Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Sind die traditionellen Gewerkschaften Auslaufmodelle?

08.08.2007
Ein Bremer Forschungsprojekt untersucht neue Formen sozialer Bewegung

Wer arbeitet, muss flexibel sein. Ständig werden den Arbeitnehmern bei der Arbeitsorganisation neue Anforderungen abverlangt. Wie gehen die Beschäftigten mit dieser Situation um? Setzen sie sich zur Wehr? Welche Möglichkeiten haben die vielen "ausgesourcten" neuen kleinen Selbstständigen, sich mit ihrer Lage auseinander zu setzen? Welche Rolle spielen dabei die Gewerkschaften? Gibt es neue Formen sozialen Widerstands?

Mit diesen Fragen setzen sich Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler der Universität Bremen unter der Leitung von Professor Holger Heide auseinander. Sie organisierten eine Debatte über Ausprägungen und Entwicklungsperspektiven neuer Formen sozialen Widerstands vor dem Hintergrund neuer, zunehmend flexibilisierter Arbeitsformen. Sozialwissenschaftler verschiedener Fachdisziplinen, Gewerkschafter und betroffene Beschäftigte meldeten sich zu Wort. Das Ergebnis: Die Gewerkschaften verlieren immer stärker an Einfluss. Parallel entstehen in den veränderten Arbeitszusammenhängen neue soziale Bewegungen - in ihrem Selbstverständnis meist keineswegs als Konkurrenz zu den Gewerkschaften - , in denen die Selbstorganisation an Bedeutung gewinnt und der Begriff Solidarität neue Inhalte bekommt.

Ausgangspunkt des Projektes war die Feststellung, dass sich im Zusammenhang mit der zunehmenden Flexibilisierung von Arbeitsverhältnissen zugleich neue Formen sozialen Widerstands herausbilden. Die "Krise des Fordismus" führt - so die Hypothese - auch zu einer Krise der etablierten gewerkschaftlichen und sozialen Organisationen, die sich in der so genannten "fordistischen" Phase der kapitalistischen Entwicklung herausgebildet haben. Inzwischen haben sie sich selbst zu Unternehmen für die Bestimmung und Verwaltung von Mitgliederinteressen entwickelt. Aber die alten Organisationen werden im Zuge der Flexibilisierung von Arbeitsverhältnissen in ihrer alten Rolle schleichend in zweierlei Weise "überflüssig": Zum einen entwerten neue Formen der Unternehmensorganisation und der Organisation des Arbeitsprozesses tendenziell die Gewerkschaften als Verhandlungspartner. Zum anderen werden sich die Arbeitnehmer der Entmündigung durch die bürokratischen Organisationen bewusst. Und gleichzeitig drängen ihnen die neuen Formen der Arbeitsorganisation die Möglichkeit auf, sich an ihren individuellen Bedürfnissen statt an zunehmend abstrakt erscheinenden "Gesamtinteressen" zu orientieren. Dies bedeutet jedoch nicht das Ende sozialer Organisation. Es entstehen vielmehr auch aus dem veränderten Arbeitszusammenhang soziale Bewegungen, die neue Qualitäten entfalten, in denen die Kategorie der Selbstorganisation zunehmend an Bedeutung gewinnt und der Begriff der Solidarität ganz neue Inhalte erhält.

Was heißt Selbstorganisation?

Der Begriff Selbstorganisation steht hier für den Versuch, ausgehend von den eigenen Bedürfnissen, die Verantwortung für das eigene soziale Handeln und den Widerstand gegen eine umfassende Vereinnahmung selbst zu tragen statt sie weiter zu delegieren. Beispielhaft ist hier das NCI-Netzwerk bei Siemens München (NCI = Network, Cooperation, Initiative), das aus einer Rundmail mit der Frage entstand: "Wie fühlt ihr euch angesichts der angekündigten Massenentlassungen?" Dieser vertiefte Kontakt mit den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen kann dann zum Ausgangspunkt für einen von seinen strukturalistischen Schranken befreiten Begriff der Solidarität werden.

Die Debatte ist angesiedelt im Forschungskontext des Instituts SEARI (Social Economic Action Research Institute - Institut für sozialökonomische Handlungsforschung). Das SEARI ist 1997 im Fachbereich Wirtschaftswissenschaft an der Uni Bremen eingerichtet worden und wird heute als gemeinnütziger Verein weitergeführt. Ziel der Forschungen ist die Dokumentation und interdisziplinäre Analyse der Extensivierung und Intensivierung ökonomischer Prozesse in der gegenwärtigen Arbeitsgesellschaft unter besonderer Berücksichtigung soziologischer und sozialpsychologischer Aspekte

Die wichtigsten Beiträge zu der aktuell geführten Debatte liegen jetzt als Band 3 der Monografien des Instituts über aktuelle Veränderungen der Arbeitsgesellschaft vor. Neben theoretischen Ansätzen zur Frage nach den Entstehungsursachen und Perspektiven der Transformation von Arbeit und sozialem Widerstand werden Beispiele aus Deutschland (so das NCI-Netzwerk bei Siemens, München), Frankreich (wie die Entwicklungen bei den Sud-Gewerkschaften) und Italien (die Problematik der neuen kleinen Selbstständigen) analysiert.

Sergio Bologna, Holger Heide u. a. : Selbstorganisation - Transformationsprozesse von Arbeit und sozialem Widerstand im neoliberalen Kapitalismus. Berlin 2007.

ISBN 978-00-021396-0.

Weitere Informationen:

Universität Bremen
Prof. Dr. Holger Heide
E-Mail; hheide@uni-bremen.de
Tel: ++46-563-514 22
Dipl. Pol. Lars Meyer
E-Mail: lmeyer@uni-bremen.de
Tel. ++49 - 0 - 421-5340955

Eberhard Scholz | idw
Weitere Informationen:
http://www.seari.uni-bremen.de

Weitere Berichte zu: Flexibilisierung SEARI Selbstorganisation

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Daseinsvorsorge in Stadt und Land sichern
08.11.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

nachricht 3, 2, 1, meins: Kaufentscheidungen im Labor erforscht
28.08.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vorstoß ins Innere der Atome

Mit Hilfe einer neuen Lasertechnologie haben es Physiker vom Labor für Attosekundenphysik der LMU und des MPQ geschafft, Attosekunden-Lichtblitze mit hoher Intensität und Photonenenergie zu produzieren. Damit konnten sie erstmals die Interaktion mehrere Photonen in einem Attosekundenpuls mit Elektronen aus einer inneren atomaren Schale beobachten konnten.

Wer die ultraschnelle Bewegung von Elektronen in inneren atomaren Schalen beobachten möchte, der benötigt ultrakurze und intensive Lichtblitze bei genügend...

Im Focus: Attoseconds break into atomic interior

A newly developed laser technology has enabled physicists in the Laboratory for Attosecond Physics (jointly run by LMU Munich and the Max Planck Institute of Quantum Optics) to generate attosecond bursts of high-energy photons of unprecedented intensity. This has made it possible to observe the interaction of multiple photons in a single such pulse with electrons in the inner orbital shell of an atom.

In order to observe the ultrafast electron motion in the inner shells of atoms with short light pulses, the pulses must not only be ultrashort, but very...

Im Focus: Good vibrations feel the force

Eine Gruppe von Forschern um Andrea Cavalleri am Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie (MPSD) in Hamburg hat eine Methode demonstriert, die es erlaubt die interatomaren Kräfte eines Festkörpers detailliert auszumessen. Ihr Artikel Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, nun online in Nature veröffentlich, erläutert, wie Terahertz-Laserpulse die Atome eines Festkörpers zu extrem hohen Auslenkungen treiben können.

Die zeitaufgelöste Messung der sehr unkonventionellen atomaren Bewegungen, die einer Anregung mit extrem starken Lichtpulsen folgen, ermöglichte es der...

Im Focus: Good vibrations feel the force

A group of researchers led by Andrea Cavalleri at the Max Planck Institute for Structure and Dynamics of Matter (MPSD) in Hamburg has demonstrated a new method enabling precise measurements of the interatomic forces that hold crystalline solids together. The paper Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, published online in Nature, explains how a terahertz-frequency laser pulse can drive very large deformations of the crystal.

By measuring the highly unusual atomic trajectories under extreme electromagnetic transients, the MPSD group could reconstruct how rigid the atomic bonds are...

Im Focus: Verlässliche Quantencomputer entwickeln

Internationalem Forschungsteam gelingt wichtiger Schritt auf dem Weg zur Lösung von Zertifizierungsproblemen

Quantencomputer sollen künftig algorithmische Probleme lösen, die selbst die größten klassischen Superrechner überfordern. Doch wie lässt sich prüfen, dass der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Von festen Körpern und Philosophen

23.02.2018 | Veranstaltungen

Spannungsfeld Elektromobilität

23.02.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vorstoß ins Innere der Atome

23.02.2018 | Physik Astronomie

Wirt oder Gast? Proteomik gibt neue Aufschlüsse über Reaktion von Rifforganismen auf Umweltstress

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Wie Zellen unterschiedlich auf Stress reagieren

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics