Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Erdbeben vorhersehbar, aber nicht vorhersagbar

08.04.2009
Messungen geben Grundlage für Nachbeben-Vorsorge

Wenngleich die Erdbeben-Gefährdung einer Region beziffert werden kann, ist eine tatsächliche Vorhersage von Erdbeben nicht möglich. Das betont der Geophysiker Birger-Gottfried Lühr vom GeoForschungsZentrum GFZ in Potsdam im pressetext-Interview, anlässlich des Erdbebens in der mittelitalienischen Region Abruzzen am Montag.

Dieses Naturereignis, bei dem offizellen Angaben zufolge über 220 Menschen getötet, 1.500 verletzt und rund 17.000 obdachlos wurden, geht auf das Vorrücken der afrikanischen Platte zurück. Deren apulischer Sporn schiebt sich fortwährend zwischen Italien und Griechenland, wölbt dabei die Alpen auf und sorgt in den adriatischen Ländern für Erdbeben. Das Beben am Montag besaß eine Stärke von 6,3 auf der Richterskala und besaß sein Zentrum in der Stadt L'Aquila. "Beginnend in etwa zehn Kilometern Tiefe ist ein Segment von ebenfalls zehn Kilometer Länge gebrochen. Das löste das Beben aus", erklärt Lühr.

Eine Vorhersage des Zeitpunkts des ersten Hauptbebens gibt es nicht, so Lühr. "Man kann nur die allgemeine Erdbebengefahr einer Störzone vorhersehen, durch die Messung ihrer maximalen Bodenbeschleunigung." Alle Präventions- und Vorbereitungsmaßnahmen seien damit langfristig anzusetzen. Dabei gehe es um Fragestellungen wie die erdbebensicherer Konstruktionen, die ihren Niederschlag in Richtlinien oder in Baubewilligungen finden sollten. "Lebt man in einer Gefahrenzone, muss man sein gesamtes Leben in gewisser Weise auf die Gefährdung einrichten und gewisse Tätigkeiten oder Bauweisen besser unterlassen. Das ist in einer Erdbebenzone nicht anders als in einer Flussregion, die in Vergangenheit schon vor Überflutungen geplagt war." Das Wissen über die Gefahren sei vorhanden, doch es sei stets ein mühsamer Prozess, dieses auch im Bewusstsein der Menschen zu verankern.

Für zusätzliche Brisanz in der aktuellen Katastrophe hatte der Techniker Giampaolo Guliani gesorgt. Er hatte auf Grundlage seiner Messungen von austretendem Radongas ein großes Erdbeben in der Region für den 29. März vorhergesagt, eine Woche vor dem tatsächlichen Ereignis. Vom italienischen Katastrophenschutz wurde er zurückgewiesen und wegen Verbreitung falschen Katastrophenalarms angezeigt. "Hobbyforscher wie Guliani haben zwar die Sicherheit der Menschen zum Anliegen, ihr Beitrag ist jedoch kontraproduktiv. Die Entscheidung der Behörden ist somit richtig gewesen", so das Urteil des deutschen Geophysikers. Eine Vorhersage, die allein auf einem Parameter beruhe, sei kaum zuverlässig und könne nachhaltigen Schaden anrichten. Denn bleiben angekündigte Naturereignisse wie Erdbeben oder der Ausbruch eines Vulkans aus, werde damit das Vertrauen einer evakuierten Bevölkerung in die Maßnahmen zur Katastrophenvorsorge erheblich gestört, was zum Zusammenbruch des Risikomanagements führen kann.

Eine Mobile Einsatzgruppe des Potsdamer GFZ installiert derzeit in der Erdbebenregion Geräte zur Aufzeichnung der Nachbeben. "Solche Messungen versuchen zu erheben, was im Untergrund genau passiert ist. Sie lokalisieren die auftretenden Nachbeben, denn diese zeichnen die gebrochene Fläche im Untergrund ab, viel exakter als dies mit Daten aus den nationalen und internationalen seismologischen Netzwerken möglich wäre", so Lühr. Wichtig ist diese Information unter anderem für das Verständnis des Bruchprozesses sowie auch für die Vorhersage starker Nachbeben, die mit abschwächender Stärke auch noch Monate nach dem Hauptbeben auftreten können. "Starke Nachbeben können eine Magnitude von einem Grad unter dem Hauptbeben erreichen und daher auch noch erheblichen Schaden an der vorgeschädigten Bausubstanz anrichten. Ihre Vorhersage kann auch Helfer rechtzeitig warnen", so der Potsdamer Geophysiker.

Johannes Pernsteiner | pressetext.deutschland
Weitere Informationen:
http://www.gfz-potsdam.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Neues Forschungsspecial zu Meeren, Ozeanen und Gewässern
18.01.2017 | Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg

nachricht Wasser - der heimliche Treiber des Kohlenstoffkreislaufs?
17.01.2017 | Max-Planck-Institut für Biogeochemie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Im Focus: Traffic jam in empty space

New success for Konstanz physicists in studying the quantum vacuum

An important step towards a completely new experimental access to quantum physics has been made at University of Konstanz. The team of scientists headed by...

Im Focus: Textiler Hochwasserschutz erhöht Sicherheit

Wissenschaftler der TU Chemnitz präsentieren im Februar und März 2017 ein neues temporäres System zum Schutz gegen Hochwasser auf Baumessen in Chemnitz und Dresden

Auch die jüngsten Hochwasserereignisse zeigen, dass vielerorts das natürliche Rückhaltepotential von Uferbereichen schnell erschöpft ist und angrenzende...

Im Focus: Wie Darmbakterien krank machen

HZI-Forscher entschlüsseln Infektionsmechanismen von Yersinien und Immunantworten des Wirts

Yersinien verursachen schwere Darminfektionen. Um ihre Infektionsmechanismen besser zu verstehen, werden Studien mit dem Modellorganismus Yersinia...

Im Focus: How gut bacteria can make us ill

HZI researchers decipher infection mechanisms of Yersinia and immune responses of the host

Yersiniae cause severe intestinal infections. Studies using Yersinia pseudotuberculosis as a model organism aim to elucidate the infection mechanisms of these...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

Künftige Rohstoffexperten aus aller Welt in Freiberg zur Winterschule

18.01.2017 | Veranstaltungen

Bundesweiter Astronomietag am 25. März 2017

17.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Flashmob der Moleküle

19.01.2017 | Physik Astronomie

Tollwutviren zeigen Verschaltungen im gläsernen Gehirn

19.01.2017 | Medizin Gesundheit

Fraunhofer-Institute entwickeln zerstörungsfreie Qualitätsprüfung für Hybridgussbauteile

19.01.2017 | Verfahrenstechnologie