Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Auf den Spuren der letzten Neandertaler

22.05.2013
Rund 250.000 Jahre lang beherrschte der Neandertaler Europa, doch vor rund 40.000 Jahren verliert sich derzeit seine Spur.

Manche Experten machen besonders kühle Abschnitte innerhalb der letzten Eiszeit für sein Verschwinden verantwortlich, andere vermuten, dass der nach Europa einwandernde Homo sapiens seinen Verwandten verdrängt hat.


An der Fundstelle am Ak-Kaya-Massiv werden die Wissenschaftler der FAU graben. FAU

Funde auf der Halbinsel Krim am Schwarzen Meer widersprechen diesen Thesen, denn dort lebten Neandertaler und moderner Mensch lange Zeit nebeneinander – darauf weisen zahlreiche Indizien hin. Ein Team der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) folgt jetzt den Spuren der Vormenschen am Schwarzen Meer.

Ihr Ziel ist es, Lücken im Wissen über die letzten Neandertaler durch Feldforschungen zu schließen.

„Von der Krim stammen außerordentlich spät datierte Fundstellen des Neandertalers“, erläutert Prof. Dr. Thorsten Uthmeier vom Lehrstuhl für Ur- und Frühgeschichte der FAU, der die Untersuchungen leitet. Gleich an mehreren Plätzen haben Wissenschaftler typische Werkzeuge, Reste von Jagdbeute und Feuerstellen ausgegraben, die sich durch Bestattungen mit identischen Funden unmittelbar mit dem Neandertaler verknüpfen lassen. Bisherige Altersbestimmungen mit der Radiokarbonmethode haben ergeben, dass diese Überreste etwa 10.000 Jahre jünger sind als alle anderen bekannten Funde des Vormenschen in seinem gesamten Verbreitungsgebiet – das erstreckte sich von der Iberischen Halbinsel bis nach Sibirien.
Außerdem haben Forscher Werkzeuge des Neandertalers und des modernen Menschen in denselben Schichten gefunden. Dies deutet darauf hin, dass sich beide Menschenformen innerhalb von sehr kurzen Zeiträumen nacheinander oder sogar gleichzeitig auf der Krim aufgehalten haben. Hatte man bisher angenommen, Neandertaler und moderne Menschen hätten sich nur einmal vor zirka 60.000 Jahren im Vorderen Orient vermischt, so könnte dies auch wesentlich später auf der Krim passiert sein – ein europaweit einzigartiges Szenario. „Doch bisher wurde der Krimregion wenig Beachtung geschenkt, wenn es um die Frage ging, wohin sich die Neandertaler möglicherweise zurückgezogen haben, als der moderne Mensch nach Europa kam. Hier möchten wir ansetzen“, erklärt Uthmeier.

Wann trafen sich Neandertaler und Homo Sapiens?
In diesem Sommer beginnen die Forscher des Instituts für Ur- und Frühgeschichte an der FAU in enger Zusammenarbeit mit dem Archäologischen Institut der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften an mehreren Fundstellen mit insgesamt auf drei Jahre angelegten Geländearbeiten. Dabei sollen Ausgrabungen an einem Jagdlager und einem Felsdach – Orte, die von Neandertalern genutzt wurden – und an einer Fundstelle des frühen modernen Menschen neue Erkenntnisse zum Verschwinden der Vormenschen liefern. Unterstützt wird das Team der FAU durch Geowissenschaftler der Universitäten Bayreuth, Greifswald und Zürich. Die Forscher wollen die bereits ergrabenen Fundstellen von Neandertaler und Homo sapiens erneut untersuchen. Ihr Ziel ist es, die Zeiträume einzugrenzen, in denen sich Neandertaler und moderner Mensch begegnet sein könnten. Der technische Fortschritt spielt ihnen dabei in die Hände: Heute lassen sich zum Beispiel Knochen mit der Radiokarbonmethode viel präziser datieren als noch vor wenigen Jahren. Außerdem wollen die Wissenschaftler Holzkohleproben untersuchen und deren Alter bestimmen.

Einmalige Erkenntnisse über den Neandertaler erhoffen sich die Forscher von einem besonderen Umstand: Auf der Krim lebten Homo sapiens und Vormensch zur gleichen Zeit in einem geographisch eng begrenzten Gebiet – und waren damit denselben Umweltbedingungen ausgesetzt. Wie gingen die beiden Verwandten damit um? Mit Hilfe von Steinwerkzeugen und der Jagdbeuteresten sollen die Wirtschafts- und Lebensweisen beider Menschenformen rekonstruiert werden. Aufgrund der Rahmenbedingungen erwarten die Projektteilnehmer eine Beantwortung der Frage, ob Neandertaler aufgrund einer grundsätzlich anderen, möglicherweise weniger effektiven oder nachhaltigen Nutzung ihrer Umwelt einen Wettbewerbsnachteil hatten, der zu ihrem Aussterben beigetragen hat, oder ob andere – etwa physische oder soziale – Gründe eine Rolle gespielt haben. Insgesamt hofft das Team der FAU zusammen seinen deutschen und ukrainischen Kooperationspartnern, nach Ablauf des Projektes neue Erkenntnisse zum Überleben und Aussterben der letzten Neandertaler sowie zur Ausbreitung des modernen Menschen in das westliche Eurasien beitragen zu können.
Informationen für die Medien:
Prof. Dr. Thorsten Uthmeier
Tel.: 09131/85-22346
thorsten.uthmeier@ufg.phil.uni-erlangen.de

Blandina Mangelkramer | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-erlangen.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Expedition ans Ende der Welt
29.11.2016 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Lakkolithe können auch während eines Vulkanausbruchs entstehen
24.11.2016 | Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Im Focus: Neuer Sensor: Was im Inneren von Schneelawinen vor sich geht

Ein neuer Radarsensor erlaubt Einblicke in die inneren Vorgänge von Schneelawinen. Entwickelt haben ihn Ingenieure der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Christoph Baer und Timo Jaeschke gemeinsam mit Kollegen aus Innsbruck und Davos. Das Messsystem ist bereits an einem Testhang im Wallis installiert, wo das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Winter 2016/17 Messungen damit durchführen möchte.

Die erhobenen Daten sollen in Simulationen einfließen, die das komplexe Geschehen im Inneren von Lawinen detailliert nachbilden. „Was genau passiert, wenn sich...

Im Focus: Neuer Rekord an BESSY II: 10 Millionen Ionen erstmals bis auf 7,4 Kelvin gekühlt

Magnetische Grundzustände von Nickel2-Ionen spektroskopisch ermittelt

Ein internationales Team aus Deutschland, Schweden und Japan hat einen neuen Temperaturrekord für sogenannte Quadrupol-Ionenfallen erreicht, in denen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

Die Perspektiven der Genom-Editierung in der Landwirtschaft

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Parkinson-Krankheit und Dystonien: DFG-Forschergruppe eingerichtet

02.12.2016 | Förderungen Preise

Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave

02.12.2016 | Studien Analysen

Nach der Befruchtung übernimmt die Eizelle die Führungsrolle

02.12.2016 | Biowissenschaften Chemie