Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Rationalisierung oder Qualitätsverbesserung? Digitalisierung in der Altenpflege

08.10.2015

Neue Studie untersucht Folgen für Patienten und Beschäftigte

Digitalisierung und verstärkter Technikeinsatz spielen auch in sozialen Berufen eine immer größere Rolle. Mögliche Folgen haben Forscher am Beispiel der Altenpflege untersucht. Die von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studie zeigt: Das Potenzial der Technik kann Gepflegten und in der Pflege Beschäftigten zugutekommen – aber nur, wenn es nicht zu kostengetriebener Rationalisierung genutzt wird, sondern zu Qualitätsverbesserungen.*

Die Vorstellung ist gleichermaßen faszinierend wie furchterregend: In Zukunft werden Senioren nicht mehr von Menschen, sondern von Robotern gepflegt. Japanische Firmen haben bereits Maschinen mit starken Armen und großen Kulleraugen entwickelt, die Patienten aus dem Bett heben und in den Rollstuhl setzen können. Vom praktischen Einsatz in Deutschland sind solche Gerätschaften zwar noch weit entfernt, schreiben Dr. Volker Hielscher, Lukas Nock und Dr. Sabine Kirchen-Peters in einer Studie für die Hans-Böckler-Stiftung. Dennoch spielt Technik in der Altenpflege schon heute eine große Rolle und wird den Alltag von Pflegebedürftigen und Pflegekräften in den kommenden Jahren deutlich verändern, erwarten die Wissenschaftler vom Saarbrücker Institut für Sozialforschung und Sozialwirtschaft (iso).

Gab es im Jahr 2013 rund 2,6 Millionen Pflegebedürftige in Deutschland (siehe auch die Infografik; Link unten), werden es 2030 nach Prognosen des Statistischen Bundesamtes weit mehr als drei Millionen sein. In der Altenpflege arbeitet derzeit etwa eine Million Menschen und es herrscht dramatischer Fachkräftemangel. Die Arbeit ist körperlich wie psychisch anstrengend und muss häufig unter so großem Zeitdruck erledigt werden, dass die Beschäftigten ihren eigenen professionellen Ansprüchen dabei nicht gerecht werden können. So scheidet die große Mehrheit der Pflegekräfte vorzeitig aus dem Beruf aus – frustriert und gesundheitlich angeschlagen.

Angesichts dieser Lage ist jede Technik willkommen, die Patienten nützt und Pflegekräften die Arbeit erleichtert. Nach den empirischen Studien der Forscher gibt es vor allem vier Anwendungsgebiete für moderne Technologie: Personenlifter, elektronische Akten, GPS-Überwachung von Demenzkranken und intensivmedizinische Apparaturen, die zuhause aufgestellt werden (siehe auch die Infoboxen unten).

Die Fallstudien zeigen, so die Forscher, dass vermehrter Technikeinsatz „eine Entlastung der Pflegekräfte und eine Verbesserung der Pflegequalität befördern“ kann. Im ungünstigsten Fall kann er aber „unter dem alltäglichen Ökonomisierungsdruck sozialer Dienstleistungsarbeit auch als effizienzfunktionales ,Schmiermittel‘ zu einem ,Weiter-so‘ der Pflege unter widrigen Bedingungen beitragen“. Ob das Potenzial neuer Technologien letztlich den Beschäftigten und Gepflegten zugutekommt, hänge von der politischen und betrieblichen Gestaltung ab.

Auf politischer Ebene seien zum Beispiel Finanzierungsfragen zu klären. So sind im Pflegesektor viele kleine und mittelständische Unternehmen mit dünner Kapitaldecke aktiv. Aber auch für größere Einrichtungen stellen etwa Investitionen in komplexe EDV-Systeme eine erhebliche Belastung dar.

Auf betrieblicher Ebene halten es die Wissenschaftler für entscheidend, dass die Technik nutzerfreundlich, an die Bedürfnisse der Beschäftigten angepasst und wirklich in den Arbeitsalltag integrierbar ist. Wenn die eigentliche Arbeit am Patienten aus Sicht des Personals nur gestört wird, weil ständig irgendwelche Daten in die virtuelle Pflegeakte eingetragen werden müssen, ist nichts gewonnen. Außerdem ermöglicht eine präzisere Dokumentation automatisch eine genauere Überwachung der Mitarbeiter; hier besteht Regelungsbedarf. Das Programmieren entsprechender Software ist stets ein Balanceakt: Zu viele Optionen erzeugen Frust bei den Anwendern, zu viel Standardisierung kann letztlich zu einer Fließband-Pflege führen, die keinen Raum für individuelle Versorgung mehr lässt.

Auch bei anderen technischen Arbeitsmitteln stehen den Vorteilen nach Analyse der Forscher gewisse Nachteile gegenüber. Personenlifter etwa erlauben es Pflegerinnen selbstständiger zu arbeiten. Sie müssen nicht mehr auf andere Kollegen warten, bevor ein schwerer Patient angehoben werden kann. Die Kehrseite: Jeder arbeitet für sich und der fachliche Austausch geht zurück.

Akzeptanz muss neue Technik nicht nur bei den Beschäftigten, sondern auch bei den Pflegebedürftigen finden. Sie müssen ein gewisses Vertrauen in die Apparate entwickeln, andernfalls begeben sie sich nur ängstlich und unter Protest in die „Arme“ einer Maschine, die sie aus dem Bett hebt. Gelingt es jedoch, Berührungsängste abzubauen, kann der Einsatz von Personenliftern sogar in emotionaler Hinsicht von Vorteil sein: Manchen älteren Menschen ist es unangenehm, sich von anderen tragen, heben und drehen zu lassen; die Technik kann hier eine durchaus gewünschte Distanz schaffen.

Das Beispiel verdeutlicht den entscheidenden Unterschied zwischen sozialer Interaktionsarbeit und der Welt der Produktfertigung beim Technologieeinsatz: Die Technik funktioniert nur, wenn sie von allen Beteiligten wirklich als nützlich empfunden wird. Ihre Vorzüge müssen geduldig erklärt werden. Das aber kostet Zeit. Zeit, die fehlt, wenn mögliche Effizienzsteigerungen zum Personalabbau genutzt werden.

Infoboxen:

– Personenlifter –

Pflegebedürftige aufzurichten oder umzubetten, ist Schwerstarbeit. Um Überlastungen zu vermeiden, müssten oft mehrere Pflegekräfte gemeinsam zupacken. Zeitdruck und Personalmangel lassen dies aber nicht zu. Entsprechend häufig sind Rückenprobleme bei Pflegekräften; ein Viertel ihrer Fehltage geht auf Muskel- und Skeletterkrankungen zurück. Daher sind in Altenheimen inzwischen diverse elektrische Hebe- und Tragesysteme im Einsatz. Das Potenzial ist jedoch längst nicht ausgeschöpft. Die Geräte der ersten Generation waren oft laut, sperrig, unflexibel – und stießen damit bei Patienten und Pflegerinnen gleichermaßen auf Ablehnung. Erfahrungsberichte von Pflege- und Leitungskräften zeigen, dass verbesserte Technik und geduldige Einweisung am Ende beiden Seiten großen Nutzen bringt: Pflegekräfte schonen ihre Gesundheit und Pflegebedürftige sind nicht mehr in dem Maße ans Bett gefesselt, wie sie es ohne maschinelle Hilfe wären.

– Digitale Pflegedokumentation –

Wie ist der Gesamtzustand des Patienten, welche Behandlungen, Untersuchungen, Medikamente hat er wann bekommen, hat er genug gegessen und getrunken, wann ist er zuletzt gewaschen, umgelagert und mit frischer Bettwäsche versehen worden? All dies wurde jahrzehntelang handschriftlich in Kladden und Mappen festgehalten, die bei jedem Schichtwechsel dem nächsten Team übergeben wurden. So entstanden Berge unübersichtlicher und oft schwer zu entziffernder Akten. Heute erfolgt die Dokumentation vielerorts elektronisch. Die Möglichkeiten sind aber noch keineswegs ausgereizt. Voll integrierte Systeme erfassen den Zustand des Patienten in Echtzeit – die Pflegekräfte zücken bereits am Krankenbett das Smartphone, tragen den gemessenen Blutdruck ein und setzen ein Häkchen bei Waschen oder Füttern. Pflegeeinrichtungen haben es so leichter, von den Krankenkassen mehr Pflegeleistungen und mehr Personal genehmigt zu bekommen, wenn die Daten entsprechenden Bedarf signalisieren.

– Intensivmedizin zuhause –

Auch im Fall schwerer Erkrankungen möchten viele Ältere ihr vertrautes Umfeld nur ungern verlassen. Krankenhäuser sind heutzutage ohnehin nicht für längere Aufenthalte ausgelegt. So findet Intensivpflege immer öfter zuhause statt. Möglich wird dies durch mobile Pflegedienste und vor allem durch Fortschritte bei der Medizintechnik: Beatmungsgeräte oder Ernährungssonden lassen sich inzwischen auch daheim installieren. Sie erfordern allerdings eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung durch hochqualifiziertes Personal.

– GPS-Überwachung –

Demenzkranke sind oft noch gut zu Fuß. Viele wandern mehr oder weniger orientierungslos stundenlang hin und her, verlassen manchmal die Pflegeeinrichtung und werden im Straßenverkehr zur Gefahr für sich und andere. Sie im Auge zu behalten oder im Falle des Verschwindens wiederzufinden, bindet viel Personal. Hinzu kommt die permanente nervliche Anspannung. Die Option, einfach alle Ausgänge zu versperren, scheidet schon aus rechtlichen Gründen aus: Altenheime sind keine Gefängnisse. Einige Häuser nutzen heute aber die Möglichkeit, gefährdete Personen mit Sendern auszustatten. Auf diese Weise bekommt das Pflegepersonal mit, wenn sich Bewohner den Ausgängen nähern oder – außerhalb der Einrichtung – von ihren üblichen Spazierrouten abkommen. Dies entlastet die Pflegerinnen vom Stress der permanenten Beaufsichtigung und ermöglicht den Demenzkranken, sich geschützt autonom bewegen zu können.

*Volker Hielscher, Lukas Nock, Sabine Kirchen-Peters: Technikeinsatz in der Altenpflege. Potenziale und Perspektiven in empirischer Perspektive. Berlin, edition sigma, Oktober 2015

Infografik zum Download im neuen Böckler Impuls 15/2015: http://media.boeckler.de/Sites/A/Online-Archiv/17202

Mit den Konsequenzen von Digitalisierung und Technisierung befasst sich auch die Expertenkommission „Arbeit der Zukunft“ der Hans-Böckler-Stiftung. Mehr Informationen: http://www.boeckler.de/forschung_61420.htm

Kontakt in der Hans-Böckler-Stiftung

Dr. Dorothea Voss
Komm. Leiterin Abteilung Forschungsförderung
Tel.: 0211-7778-194
E-Mail: Dorothea-Voss@boeckler.de

Rainer Jung
Leiter Pressestelle
Tel.: 0211-7778-150
E-Mail: Rainer-Jung@boeckler.de

Weitere Informationen:

http://media.boeckler.de/Sites/A/Online-Archiv/17202 - Infografik zum Download im neuen Böckler Impuls 15/2015
http://www.boeckler.de/forschung_61420.htm - Mit den Konsequenzen von Digitalisierung und Technisierung befasst sich auch die Expertenkommission „Arbeit der Zukunft“ der Hans-Böckler-Stiftung.

Rainer Jung | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Daseinsvorsorge in Stadt und Land sichern
08.11.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

nachricht 3, 2, 1, meins: Kaufentscheidungen im Labor erforscht
28.08.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Lange Speicherung photonischer Quantenbits für globale Teleportation

Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik erreichen mit neuer Speichertechnik für photonische Quantenbits Kohärenzzeiten, welche die weltweite...

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Im Focus: Electromagnetic water cloak eliminates drag and wake

Detailed calculations show water cloaks are feasible with today's technology

Researchers have developed a water cloaking concept based on electromagnetic forces that could eliminate an object's wake, greatly reducing its drag while...

Im Focus: Neue Einblicke in die Materie: Hochdruckforschung in Kombination mit NMR-Spektroskopie

Forschern der Universität Bayreuth und des Karlsruhe Institute of Technology (KIT) ist es erstmals gelungen, die magnetische Kernresonanzspektroskopie (NMR) in Experimenten anzuwenden, bei denen Materialproben unter sehr hohen Drücken – ähnlich denen im unteren Erdmantel – analysiert werden. Das in der Zeitschrift Science Advances vorgestellte Verfahren verspricht neue Erkenntnisse über Elementarteilchen, die sich unter hohen Drücken oft anders verhalten als unter Normalbedingungen. Es wird voraussichtlich technologische Innovationen fördern, aber auch neue Einblicke in das Erdinnere und die Erdgeschichte, insbesondere die Bedingungen für die Entstehung von Leben, ermöglichen.

Diamanten setzen Materie unter Hochdruck

Im Focus: Scientists channel graphene to understand filtration and ion transport into cells

Tiny pores at a cell's entryway act as miniature bouncers, letting in some electrically charged atoms--ions--but blocking others. Operating as exquisitely sensitive filters, these "ion channels" play a critical role in biological functions such as muscle contraction and the firing of brain cells.

To rapidly transport the right ions through the cell membrane, the tiny channels rely on a complex interplay between the ions and surrounding molecules,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Materialinnovationen 2018 – Werkstoff- und Materialforschungskonferenz des BMBF

13.12.2017 | Veranstaltungen

Innovativer Wasserbau im 21. Jahrhundert

13.12.2017 | Veranstaltungen

Innovative Strategien zur Bekämpfung von parasitären Würmern

08.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rest-Spannung trotz Megabeben

13.12.2017 | Geowissenschaften

Computermodell weist den Weg zu effektiven Kombinationstherapien bei Darmkrebs

13.12.2017 | Medizin Gesundheit

Winzige Weltenbummler: In Arktis und Antarktis leben die gleichen Bakterien

13.12.2017 | Geowissenschaften