Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

In Ostdeutschland bemühen sich bald zwei Männer um eine Frau

04.12.2001


Es werden viele Jahrzehnte vergehen, bis sich die schlechten Geburtenzahlen von heute wieder "ausgewachsen" haben. Grafik: TU Chemnitz, Karla Bauer


Chemnitzer Soziologieprofessor warnt vor privaten Folgen des Bevölkerungsrückgangs


Theoretisch müsste hierzulande jede Frau zwei Kinder zur Welt bringen, damit sich die Zahl der Deutschen nicht weiter verringert - praktisch aber tut sie es nicht. Während die Westfrau im Durchschnitt nur 1,4 Kinder gebiert, erblickt im Osten sogar nur ein Kind pro Frau das Licht der Welt. Auf den Punkt gebracht heißt das: Die junge Generation schmilzt dramatisch zusammen - in den alten Ländern um ein Drittel und in den neuen sogar um die Hälfte.

Die Konsequenzen dieses Bevölkerungsrückgangs reichen weiter, als die heutige öffentliche Diskussion vermuten lässt. Nicht nur, dass Kindergärten, Schulen und vielleicht in einigen Jahren auch Unis geschlossen werden müssen, auch im ganz privaten Bereich droht die Schieflage. "Was da auf uns zukommt, ist wie ein Hurrikan, der auf die Küste zurast", so der Chemnitzer Soziologieprofessor Bernhard Nauck, der als einziger ostdeutscher Professor dem Vorstand der neu gegründeten "Deutschen Gesellschaft für Demographie" angehört. Seine Prognose dürfte besonders die Männerwelt in den neuen Ländern aufhorchen lassen: "In sechs bis sieben Jahren werden sich im Osten zwei Männer um eine Frau bemühen müssen, das ist sicher."


Und das kommt so: Nach gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen vergrößert sich der Männerüberschuss einer Gesellschaft, je mehr die Bevölkerung schrumpft. Dies ergibt sich zum einen aus der Tatsache, dass Männer in aller Regel nach jüngeren Partnerinnen suchen und so die Auswahl an sich schon kleiner ausfällt als umgekehrt. Zum anderen werden seit Beginn des 20. Jahrhunderts tatsächlich mehr Jungen als Mädchen geboren - auf 105 kleine Adams kommen statistisch nur 95 Evas. In Ostdeutschland wird sich dieser Frauenmangel allerdings noch weiter verschärfen, weil im Durchschnitt doppelt so viele junge Frauen in den Westen abwandern als Männer.

Besonders für den ostdeutschen Mann mit eher unterdurchschnittlicher Ausbildung sieht die Zukunft auf dem Heiratsmarkt also zunehmend trübe aus, befürchtet der Experte für Bevölkerungsentwicklung von der TU Chemnitz. Denn wenn Frau die Wahl hat, wird sie sich aus dem Überangebot wohl die finanziell lukrativeren Partien aussuchen. Was daraus folgt, bleibt bislang nur düstere Spekulation: Droht damit mehr Gruppenkriminalität und Gewaltbereitschaft gegenüber Minderheiten? Es bleibt abzuwarten.

Was die Situation hierzulande ohnehin dramatisch macht: In Deutschland leben so viele kinderlose Frauen wie in keinem anderen Land der Welt. Rund 30 Prozent der Mitdreißigerinnen haben noch keinen eigenen Nachwuchs. Die gesellschaftlichen Auswirkungen ergeben sich nahezu von selbst: Deutschland überaltert, die klassischen Sicherungssysteme funktionieren nicht mehr, weil immer weniger Junge immer mehr Altersrenten finanzieren müssen. Die private Vorsorge für den Lebensabend wird die staatliche Vollversorgung ablösen. Was also ist zu tun, damit das Schlimmste vielleicht doch noch abgewendet werden kann?

Mehr Migration und eine stärkere staatliche Familienförderung heißen mögliche Rezepte, um Deutschland vor einem weiteren Zusammenschrumpfen zu bewahren. Nach Ansicht von Prof. Dr. Bernhard Nauck führt allein die verstärkte Förderung von Zuwanderung schon heute zu positiven Ergebnissen - zugleich aber gestaltet sie sich doppelt schwierig: Zum einen sei Deutschland als überwiegend monokulturell organisiertes Land nicht auf Migrantenströme vorbereitet - anders als die Niederlande oder Frankreich etwa. Zum anderen leide ganz Europa unter dem Problem des Bevölkerungsknicks - allen voran Spanien und Italien, aber auch in Osteuropa sind die Geburten in der letzten Dekade dramatisch zurückgegangen - sodass Menschen aus entfernteren Ländern nach Europa gelockt werden müssten.

Zudem sei es notwendig, junge Paare wieder zu motivieren, mehr Kinder in die Welt zu setzen, fordert der Chemnitzer Professor für Allgemeine Soziologie. Auch hierbei böten sich zwei Wege an. Als den schlechteren erachtet Prof. Nauck die Idee der "Berufsmutter", für die sich Kinderkriegen finanziell wieder lohnen soll. Weil das nur wenigen Frauen helfen würde und sich aller Voraussicht die eher unterdurchschnittlich Gebildeten in eine solche Mutterrolle fügen würden, sei dies nicht die Lösung. Dagegen käme ein Ausbau der Infrastruktur zur Kinderbetreuung allen Frauen entgegen. "Nur ein flächendeckendes und überaus flexibles und verlässliches System von Kindergärten im großen Stil lässt auch berufstätige Frauen an Nachwuchs denken."

Dieses sozial gesteuerte System wäre allerdings sehr teuer und der Effekt ein langfristiger. "Die Geburtenrate lässt sich natürlich nicht so einfach von heute auf morgen erhöhen. Das ist wie staatliches Forsten, das braucht seine Zeit", so der Chemnitzer Soziologe. Sechzig Jahre mindestens.

(Autor: Alexander Friebel, Wissenschaftsredakteur der TU Chemnitz)

Weitere Informationen gibt Prof. Dr. Bernhard Nauck, Professur Allgemeine Soziologie I der TU Chemnitz, unter Telefon (03 71) 531 24 02 oder E-Mail: bernhard.nauck@phil.tu-chemnitz.de

Dipl.-Ing. Mario Steinebach | idw
Weitere Informationen:
http://www.tu-chemnitz.de/phil/soziologie/nauck/index.htm

Weitere Berichte zu: Bevölkerungsrückgang Soziologie Soziologieprofessor

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um
26.05.2017 | Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

nachricht Deutschland altert unterschiedlich
22.05.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vorbild Delfinhaut: Elastisches Material vermindert Reibungswiderstand bei Schiffen

Für eine elegante und ökonomische Fortbewegung im Wasser geben Delfine den Wissenschaftlern ein exzellentes Vorbild. Die flinken Säuger erzielen erstaunliche Schwimmleistungen, deren Ursachen einerseits in der Körperform und andererseits in den elastischen Eigenschaften ihrer Haut zu finden sind. Letzteres Phänomen ist bereits seit Mitte des vorigen Jahrhunderts bekannt, konnte aber bislang nicht erfolgreich auf technische Anwendungen übertragen werden. Experten des Fraunhofer IFAM und der HSVA GmbH haben nun gemeinsam mit zwei weiteren Forschungspartnern eine Oberflächenbeschichtung entwickelt, die ähnlich wie die Delfinhaut den Strömungswiderstand im Wasser messbar verringert.

Delfine haben eine glatte Haut mit einer darunter liegenden dicken, nachgiebigen Speckschicht. Diese speziellen Hauteigenschaften führen zu einer signifikanten...

Im Focus: Kaltes Wasser: Und es bewegt sich doch!

Bei minus 150 Grad Celsius flüssiges Wasser beobachten, das beherrschen Chemiker der Universität Innsbruck. Nun haben sie gemeinsam mit Forschern in Schweden und Deutschland experimentell nachgewiesen, dass zwei unterschiedliche Formen von Wasser existieren, die sich in Struktur und Dichte stark unterscheiden.

Die Wissenschaft sucht seit langem nach dem Grund, warum ausgerechnet Wasser das Molekül des Lebens ist. Mit ausgefeilten Techniken gelingt es Forschern am...

Im Focus: Hyperspektrale Bildgebung zur 100%-Inspektion von Oberflächen und Schichten

„Mehr sehen, als das Auge erlaubt“, das ist ein Anspruch, dem die Hyperspektrale Bildgebung (HSI) gerecht wird. Die neue Kameratechnologie ermöglicht, Licht nicht nur ortsaufgelöst, sondern simultan auch spektral aufgelöst aufzuzeichnen. Das bedeutet, dass zur Informationsgewinnung nicht nur herkömmlich drei spektrale Bänder (RGB), sondern bis zu eintausend genutzt werden.

Das Fraunhofer IWS Dresden entwickelt eine integrierte HSI-Lösung, die das Potenzial der HSI-Technologie in zuverlässige Hard- und Software überführt und für...

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationale Fachkonferenz IEEE ICDCM - Lokale Gleichstromnetze bereichern die Energieversorgung

27.06.2017 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zu aktuellen Fragen der Stammzellforschung

27.06.2017 | Veranstaltungen

Fraunhofer FKIE ist Gastgeber für internationale Experten Digitaler Mensch-Modelle

27.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Mainzer Physiker gewinnen neue Erkenntnisse über Nanosysteme mit kugelförmigen Einschränkungen

27.06.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wave Trophy 2017: Doppelsieg für die beiden Teams von Phoenix Contact

27.06.2017 | Unternehmensmeldung

Warnsystem KATWARN startet international vernetzten Betrieb

27.06.2017 | Informationstechnologie