Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Toleranz lässt sich trainieren

23.06.2010
Psychologen der Universität Jena zeigen, wie sich Vorurteile bereits im Kindesalter vermeiden lassen

Franzosen treffen auf Algerier, US-Amerikaner spielen mit Mexikanern und Koreaner aus dem kommunistischen Norden und dem Süden begegnen einander friedlich im Stadion: Was bei der laufenden Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika problemlos möglich ist, ruft bei Begegnungen zwischen den Kulturen im Alltag oftmals erhebliche Konflikte hervor.

„Vorurteile und Intoleranz gegenüber anderen ethnischen oder auch sozialen Gruppen haben viele Erscheinungsformen in unserer Gesellschaft“, weiß Prof. Dr. Andreas Beelmann von der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Von der Abwertung von Minderheiten über deren Ausgrenzung bis hin zu offener Gewalt gegenüber Menschen, die einfach nur anders aussehen, reiche das Spektrum, so der Psychologe weiter.

Wie Vorurteile entstehen und wie Lehrer und Erzieher deren Entwicklung bereits im Grundschulalter entgegenwirken können, das haben Prof. Beelmann und sein Team im Rahmen der Forschergruppe „Diskriminierung und Toleranz in Intergruppenbeziehungen“ untersucht: In 15 Thüringer Grundschulen haben sie Kinder der dritten Klasse über einen Zeitraum von zwei Jahren begleitet und mit einem eigens entwickelten Trainings- und Präventionsprogramm gefördert. Nun liegen die Ergebnisse der „Thüringer Studie zur Vorurteilsprävention und Toleranzentwicklung“ vor. Im Rahmen einer internationalen Konferenz vom 30. Juni bis 3. Juli an der Universität Jena werden die Studienergebnisse der wissenschaftlichen Öffentlichkeit vorgestellt.

„Durch ein interkulturelles Training lässt sich das Wissen über andere Kulturen und Nationen bei Kindern deutlich erhöhen“, nennt Studienleiter Beelmann einen zentralen Befund der Untersuchung. Damit werde ein wichtiger Grundstein für gegenseitiges Verständnis und Toleranz gelegt, unterstreicht der Professor für Forschungssynthese, Intervention und Evaluation der Uni Jena. „Darüber hinaus ließen sich auch Verbesserungen hinsichtlich der Einstellung zu Kindern anderer Nationen nachweisen.“ So wünschten sich Kinder der Trainingsgruppe etwa einen näheren Kontakt zu asiatischen oder russischen Kindern als Kinder, die das Training nicht absolviert hatten.

An der Thüringer Studie haben insgesamt rund 400 Kinder teilgenommen. Neben dem interkulturellen Training enthielt das Programm auch Übungen, in denen die Kinder spielerisch in Kontakt mit ausländischen Gleichaltrigen treten. „Dabei handelte es sich nicht um direkte persönliche Kontakte“, erläutert Prof. Beelmann, „sondern um erzählte und gelesene Geschichten, die z. B. von russischen Kindern handeln.“ Als drittes Trainingselement beinhaltete das Programm Übungen zur Unterstützung sozial-kognitiver Fertigkeiten, beispielsweise die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen.

Insgesamt, so räumt Prof. Beelmann ein, sei die positivere Einstellung der Kinder der Trainingsgruppe gegenüber anderen Ethnien zwar nachweisbar, doch nicht sehr ausgeprägt. „Das liegt vor allem daran, dass wir in dieser Altersgruppe generell ein geringes Niveau von Intergruppenkonflikten haben“, erläutert der Jenaer Psychologe. Zum anderen sei der Erfolg von Präventionsmaßnahmen grundsätzlich schwierig nachzuweisen. „Das ist wie beim Impfen“, veranschaulicht Beelmann. Zwar verhindere die Immunisierung den Ausbruch einer bestimmten Krankheit – sei also zweifellos ein Erfolg. „Allerdings ist es bei vielen Krankheiten so, dass sie auch ohne Impfung nicht ausgebrochen wären.“ Deshalb interessieren sich die Jenaer Psychologen vor allem für die langfristige Wirkung ihres Präventionsprogramms. „Wir planen, die Untersuchung der Schüler auch zu späteren Zeitpunkten fortzusetzen“, kündigt Prof. Beelmann an. Bisher fehlten standardisierte Präventionsmaßnahmen gegen Vorurteile und Intoleranz im frühen Kindesalter völlig. Die Jenaer Untersuchung ist deshalb schon jetzt die bisher umfangreichste Längsschnittstudie dieser Art.

Die Tagung der Forschergruppe „Diskriminierung und Toleranz in Intergruppenbeziehungen“ findet vom 30. Juni bis 3. Juli in den Rosensälen der Universität Jena statt. Neben der „Thüringer Studie zur Vorurteilsprävention und Toleranzentwicklung“ werden dort auch zahlreiche weitere Ergebnisse der achtjährigen Arbeit der an der Universität Jena angesiedelten Forschergruppe präsentiert. Die Konferenz wird eröffnet am 30. Juni um 19 Uhr mit einer vom Deutschlandfunk mitgeschnittenen Podiumsdiskussion zum Thema: „Integration ohne Grenzen? Unser Umgang mit Vielfalt und Andersartigkeit in einer multikulturellen Gesellschaft“.

Kontakt:
Prof. Dr. Andreas Beelmann
Institut für Psychologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Humboldtstraße 26, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 945901
E-Mail: Andreas.Beelmann[at]uni-jena.de

Ute Schönfelder | idw
Weitere Informationen:
http://discrimination-tolerance.squarespace.com/
http://www2.uni-jena.de/svw/rgroup/de/start.php

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Mathematische Algorithmen berechnen soziales Verhalten
14.11.2016 | Technische Universität München

nachricht Schrumpfende Gesellschaften: Welcher Umgang mit den Folgen des demografischen Wandels?
18.10.2016 | Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit solaren Gebäudehüllen Architektur gestalten

Solarthermie ist in der breiten Öffentlichkeit derzeit durch dunkelblaue, rechteckige Kollektoren auf Hausdächern besetzt. Für ästhetisch hochwertige Architektur werden Technologien benötigt, die dem Architekten mehr Gestaltungsspielraum für Niedrigst- und Plusenergiegebäude geben. Im Projekt »ArKol« entwickeln Forscher des Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern aktuell zwei Fassadenkollektoren für solare Wärmeerzeugung, die ein hohes Maß an Designflexibilität erlauben: einen Streifenkollektor für opake sowie eine solarthermische Jalousie für transparente Fassadenanteile. Der aktuelle Stand der beiden Entwicklungen wird auf der BAU 2017 vorgestellt.

Im Projekt »ArKol – Entwicklung von architektonisch hoch integrierten Fassadekollektoren mit Heat Pipes« entwickelt das Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern...

Im Focus: Designing Architecture with Solar Building Envelopes

Among the general public, solar thermal energy is currently associated with dark blue, rectangular collectors on building roofs. Technologies are needed for aesthetically high quality architecture which offer the architect more room for manoeuvre when it comes to low- and plus-energy buildings. With the “ArKol” project, researchers at Fraunhofer ISE together with partners are currently developing two façade collectors for solar thermal energy generation, which permit a high degree of design flexibility: a strip collector for opaque façade sections and a solar thermal blind for transparent sections. The current state of the two developments will be presented at the BAU 2017 trade fair.

As part of the “ArKol – development of architecturally highly integrated façade collectors with heat pipes” project, Fraunhofer ISE together with its partners...

Im Focus: Mit Bindfaden und Schere - die Chromosomenverteilung in der Meiose

Was einmal fest verbunden war sollte nicht getrennt werden? Nicht so in der Meiose, der Zellteilung in der Gameten, Spermien und Eizellen entstehen. Am Anfang der Meiose hält der ringförmige Proteinkomplex Kohäsin die Chromosomenstränge, auf denen die Bauanleitung des Körpers gespeichert ist, zusammen wie ein Bindfaden. Damit am Ende jede Eizelle und jedes Spermium nur einen Chromosomensatz erhält, müssen die Bindfäden aufgeschnitten werden. Forscher vom Max-Planck-Institut für Biochemie zeigen in der Bäckerhefe wie ein auch im Menschen vorkommendes Kinase-Enzym das Aufschneiden der Kohäsinringe kontrolliert und mit dem Austritt aus der Meiose und der Gametenbildung koordiniert.

Warum sehen Kinder eigentlich ihren Eltern ähnlich? Die meisten Zellen unseres Körpers sind diploid, d.h. sie besitzen zwei Kopien von jedem Chromosom – eine...

Im Focus: Der Klang des Ozeans

Umfassende Langzeitstudie zur Geräuschkulisse im Südpolarmeer veröffentlicht

Fast drei Jahre lang haben AWI-Wissenschaftler mit Unterwasser-Mikrofonen in das Südpolarmeer hineingehorcht und einen „Chor“ aus Walen und Robben vernommen....

Im Focus: Wie man eine 80t schwere Betonschale aufbläst

An der TU Wien wurde eine Alternative zu teuren und aufwendigen Schalungen für Kuppelbauten entwickelt, die nun in einem Testbauwerk für die ÖBB-Infrastruktur umgesetzt wird.

Die Schalung für Kuppelbauten aus Beton ist normalerweise aufwändig und teuer. Eine mögliche kostengünstige und ressourcenschonende Alternative bietet die an...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Aquakulturen und Fangquoten – was hilft gegen Überfischung?

16.01.2017 | Veranstaltungen

14. BF21-Jahrestagung „Mobilität & Kfz-Versicherung im Fokus“

12.01.2017 | Veranstaltungen

Leipziger Biogas-Fachgespräch lädt zum "Branchengespräch Biogas2020+" nach Nossen

11.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weltweit erste Solarstraße in Frankreich eingeweiht

16.01.2017 | Energie und Elektrotechnik

Proteinforschung: Der Computer als Mikroskop

16.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Vermeintlich junger Stern entpuppt sich als galaktischer Greis

16.01.2017 | Physik Astronomie