Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Erste Ergebnisse der EUCROSS-Umfrage: Nationale Grenzen werden immer häufiger überwunden

30.08.2013
Sind grenzübergreifende Aktivitäten für zahlreiche EU-Bürgerinnen und -Bürger inzwischen alltäglich? Fördern diese Aktivitäten die Identifizierung mit Europa?

Erste Ergebnisse des Forschungsprojekts EUCROSS zeigen, dass im sozialen sowie im wirtschaftlichen Austausch zwischen den Bürgerinnen und Bürgern europäischer Staaten nationale Grenzen immer häufiger überwunden werden. Zwar lassen sich im Vergleich einzelner Ländern große Unterschiede feststellen, doch sind länderübergreife Aktivitäten insgesamt weit verbreitet. Die „Europäisierung der Europäer“ durch grenzübergreifende Aktivitäten ist stärker als vielfach wahrgenommen.

Die Einigung Europas vollzieht sich nicht nur durch die Brüsseler Politik, sondern auch durch die sozialen Beziehungen und alltäglichen Aktivitäten der Europäerinnen und Europäer. Trotz der Eurokrise und der wachsenden Resonanz europaskeptischer Töne ist der Kontinent zum Lebenshorizont eines beachtlichen Teils der in der EU lebenden Menschen geworden. Billigflüge, grenzüberschreitendes Onlineshopping, virtuelle Auslandsfreundschaften, cross-nationaler Pendelverkehr, Ruhestandsmigration, Auslandsinvestments – die Liste der länderübergreifenden Verhaltensweisen und EU-weiten Aktivitäten, die EU-Bürgerinnen und -Bürger als Teil ihres alltäglichen Lebens ansehen, ist lang.

Das EUCROSS-Forschungsprojekt, welches von der Europäischen Kommission im Zuge des siebten Forschungsrahmenprogramms gefördert wird (www.eucross.eu), hat eine telefonische Zufallsbefragung von 6.000 Bürgern in sechs EU-Mitgliedsstaaten (Dänemark, Deutschland, Italien, Rumänien, Spanien und Vereinigtes Königreich) durchgeführt, um den Umfang und die Tragweite dieser individuellen grenzübergreifenden Aktivitäten zu untersuchen.

Entgegen dem gängigen Bild der mutmaßlich immobilen Europäer hat EUCROSS herausgefunden, dass einer von sechs Befragten mindestens drei Monate seines Lebens in einem anderen Land der EU verbracht hat. Außerdem haben 51% der Befragten in den letzten zwei Jahren ein anderes EU-Land bereist (Kurzbesuche inbegriffen). Die tatsächliche Dimension der grenzüberschreitenden Aktivitäten europäischer Bürgerinnen und Bürger zeigt sich allerdings nicht allein in physischer Hinsicht: So gaben fast drei Viertel der Befragten an, dass sie über das Internet oder per Telefon Kontakt mit Freunden und Verwandten im Ausland halten. Außerdem überwinden die Europäer auch im Rahmen ihrer wirtschaftlichen Aktivitäten zunehmend nationale Grenzen. Das trifft auf beinahe ein Drittel der EUCROSS-Stichprobe zu und bezieht sich unter anderem auf Online-Einkäufe, aber auch auf Geldüberweisungen in andere Länder – ein Phänomen, das möglicherweise durch die Eurokrise verstärkt wurde und dazu dienen könnte, Familienmitglieder und Freunde finanziell zu unterstützen oder eigene Ersparnisse zu schützen.

Allerdings zeigen sich große Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern. So haben 73% der Dänen und 60% der Deutschen in den letzten zwei Jahren ein anderes EU-Land besucht – also beinahe doppelt so viele wie Spanier (42%), Italiener (42%) und Rumänen (35%). Längere Auslandsaufenthalte (d.h. für mehr als drei Monate) sind unter den Dänen und Rumänen üblicher als unter den Bürgerinnen und Bürgern aller anderen Länder. Im Hinblick auf virtuelle Grenzüberschreitungen ist die internationale Vernetzung der Italiener – via Telefon, E-Mail, Skype und sozialen Netzwerken (z.B. Facebook) – am geringsten ausgeprägt: In den letzten 12 Monaten vor der Befragung hatten 32% von ihnen mit niemandem außerhalb ihres Landes kommuniziert. Dies war – nicht zuletzt aufgrund der vergleichsweise hohen Zahl migrierter Freunde und Familienangehöriger – nur bei 17% der Rumänen, aber auch bei lediglich 20% der Briten der Fall. Ein Drittel der Dänen und fast zwei Fünftel der Deutschen kaufen in anderen Ländern der EU online ein. In Italien, dem Vereinigten Königreich, Spanien und Rumänien ist dies dagegen weniger verbreitet. Grenzüberschreitende Arbeitsbeziehungen zu Personen in anderen EU-Ländern sind in Dänemark häufiger anzutreffen als in sämtlichen anderen untersuchten Ländern (bei 51% der befragten Dänen – doppelt so oft wie in Italien).

Diese grenzenlosen Beziehungen werden besonders durch die Unionsbürgerschaft ermöglicht, welche die wichtigste Voraussetzung für länderübergreifende Aktivitäten innerhalb der EU ist. Die Frage ist allerdings, ob die Einbindung in Aktivitäten dieser Art auch die Quelle einer Solidarität ist, die eine gemeinsame Identität als „Europäer“ bestärkt.

Vorläufige Analysen lassen darauf schließen, dass spezifische grenzübergreifende Aktivitäten innerhalb Europas (insbesondere das Konsumverhalten, die Vorliebe für die Küche anderer EU-Länder und die Vertrautheit mit anderen EU-Mitgliedsstaaten) mit einer stärkeren Identifizierung mit der Europäischen Union einhergehen können.

Eine tiefergehende und detailliertere Analyse des Zusammenhangs zwischen den länderübergreifenden Erfahrungen und einer kollektiven Identität folgt in der nächsten Phase des Projekts. Diese Betrachtungen werden dann zudem durch die Analyse der Daten eines zusätzlichen Samples von je 1.250 rumänischen und türkischen Migranten sowie durch Ergebnisse zusätzlicher Tiefeninterviews mit ausgesuchten Teilnehmerinnen und Teilnehmern der EUCROSS-Umfrage erweitert.

Die frühen Ergebnisse zeigen jedoch bereits das Ausmaß, in dem europäische Gesellschaften aufbauend auf dem grenzüberschreitenden Effekt der EU-Integration „von unten“ integriert werden. Die alltäglichen Vorteile der EU-weiten Bewegungsfreiheit und der gesellschaftsübergreifenden Vernetzung beeinflussen eindeutig nicht nur die europäischen Eliten, sondern auch einen großen Teil der EU-Bürgerinnen und -Bürger. Die europäische Unionsbürgerschaft und die Binnenmarktpolitik ermöglichen den freien Waren-, Dienstleistungs- und Personenverkehr in einem größeren Maße als es üblicherweise dargestellt wird. Interessanterweise werden diese wirtschaftlichen Vorteile gerade von jenen Gesellschaften – etwa der dänischen und der britischen – geschätzt, die den politischen Zielen der europäischen Integration weniger enthusiastisch gegenüberstehen.

Die „Europäisierung der Europäer“ durch grenzübergreifende Aktivitäten ist stärker, als es sich die Europäer selbst eingestehen, wenn sie mit politisch konnotierten Fragen konfrontiert werden. Möglicherweise ist Europaskepsis eher ein Zeichen einer weitverbreiteten und grundsätzlich negativen Einstellung gegenüber der Politik als ein Symptom eines wiederkehrenden Nationalismus und einer generellen Ablehnung der europäischen Integration. Letztere ist vielmehr eine Grundvoraussetzung für eine ganze Reihe alltäglicher Gewohnheiten vieler Europäerinnen und Europäer.

Wer wir sind:
Das EUCROSS Forschungsprojekt (der vollständige Titel lautet: The Europeanisation of Everyday Life: Cross-Border Practices and Transnational Identifications Among EU and Third-Country Citizens) wird koordiniert durch Professor Ettore Recchi von der italienischen Universität Chieti-Pescara. Das Forschungskonsortium besteht zudem aus dem GESIS - Leibniz Institut für Sozialwissenschaften (Mannheim, Deutschland; Projektleiter: Professor Michael Braun), der Universität Aarhus (Dänemark; Projektleiter: Professor Adrian Favell), dem Institut für Internationale Studien Barcelona (IBEI) (Spanien; Projektleiter: Professor Juan Díez Medrano), der Universität York (Großbritannien; Projektleiter: Professor Mike Savage und Laurie Hanquinet) und der Universität Bukarest (Rumänien; Professor Dumitru Sandu).

Für weitere Informationen zum Projekt wenden Sie sich bitte an Steffen Pötzschke, wissenschaftlicher Mitarbeiter im EUCROSS Projekt, GESIS - Leibniz Institut für Sozialwissenschaften steffen.poetzschke@gesis.org)

Christian Kolle | idw
Weitere Informationen:
http://www.eucross.eu
http://www.gesis.org

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um
26.05.2017 | Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

nachricht Deutschland altert unterschiedlich
22.05.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Radioaktive Elemente in Cassiopeia A liefern Hinweise auf Neutrinos als Ursache der Supernova-Explosion

23.06.2017 | Physik Astronomie

Dünenökosysteme modellieren

23.06.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Makro-Mikrowelle macht Leichtbau für Luft- und Raumfahrt effizienter

23.06.2017 | Materialwissenschaften