Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Moralisten lachen zuletzt

10.05.2010
Überfischung, Steuerhinterziehung, Schwarzfahren: Die Tragödie der Gemeingüter spielt sich immer wieder ab. Ein Computermodell gewährt nun neue Einblicke in das Funktionieren unserer Gesellschaft.

Fährt jemand schwarz, verhält er sich unkooperativ und schadet damit Fahrgästen, die ein Billet kaufen. Weshalb, so mag sich der ehrliche ÖV-Benutzer fragen, solle er bezahlen, während andere auf seine Kosten fahren? Verbreitet sich solch ein unsoziales Verhalten, wird auch der ehrlichste Fahrgast in Versuchung kommen, es dem Trittbrettfahrer gleich zu tun.

Tragödie von grossem Ausmass

Das Individuum steckt in einem sozialen Dilemma: Kurzfristig profitiert es von einem egoistischen Verhalten, denn es kann die Leistungen des Gemeinwesens nutzen, ohne einen angemessenen Beitrag zu leisten. Ein System, das auf kooperatives Verhalten angelegt ist, wird dadurch allerdings leicht unterlaufen. Am Ende leidet die Qualität des ÖV-Angebots; die Kooperation bricht zusammen, weil die Versuchung gross ist, besser als andere dazustehen. Soziologen sprechen von der «Tragödie der Gemeingüter». Sie spielt sich auch bei der Überfischung der Weltmeere, der Steuerhinterziehung, dem Versicherungsbetrug oder dem Missbrauch von Sozialsystemen ab.

Um die Bedrohung der gesellschaftlichen Errungenschaften abzuwenden, bestrafen Ticketkontrolleure, Gerichte, Steuerbehörden oder die Polizei diejenigen, die sich nicht an die Regeln halten. Stattdessen können Individuen nichtkooperatives Verhalten aber auch selber sanktionieren. Die Frage ist deshalb, unter welchen Voraussetzungen sich kooperatives Verhalten in einer Gemeinschaft von selbst einstellt.

Gutmensch trifft auf Defekteur

Dirk Helbing, ETH-Professor für Soziologie und weitere Forscher haben nun auf Basis der Spieltheorie ein neues Modell geschaffen, mit dem sie die Überwindung der Tragödie der Gemeingüter simulieren können und das Verhalten der Menschen in sozialen Systemen erklären.

In diesem Modell lassen die Wissenschaftler vier Verhaltens-Typen aufeinandertreffen: neben kooperativen Individuen («Gutmenschen») gibt es Defekteure, die auf Kosten der ersteren leben und «Trittbrettfahrer erster Art» sind. Weiter spielen «Moralisten», die kooperativ sind und Defekteure bestrafen, im System mit. «Immoralisten» bestrafen Defekteure, obwohl sie sich selber asozial verhalten. In Helbings «Spiel» wird angenommen, dass die Strafe höher ist als deren Kosten. Darüber hinaus interagieren die Individuen räumlich und imitieren andere, die mehr Erfolg haben als sie selbst, übernehmen also deren Verhalten.

Trittbrettfahrer schaffen es

Treffen die Individuen auf zufällig ausgewählte Interaktionspartner, so gewinnen Trittbrettfahrer trotz der Bestrafungsoption wieder die Oberhand. Da die Bestrafung unkooperativen Verhaltens Kosten verursacht, können sich Moralisten nicht verbreiten. Vielmehr profitieren von ihnen kooperative Individuen, die sich die Sanktionierungsbemühungen ersparen. Solche «Trittbrettfahrer zweiter Art» bewirken schliesslich, dass die Sanktionierungsbemühungen im Lauf der Zeit erlahmen, und sich die Defekteure am Ende wieder durchsetzen.

Gruppenbildung als Erfolgsrezept

Zur grossen Überraschung der Wissenschaftler ergibt sich ein völlig anderes Ergebnis, wenn Individuen räumlich mit ihren Nachbarn interagieren. In den Computersimulationen zeigt sich, dass sich Gleichgesinnte in Gruppen zusammen finden, die sich von Individuen mit unterschiedlichem Verhalten abgrenzen. Moralisten müssen daher nicht mehr direkt mit kooperativen Individuen konkurrieren, die sich die Sanktionierungskosten sparen. Vielmehr schlagen sich beide mit den Defekteuren herum, und in diesem Wettkampf schneiden die Moralisten durch die Bestrafung asozialen Verhaltens besser ab, wenn die Sanktionierung nur stark genug ist.

Dennoch haben die Moralisten einen schwierigen Start; indem sie sich wie die Kooperativen zu Gruppen zusammen finden, halten Sie aber trotz der Übermacht der Defekteure durch. Da die Kooperativen von den Trittbrettfahrern ausgenutzt werden, machen diese jedoch Moralisten Platz, welche die Defekteure in Schach halten können. «Die Auseinandersetzung endet mit einer ‚Wer zuletzt lacht, lacht am besten-Situation‘ für die Moralisten», sagt Helbing.

Moral dank Schwarzen Schafen

Streut man zufällig ein paar Defekteure in das System ein, setzen sich die Moralisten sogar noch schneller durch. «Schwarze Schafe nützen dem Siegeszug der Moral», findet der Soziologieprofessor. Man habe nicht erwartet, dass dieser bekannte Effekt nebenbei aus dem Modell hervorgehe.

Entscheidend für diese Entdeckungen ist, dass die Individuen nicht mit zufällig ausgewählten Individuen interagieren, sondern nur mit einer bestimmten Zahl von Nachbarn, Kollegen, Freunden oder Familienmitgliedern. Mischen sich hingegen die vier Verhaltens-Typen zufällig, sprich ohne Gruppen zu bilden, endet das Spiel mit der Tragödie der Allgemeingüter.

Unter speziellen Bedingungen können Moralisten und Immoralisten auch eine «unheilige Allianz» bilden. Sind die Kosten für den Bestrafenden tief und die Strafe für unkooperatives Verhalten moderat, dann können sich beide Gruppen gemeinsam durchsetzen. Sowohl Defekteure als auch Kooperative verschwinden dann.

Vielseitige statt normierte Gesellschaft

Helbing betont, dass sein Modell dazu dient, bestimmte Prozesse in unserer Gesellschaft besser zu verstehen, nicht aber als Vorlage für die Gestaltung sozialer Systeme. «Eine zu normierte Gesellschaft funktioniert nicht gut, sie muss pluralistisch sein», ist er überzeugt, «wenn alle gleich handeln, kann sich das System nicht schnell genug an veränderte Rahmenbedingungen anpassen.»

Freiheit und Toleranz seien Voraussetzungen dafür, dass eine Gesellschaft flexibel und anpassungsfähig bleibe, meint Helbing. Es sei daher gut, Rahmenbedingungen zu schaffen, welche die Selbstorganisation der Gesellschaft fördern. In einem kreativen Klima entstehen neue Ideen für Wirtschaft und Kultur, welche den Erfolg eines Landes ausmachen. «Das wird manchmal vergessen, gerade in schwierigen Zeiten.» Da werde rasch der Ruf nach Ordnung und Normen laut, was aber nur zum Erstarren einer Gesellschaft beitrage. «Das ist eher kontraproduktiv und macht meistens alles nur noch schlimmer», betont der Soziologie-Professor.

Helbing D, Szolnoki A, Perc M, Szabó G, 2010 Evolutionary Establishment of Moral and Double Moral Standards through Spatial Interactions. PLoS Comput Biol 6(4): e1000758. doi:10.1371/journal.pcbi.1000758

Claudia Naegeli | idw
Weitere Informationen:
http://www.ethz.ch

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Mathematische Algorithmen berechnen soziales Verhalten
14.11.2016 | Technische Universität München

nachricht Schrumpfende Gesellschaften: Welcher Umgang mit den Folgen des demografischen Wandels?
18.10.2016 | Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit solaren Gebäudehüllen Architektur gestalten

Solarthermie ist in der breiten Öffentlichkeit derzeit durch dunkelblaue, rechteckige Kollektoren auf Hausdächern besetzt. Für ästhetisch hochwertige Architektur werden Technologien benötigt, die dem Architekten mehr Gestaltungsspielraum für Niedrigst- und Plusenergiegebäude geben. Im Projekt »ArKol« entwickeln Forscher des Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern aktuell zwei Fassadenkollektoren für solare Wärmeerzeugung, die ein hohes Maß an Designflexibilität erlauben: einen Streifenkollektor für opake sowie eine solarthermische Jalousie für transparente Fassadenanteile. Der aktuelle Stand der beiden Entwicklungen wird auf der BAU 2017 vorgestellt.

Im Projekt »ArKol – Entwicklung von architektonisch hoch integrierten Fassadekollektoren mit Heat Pipes« entwickelt das Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern...

Im Focus: Designing Architecture with Solar Building Envelopes

Among the general public, solar thermal energy is currently associated with dark blue, rectangular collectors on building roofs. Technologies are needed for aesthetically high quality architecture which offer the architect more room for manoeuvre when it comes to low- and plus-energy buildings. With the “ArKol” project, researchers at Fraunhofer ISE together with partners are currently developing two façade collectors for solar thermal energy generation, which permit a high degree of design flexibility: a strip collector for opaque façade sections and a solar thermal blind for transparent sections. The current state of the two developments will be presented at the BAU 2017 trade fair.

As part of the “ArKol – development of architecturally highly integrated façade collectors with heat pipes” project, Fraunhofer ISE together with its partners...

Im Focus: Mit Bindfaden und Schere - die Chromosomenverteilung in der Meiose

Was einmal fest verbunden war sollte nicht getrennt werden? Nicht so in der Meiose, der Zellteilung in der Gameten, Spermien und Eizellen entstehen. Am Anfang der Meiose hält der ringförmige Proteinkomplex Kohäsin die Chromosomenstränge, auf denen die Bauanleitung des Körpers gespeichert ist, zusammen wie ein Bindfaden. Damit am Ende jede Eizelle und jedes Spermium nur einen Chromosomensatz erhält, müssen die Bindfäden aufgeschnitten werden. Forscher vom Max-Planck-Institut für Biochemie zeigen in der Bäckerhefe wie ein auch im Menschen vorkommendes Kinase-Enzym das Aufschneiden der Kohäsinringe kontrolliert und mit dem Austritt aus der Meiose und der Gametenbildung koordiniert.

Warum sehen Kinder eigentlich ihren Eltern ähnlich? Die meisten Zellen unseres Körpers sind diploid, d.h. sie besitzen zwei Kopien von jedem Chromosom – eine...

Im Focus: Der Klang des Ozeans

Umfassende Langzeitstudie zur Geräuschkulisse im Südpolarmeer veröffentlicht

Fast drei Jahre lang haben AWI-Wissenschaftler mit Unterwasser-Mikrofonen in das Südpolarmeer hineingehorcht und einen „Chor“ aus Walen und Robben vernommen....

Im Focus: Wie man eine 80t schwere Betonschale aufbläst

An der TU Wien wurde eine Alternative zu teuren und aufwendigen Schalungen für Kuppelbauten entwickelt, die nun in einem Testbauwerk für die ÖBB-Infrastruktur umgesetzt wird.

Die Schalung für Kuppelbauten aus Beton ist normalerweise aufwändig und teuer. Eine mögliche kostengünstige und ressourcenschonende Alternative bietet die an...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Aquakulturen und Fangquoten – was hilft gegen Überfischung?

16.01.2017 | Veranstaltungen

14. BF21-Jahrestagung „Mobilität & Kfz-Versicherung im Fokus“

12.01.2017 | Veranstaltungen

Leipziger Biogas-Fachgespräch lädt zum "Branchengespräch Biogas2020+" nach Nossen

11.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weltweit erste Solarstraße in Frankreich eingeweiht

16.01.2017 | Energie und Elektrotechnik

Proteinforschung: Der Computer als Mikroskop

16.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Vermeintlich junger Stern entpuppt sich als galaktischer Greis

16.01.2017 | Physik Astronomie