Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Was fehlt bei Hartz IV? Zum Lebensstandard der Empfänger von Leistungen nach SGB II

16.09.2008
Wie viel braucht der Mensch zur Sicherung des Existenzminimums?

Diese Frage wird mit Blick auf den Arbeitslosengeld II bzw. Hartz IV-Regelsatz derzeit wieder kontrovers diskutiert. Wie sieht nun aber der Lebensstandard von Hartz-IV-Empfängern in der Praxis aus?

Mit der ersten Befragungswelle des 'Panel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung' (PASS) legt das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) erstmals Daten darüber vor, welche Einbußen Leistungsempfänger beim Lebensstandard hinnehmen müssen. Bernhard Christoph vom IAB hat die Studie ausgewertet und seine Ergebnisse in einem Artikel im Informationsdienst Soziale Indikatoren des Zentrums für Sozialindikatorenforschung von GESIS veröffentlicht. Seine Analysen zeigen, dass die elementare Grundversorgung zwar gesichert ist, darüber hinaus jedoch eine starke Benachteiligung der Hartz-IV-Empfänger im Vergleich zur übrigen Bevölkerung zu beobachten ist.

Wohnung höchste Priorität

Die jährliche Wiederholungsbefragung umfasst rund 19.000 Personen in 12.800 Haushalten und erlaubt detaillierte Analysen und Vergleiche, weil sie sowohl eine repräsentative Bevölkerungsstichprobe als auch eine reine Leistungsempfängerstichprobe enthält. Anhand einer Liste von 26 Gütern wurde erfragt, was den Menschen besonders wichtig ist und was sie sich tatsächlich leisten können. Besonders wichtig sind neben Nahrung und Kleidung der Zustand und die Ausstattung der Wohnung sowie die pünktliche Bezahlung von Miete und Nebenkosten. Von mittlerer Wichtigkeit sind Auto und Fernsehen sowie Geld für unerwartete Ausgaben und medizinische Zusatzleistungen. Als weniger wichtig bezeichnen die Befragten Urlaub, Restaurantbesuche und kulturelle Aktivitäten wie Kino, Konzert und Theater.

Elementare Versorgung bei eingeschränkter Lebensqualität

Die wichtigsten Bedürfnisse an Nahrung, Kleidung und Wohnung werden durch das Arbeitslosengeld II abgedeckt, so dass es hier nur geringe Versorgungsdefizite gibt. Allerdings fehlen den Leistungsempfängern selbst in diesem Bereich einige Güter deutlich häufiger als der übrigen Bevölkerung. So können sich z.B. sechs Prozent keine warme Mahlzeit und 17 Prozent keine ausreichende Winterkleidung leisten. Blickt man jedoch über diese elementaren Bereiche hinaus, ist das Versorgungsniveau bei Hartz-IV-Empfängern deutlich geringer als in der übrigen Bevölkerung. Besonders hoch sind die Einschränkungen im Bereich der sozialen und kulturellen Teilhabe. Fast die Hälfte (46%) der Leistungsempfänger kann es sich nicht leisten, einmal im Monat Freunde zum Essen einzuladen. Und der Besuch kultureller Veranstaltungen wie Kino, Konzert oder Theater ist mehr als der Hälfte (61%) von ihnen nicht möglich. Deutlich häufiger haben Leistungsempfänger auch keinen Computer mit Internetanschluss (41%) und kein Auto (47%) und können sich auch keine neue Kleidung kaufen (49%). Zudem ist der Großteil der Hartz-IV-Empfänger nicht in der Lage, ungeplante Ausgaben zu schultern (55%) oder einen monatlichen Betrag zu sparen (78%). Besonders häufig müssen Leistungsempfänger auch auf kostspielige Aktivitäten wie einen monatlichen Restaurantbesuch (76%) oder eine einwöchige Urlaubsreise (82%) verzichten, die allerdings auch nicht unbedingt in den Aufgabenbereich einer als Grundsicherung konzipierten Sozialleistung gehören. Insgesamt gesehen decken die Leistungen des Arbeitslosengeldes II also den Grundbedarf ab, jedoch ist der Lebensstandard der meisten Leistungsempfänger stark eingeschränkt.

Niedriggebildete und Alleinerziehende besonders benachteiligt

Die Versorgungsdefizite sind nicht bei allen Hartz-IV-Empfängern gleich groß. Während Arbeitslose mit höherem Bildungsniveau sich auch einen höheren Lebensstandard leisten können, sind Alleinerziehende hingegen oft besonders stark benachteiligt. Zwar wurde Hartz IV darauf ausgelegt, den Wiedereintritt der Leistungsempfänger in den Arbeitsmarkt zu beschleunigen, doch leiden gerade diejenigen Gruppen besonders unter den materiellen Einschränkungen, für die eine Arbeit besonders schwierig zu finden ist.

Kontakt:

Christoph, Bernhard (2008): Was fehlt bei Hartz IV? Zum Lebensstandard der Empfänger von Leistungen nach SGB II. In: Informationsdienst Soziale Indikatoren, Heft 40, S. 7-10.

Bernhard Christoph
Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung
Tel.: 0911/179-3507
bernhard.christoph@iab.de

Kerstin Hollerbach | idw
Weitere Informationen:
http://www.gesis.org/
http://www.gesis.org/Publikationen/Zeitschriften/ISI/pdf-files/isi-40.pdf

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Mathematische Algorithmen berechnen soziales Verhalten
14.11.2016 | Technische Universität München

nachricht Schrumpfende Gesellschaften: Welcher Umgang mit den Folgen des demografischen Wandels?
18.10.2016 | Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Im Focus: Traffic jam in empty space

New success for Konstanz physicists in studying the quantum vacuum

An important step towards a completely new experimental access to quantum physics has been made at University of Konstanz. The team of scientists headed by...

Im Focus: Textiler Hochwasserschutz erhöht Sicherheit

Wissenschaftler der TU Chemnitz präsentieren im Februar und März 2017 ein neues temporäres System zum Schutz gegen Hochwasser auf Baumessen in Chemnitz und Dresden

Auch die jüngsten Hochwasserereignisse zeigen, dass vielerorts das natürliche Rückhaltepotential von Uferbereichen schnell erschöpft ist und angrenzende...

Im Focus: Wie Darmbakterien krank machen

HZI-Forscher entschlüsseln Infektionsmechanismen von Yersinien und Immunantworten des Wirts

Yersinien verursachen schwere Darminfektionen. Um ihre Infektionsmechanismen besser zu verstehen, werden Studien mit dem Modellorganismus Yersinia...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Mittelstand 4.0 – Mehrwerte durch Digitalisierung: Hintergründe, Beispiele, Lösungen

20.01.2017 | Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

Künftige Rohstoffexperten aus aller Welt in Freiberg zur Winterschule

18.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

21.500 Euro für eine grüne Zukunft – Unserer Umwelt zuliebe

20.01.2017 | Unternehmensmeldung

innovations-report im Interview mit Rolf-Dieter Lafrenz, Gründer und Geschäftsführer der Hamburger Start ups Cargonexx

20.01.2017 | Unternehmensmeldung

Niederlande: Intelligente Lösungen für Bahn und Stahlindustrie werden gefördert

20.01.2017 | Förderungen Preise