Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Borderline-Störung besser therapieren

24.03.2004


Vernachlässigung und Gewalterfahrung in der Kindheit gehören zu den wichtigsten Ursachen der Borderline-Persönlichkeitsstörung, die sich u. a. durch eine instabile Gefühlswelt und selbstschädigendes Verhalten auszeichnet. Das ergab eine Studie, die Dr. Dr. Andreas Remmel über zwei Jahre hinweg an der RUB durchführte. Aufbauend auf seinen Ergebnissen entwickelte er eine verbesserte Behandlungsstrategie. Für sein Projekt wurde er mit einem der Pfizer-Forschungspreise der RUB ausgezeichnet.


Viele Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörungen (BPS) haben während oder seit ihrer Kindheit Ablehnung, Vernachlässigung oder Gewalt durch wichtige Bezugspersonen erlebt und eine Störung ihrer Emotionsverarbeitung entwickelt. Das ergab eine Studie, die Dr. Dr. Dipl.-Psych. Andreas Remmel über zwei Jahre hinweg am Westfälischen Zentrum für Psychiatrie und Psychotherapie (WZfPP), Klinikum der Ruhr-Universität Bochum, durchführte. Ausgehend von diesem Ergebnis entwickelte er spezielle Behandlungsstrategien, mit denen es gelang, die Symptome des Borderline-Syndroms und auch von Essstörungen zu lindern. Für seine Ergebnisse wurde Dr. Dr. Remmel mit einem der Pfizer-Forschungspreise der RUB ausgezeichnet.

Instabile Gefühlswelt, Selbstschädigung


Patienten mit Borderline-Störung pflegen häufig exzessive, aber sehr instabile Beziehungen und zeigen selbstschädigendes Verhalten, z.B. bei Geldausgaben, riskanten sportlichen Aktivitäten, Sexualität. Häufig sind Alkohol- und Drogenmissbrauch, rücksichtsloses Fahren, "Fressanfälle", wiederholte Selbstmordversuche und massive Selbstverletzungen, z. B. durch Schneiden oder Kopf-gegen-die-Wand-Schlagen. "Die Krankheit zeichnet sich durch ein tiefgreifendes Muster von Instabilität in zwischenmenschlichen Beziehungen, im Selbstbild des Patienten, in seinem Umgang mit Gefühlen und durch eine hohe Impulsivität aus", so Dr. Dr. Remmel. Die Patienten erleben ein chronisches Gefühl von Leere und unangemessene, heftige Wut. Vorübergehend kann es auch zu Wahnvorstellungen und Bewusstseinsstörungen kommen. Viele Borderline-Patienten leiden unter ausgeprägten Essstörungen und Körperbildveränderungen, zumeist einer Bulimie (Ess-/Brechsucht). 75 Prozent der Betroffenen sind in Behandlung. Die stationäre Behandlung dieser Patientengruppe in allen klinischen Fachdisziplinen kostet in der Bundesrepublik pro Jahr ca. drei Mrd. Euro und macht damit 15 Prozent des Gesamtbudgets für die psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung in Deutschland aus.

Ziel: Risikofaktoren erkennen

Um die Störungen besser behandeln zu können, gingen Dr. Dr. Remmel und seine Mitarbeiter an der Psychiatrischen Klinik der RUB einigen der Ursachen auf den Grund. Sie entwickelten zusammen mit dem Psychologischen Institut der RUB, dem Deutschen Kollegium für Psychosomatische Medizin, der Uniklinik Jena und der Borderline-Gruppe der Psychiatrischen Uniklinik Freiburg spezielle Interviewverfahren und führten binnen zweier Jahre mit insgesamt 215 psychiatrischen Patienten (75 mit Borderline-Syndrom) Intensiv-Interviews durch, die sie auf Video aufzeichneten. Außerdem füllten die Patienten zahlreiche z. T. eigens entwickelte Fragebögen aus. Alle Interviews und Fragebögen wurden durch speziell geschulte Doktoranden und Diplomanden ausgewertet. Dazu gehörte z. B. der Vergleich zwischen der verbalen Antwort auf eine Frage und der Körpersprache. So ergründeten die Forscher psychosoziale Belastungs- und Risikofaktoren, insbesondere frühe Bindungs- und Beziehungserfahrungen und ihre Bedeutung für gegenwärtige Beziehungsgestaltungen und den Behandlungserfolg. Außerdem untersuchten sie, wie Patienten mit massiven Selbstverletzungstendenzen und Essstörungen ihren eigenen Körper wahrnehmen, kognitiv repräsentieren und emotional erleben.

Bindungserfahrung in der Kindheit ist maßgeblich

Die Ergebnisse: Patienten mit einer Borderline-Störung berichten über unsichere Bindungserfahrungen in ihrer Kindheit. Nahe Bezugspersonen, meist Mütter oder Väter, wurden fast durchgängig als sehr ambivalent geschildert; Patienten erlebten wenig Aufmerksamkeit und Feinfühligkeit, ihre Bedürfnisse und Gefühle wurden wenig beachtet und sehr unterschiedlich beantwortet. "Die Patienten konnten sich nicht auf ihre Bezugspersonen und deren Reaktionen verlassen", bringt es Dr. Dr. Remmel auf den Punkt. Die Patienten entwickelten häufig ein ausgeprägtes "Schwarz-Weiss-Denken" und eine wenig differenzierte Sicht anderer Menschen und Sachverhalte. Eine Teilgruppe zeigte auch festgelegte Negativmuster in der Wahrnehmung und Bewertung anderer Menschen.

Typisch: Negative Körperwahrnehmung

Gegen ihren eigenen Körper entwickelten viele Patienten schon früh einen ausgeprägten Selbsthass, vielfach als Umkehr erlebter Kränkungen oder Vernachlässigungen. Der eigene Körper wird zum gehassten Objekt. Selbstverletzungen erfüllen eine dreifache Funktion: Sie lösen Spannungszustände oder richten sich gegen den gehassten Körper, bei manchen Patienten sorgen sie aber auch für einen euphorischen "Kick", der die Gefühlsleere ausgleicht. Auch in dieser Gruppe hatte ein großer Teil der Patienten Erfahrungen körperlichen und/oder sexuellen Missbrauchs oder von Misshandlung/Vernachlässigung in der Kindheit oder Jugend machen müssen.

Magersüchtige unterdrücken Bedürfnisse

Patientinnen mit Magersucht scheinen andere Bindungserfahrungen gemacht zu haben. Im Gegensatz zu Patienten mit Ess-/Brechsucht und Borderline-Störung hatten ihre Bezugspersonen jedoch nicht unstet, sondern meist gar nicht auf ihre Bedürfnisse reagiert. Daher hatten sie Strategien entwickelt, eigene Wünsche, Bedürfnisse und Gefühle eher zu unterdrücken und zeigten fast alle eine hohe Leistungsorientierung, mit z. T. zwanghaftem Denken und perfektionistischen Zügen.

Erfolgreiches neues Therapiekonzept

Aufgrund dieser Erkenntnisse entwickelten Dr. Dr. Remmel und sein Team bewährte Therapieverfahren weiter. Im Rahmen der sog. dialektisch-behavioralen Therapie (DBT) lernen Patienten, ihre Gefühle besser wahrzunehmen, zu differenzieren und Spannungen auf andere Art und Weise abzubauen, mit anderen klarer zu kommunizieren und Stress besser zu tolerieren. So erarbeiten sie z. B. konkrete Alternativen für selbstschädigendes Verhalten. "Alle im WZfPP diagnostizierten und behandelten Patienten zeigten zu Therapiebeginn eine sehr hohe Symptombelastung", erläutert Dr. Dr. Remmel. "Nach etwa drei Monaten stationärer Therapie waren die Häufigkeit von Selbstverletzungen und zwischenmenschlichen Problemen deutlich verringert. Dabei scheint der Beachtung der verschiedenen spezifischen Bindungsrepräsentationen der Patienten eine wichtige Rolle für den Therapieerfolg zuzukommen." Nach der stationären Therapie sollten die Patienten ambulant weiter behandelt werden. Zurzeit arbeiten Dr. Dr. Remmel und seine Mitarbeiter an einer Ergänzung der Behandlungsstrategien für Essstörungen und posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS), die nach lebensbedrohlichen Situationen im Erwachsenenalter auftreten können.

Pfizer-Preise für herausragende medizinische Forschung

Mit den Pfizer-Preisen ehrt FoRUM (Forschungsförderung RUB Medizinische Fakultät) jedes Jahr herausragende Projekte, die aus den Mitteln der Medizinischen Fakultät gefördert wurden. Weitere Pfizer-Forschungspreise gingen an Dr. Lars Steinsträsser, der die Wirkung antimikrobieller Peptide auf die Wundheilung erforscht, an Dr. Holger Sudhoff für seine Erforschung des Abbaus der Gehörknöchelchen beim Cholesteatom und an Dr. Stephan Weihe, der eine Hochdruckbegasungsanlage zur Beschichtung von Schädelimplantaten entwickelte.

Weitere Informationen

Dr. Dr. Dipl. Psych. Andreas Remmel, Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI), Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Fakultät für Klinische Medizin, Universität Heidelberg, J5; 68159 Mannheim, Tel. 0621/1703-470 od.-402, Fax: -424, E-Mail: remmel@zi-mannheim.de

Dr. Josef König | idw
Weitere Informationen:
http://www.zi-mannheim.de
http://www.uni-mannheim.de

Weitere Berichte zu: Borderline-Störung Essstörung RUB

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Mathematische Algorithmen berechnen soziales Verhalten
14.11.2016 | Technische Universität München

nachricht Schrumpfende Gesellschaften: Welcher Umgang mit den Folgen des demografischen Wandels?
18.10.2016 | Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Im Focus: Auf der Spur des linearen Ubiquitins

Eine neue Methode ermöglicht es, den Geheimcode linearer Ubiquitin-Ketten zu entschlüsseln. Forscher der Goethe-Universität berichten darüber in der aktuellen Ausgabe von "nature methods", zusammen mit Partnern der Universität Tübingen, der Queen Mary University und des Francis Crick Institute in London.

Ubiquitin ist ein kleines Molekül, das im Körper an andere Proteine angehängt wird und so deren Funktion kontrollieren und verändern kann. Die Anheftung...

Im Focus: Tracing down linear ubiquitination

Researchers at the Goethe University Frankfurt, together with partners from the University of Tübingen in Germany and Queen Mary University as well as Francis Crick Institute from London (UK) have developed a novel technology to decipher the secret ubiquitin code.

Ubiquitin is a small protein that can be linked to other cellular proteins, thereby controlling and modulating their functions. The attachment occurs in many...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

Über Raum, Zeit und Materie

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Besser lernen dank Zink?

23.03.2017 | Biowissenschaften Chemie

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Innenraum-Ortung für dynamische Umgebungen

23.03.2017 | Architektur Bauwesen