studie des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock, die Michaela Kreyenfeld, Joshua Goldstein und Aiva Jasilioniene vom Rostocker Max-Planck-Institut zusammen mit Deniz Karaman Örsal von der Leuphana Universität Lüneburg veröffentlicht haben.

Insbesondere junge Europäer unter 25 Jahren sahen von Kindern angesichts steigender Arbeitslosenquoten vermehrt ab. Ihre Geburtenraten fielen vor allem für das erste Kind zurück, sie gründeten also zunächst seltener eine Familie.

Häufig ist die Familiengründung aber möglicherweise nur aufgeschoben. „Junge Menschen tun sich aber auch leichter, die Familiengründung zu überdenken, als ältere, die den biologischen Grenzen der Fruchtbarkeit schon näher sind“, sagt Michaela Kreyenfeld, Demografin am Max-Planck-Instituts für demografische Forschung. Tatsächlich änderte sich die Rate der ersten Kinder bei den über 40-Jährigen nicht durch steigende Arbeitslosenquoten.

Ob und wie wirtschaftliche Bedingungen die Fertilität (also das Geburtenverhalten) beeinflussen, ist eine der großen offenen Fragen der demografischen Forschung. Die Studie belegt für das heutige Europa, dass die Höhe der Arbeitslosigkeit im eigenen Land sich durchaus auf die Fertilität auswirkt.

Allerdings ist der Zusammenhang unterschiedlich stark, da weitere Faktoren, wie etwa die Familienpolitik oder die Sicherheit der Arbeitsplätze, in jedem Land anders sind. So senkt Arbeitslosigkeit die Geburtenraten am stärksten in Südeuropa. „Darin spiegelt sich wider, dass die Jobsituation zu Beginn des Arbeitslebens in den südlichen Ländern besonders unsicher ist“, sagt Kreyenfeld.

Die Folgen der Rezension zeigten sich etwa ab dem Jahr 2008. „Die Finanzkrise traf Europa damit zu einer Zeit, als die Geburtenraten in vielen Ländern gerade langsam wieder zu steigen begannen“, sagt Kreyenfeld. Das Rostocker Institut hatte in früheren Studien festgestellt, dass die Zeiten extrem niedriger Geburtenziffern in Europa zu Ende gingen und sich der negative Trend hin zu steigenden Raten umgekehrt hatte. „In einigen Ländern hat die Krise die Aufwärtsbewegung lediglich angehalten, in anderen nahm die Geburtenrate ab“, sagt Michaela Kreyenfeld.

Einen spürbaren Einbruch der Geburtenraten gab es beispielsweise in Spanien, Ungarn, Irland, Kroatien oder Lettland. Eine besonders deutliche Zäsur erlebte Spanien, wo die Kinderzahl pro Frau ausgehend von 1,24 zu Beginn des Jahrtausends jedes Jahr gewachsen war, bis sie 2008 einen Wert von 1,47 erreicht hatte. 2009 sackte sie auf 1,40 ab, nachdem im Jahr zuvor die Arbeitslosenquote sprunghaft angestiegen war (von 8,3 Prozent 2008 auf 11,3 Prozent 2009), und sank bis 2011 weiter auf 1,36 (neuere Daten liegen nicht vor).

Lediglich zum Halt kamen die wachsenden Raten etwa in den Ländern Tschechien und Polen, in Großbritannien oder Italien. In einigen Nationen zeigte sich nur ein schwacher oder gar kein Effekt, wie etwa in Russland oder Litauen. In Deutschland, Österreich und der Schweiz ergab die Analyse keine signifikanten Einflüsse. Dort stieg die Arbeitslosenquote in den letzten Jahren allerdings auch nicht oder nur wenig an. In Deutschland sank sie sogar.

Die Forscher untersuchten Daten für die Jahre 2001 bis 2010 (einige Länder: 2011). Dass negative Effekte der Krise auf die Geburtenrate weiter anhalten, ist nicht ausgeschlossen.

Ansprechpartner

Michaela Kreyenfeld
Arbeitsbereich Ökonomische und Soziale Demografie
Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Rostock
Telefon: +49 381 2081-136
E-Mail: Kreyenfeld@­demogr.mpg.de
Silvia Leek
Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Rostock
Telefon: +49 381 2081-143
Fax: +49 381 2081-443
E-Mail: leek@­demogr.mpg.de
Originalpublikation
Joshua R. Goldstein, Michaela Kreyenfeld, Aiva Jasilioniene, Deniz Karaman Örsal
Fertility reactions to the "Great Recession" in Europe: Recent evidence from order-specific data

Demographic Research, DOI: 10.4054/DemRes.2013.29.4

Michaela Kreyenfeld | Max-Planck-Institut
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de/7445618/geburtenrate_wirtschaftskrise

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Daseinsvorsorge in Stadt und Land sichern
08.11.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

nachricht 3, 2, 1, meins: Kaufentscheidungen im Labor erforscht
28.08.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Software mit Grips

Ein computergestütztes Netzwerk zeigt, wie die Ionenkanäle in der Membran von Nervenzellen so verschiedenartige Fähigkeiten wie Kurzzeitgedächtnis und Hirnwellen steuern können

Nervenzellen, die auch dann aktiv sind, wenn der auslösende Reiz verstummt ist, sind die Grundlage für ein Kurzzeitgedächtnis. Durch rhythmisch aktive...

Im Focus: Der komplette Zellatlas und Stammbaum eines unsterblichen Plattwurms

Von einer einzigen Stammzelle zur Vielzahl hochdifferenzierter Körperzellen: Den vollständigen Stammbaum eines ausgewachsenen Organismus haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Berlin und München in „Science“ publiziert. Entscheidend war der kombinierte Einsatz von RNA- und computerbasierten Technologien.

Wie werden aus einheitlichen Stammzellen komplexe Körperzellen mit sehr unterschiedlichen Funktionen? Die Differenzierung von Stammzellen in verschiedenste...

Im Focus: Spider silk key to new bone-fixing composite

University of Connecticut researchers have created a biodegradable composite made of silk fibers that can be used to repair broken load-bearing bones without the complications sometimes presented by other materials.

Repairing major load-bearing bones such as those in the leg can be a long and uncomfortable process.

Im Focus: Verbesserte Stabilität von Kunststoff-Leuchtdioden

Polymer-Leuchtdioden (PLEDs) sind attraktiv für den Einsatz in großflächigen Displays und Lichtpanelen, aber ihre begrenzte Stabilität verhindert die Kommerzialisierung. Wissenschaftler aus dem Max-Planck-Institut für Polymerforschung (MPIP) in Mainz haben jetzt die Ursachen der Instabilität aufgedeckt.

Bildschirme und Smartphones, die gerollt und hochgeklappt werden können, sind Anwendungen, die in Zukunft durch die Entwicklung von polymerbasierten...

Im Focus: Writing and deleting magnets with lasers

Study published in the journal ACS Applied Materials & Interfaces is the outcome of an international effort that included teams from Dresden and Berlin in Germany, and the US.

Scientists at the Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) together with colleagues from the Helmholtz-Zentrum Berlin (HZB) and the University of Virginia...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Internationale Konferenz zur Digitalisierung

19.04.2018 | Veranstaltungen

124. Internistenkongress in Mannheim: Internisten rücken Altersmedizin in den Fokus

19.04.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Juni 2018

17.04.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Grösster Elektrolaster der Welt nimmt Arbeit auf

20.04.2018 | Interdisziplinäre Forschung

Bilder magnetischer Strukturen auf der Nano-Skala

20.04.2018 | Physik Astronomie

Kieler Forschende entschlüsseln neuen Baustein in der Entwicklung des globalen Klimas

20.04.2018 | Geowissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics