Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Der Schutzschild bröckelt

09.02.2016

In den letzten 20 Jahren sind viele Schelfeise der Antarktis kleiner geworden oder ganz verschwunden. Dadurch hat sich die Fließgeschwindigkeit zahlreicher antarktischer Gletscher vervielfacht, was zum Anstieg des Meeresspiegels beiträgt. Dr. Johannes Fürst vom Institut für Geographie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) konnte mit einem komplexen Rechenmodell erstmals zeigen, wann genau das Schelfeis seine wichtige Stützfunktion verliert. Zusammen mit französischen Antarktis-Experten des Laboratoire de Glaciologie et Géophysique de l'Environnement (LGGE) in Grenoble hat Fürst die Ergebnisse seiner Forschung in der Zeitschrift Nature Climate Change* veröffentlicht.

Die Antarktis ist von riesigen Schelfeisflächen umgeben. Die größte, das Ross-Schelfeis, hat etwa die Fläche Spaniens. Diese Schelfeise sind mehrere Hundert Meter dick, schwimmen auf dem Meer und ragen haushoch aus dem Wasser.


Kalbungsfront des Fleming Glaciers: Deutlich ist die hohe Kalbungsaktivität nach dem Schelfeis-Zusammenbruch zu erkennen.

Bild: Matthias Braun

Dabei sind sie fest verbunden mit den Gletschern und Eisströmen auf dem antarktischen Festland. Normalerweise fließt das Eis dieser Gletscher mit gleichmäßiger Geschwindigkeit bergab und schiebt das Schelfeis vor sich her. An den Rändern der Schelfeise brechen immer wieder große Stücke ab und treiben als Eisberge aufs Meer hinaus. Dieser Eismassenverlust wird durch das Nachfließen der Landeismasse zumeist wieder ausgeglichen. So war es jedenfalls Tausende von Jahren lang.

Schelfeisrückgang seit 1995

In den letzten 20 Jahren beobachten Wissenschaftler jedoch einen fortschreitenden Zerfall der Schelfeise auf der antarktischen Halbinsel. 1995 kam es zum vollständigen Verlust des Larsen-A-Schelfeises mit einer Fläche von der Größe Berlins. Sieben Jahre später zerbrach das um ein Vielfaches größere Larsen-B-Schelfeis. Dieser Zerfall hatte zwar kaum direkte Auswirkungen auf die Höhe des Meeresspiegels, da Schelfeis zum größten Teil bereits im Wasser schwimmt.

Allerdings flossen die angrenzenden Gletscher nach dem Zusammenbruch von Larsen A und B bis zu achtmal so schnell ins Meer. „Im Gegensatz zur Situation auf Grönland nimmt das Festlandeis in der Westantarktis nicht deshalb ab, weil es schmilzt. Dafür ist es viel zu kalt“, erklärt Johannes Fürst. „Es nimmt ab, weil dort die Gletscher schneller ins Meer fließen als noch vor 20 Jahren. Wir bezeichnen das als dynamischen Verlust.“

Langfristiger Anstieg des Meeresspiegels

Würden die Schelfeise rund um die Antarktis zusammenbrechen, dann würde das zu einem rasanten dynamischen Verlust der Landeismasse und damit zu einem langfristig erhöhten Beitrag der Antarktis zum Anstieg des Meeresspiegels führen. Johannes Fürst hat sich deshalb in den letzten Jahren – zunächst noch am LGGE in Grenoble gemeinsam mit den dortigen Glaziologen – mit der Frage beschäftigt, wie die Größe der Schelfeise die Dynamik der dahinterliegenden Gletscher beeinflusst: „Da die Schelfeise durch das Kalben permanent riesige Eismengen verlieren, ist es entscheidend zu wissen, wie weit ein Rückgang der Eiskanten fortschreiten darf, ehe sie ihre Stützfunktion verlieren.“

Westantarktis besonders gefährdet

Das in Frankreich (LGGE) und Finnland (CSC) entwickelte Eisfluss-Modell Elmer/Ice wurde mit einer Fülle von Messdaten zur Eisdicke und zur Fließgeschwindigkeit der Gletscher und Schelfeise der Antarktis gespeist, letztere unter Einbeziehung von ESA-Satellitenbildern.

Damit konnte Fürst errechnen, dass nur etwa 13 Prozent der gesamten Schelfeisoberfläche aus passivem Eis bestehen: „Unter passivem Eis verstehen wir den Anteil der schwimmenden Eismasse, der keine zusätzliche Stützfunktion hat. Er könnte also durch Kalben wegbrechen, ohne dass sich die Fließgeschwindigkeit der Gletscher umgehend erhöht.“

Auffällig sind vor allem die großen regionalen Unterschiede: Entlang der Küste von Königin-Maud-Land, wo sich auch die deutsche Neumayer-Station befindet, haben die Schelfeise einen relativ großen Anteil an passivem Schelfeis. Sie sind also noch sehr stabil. In der Bellingshausen- und Amundsen-See ist der Anteil des passiven Eises jedoch viel geringer und fehlt an manchen Stellen fast vollständig.

Johannes Fürst: „Wir erwarten, dass dort ein weiterer Schelfeisrückgang unmittelbare Konsequenzen hat und zu einem verstärkten Eisausfluss vom Festland führt. Das ist deshalb sehr besorgniserregend, weil wir in dieser Region bereits seit zwei Jahrzehnten eine auffällig schnelle Dickenabnahme der Schelfeise und einen dynamischen Eisverlust im Landesinneren beobachten.“

*Nature Climate Change: The safety band of Antarctic ice shelves, Johannes Jakob Fürst, Gaël Durand, Fabien Gillet-Chaulet, Laure Tavard, Melanie Rankl, Matthias Braun and Olivier Gagliardini. DOI: http://dx.doi.org/10.1038/NCLIMATE2912

Weitere Informationen:
Dr. Johannes Fürst
Tel.: 09131/85-22680
johannes.fuerst@fau.de

Dr. Susanne Langer | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.fau.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Expedition ans Ende der Welt
29.11.2016 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Lakkolithe können auch während eines Vulkanausbruchs entstehen
24.11.2016 | Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Im Focus: Neuer Sensor: Was im Inneren von Schneelawinen vor sich geht

Ein neuer Radarsensor erlaubt Einblicke in die inneren Vorgänge von Schneelawinen. Entwickelt haben ihn Ingenieure der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Christoph Baer und Timo Jaeschke gemeinsam mit Kollegen aus Innsbruck und Davos. Das Messsystem ist bereits an einem Testhang im Wallis installiert, wo das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Winter 2016/17 Messungen damit durchführen möchte.

Die erhobenen Daten sollen in Simulationen einfließen, die das komplexe Geschehen im Inneren von Lawinen detailliert nachbilden. „Was genau passiert, wenn sich...

Im Focus: Neuer Rekord an BESSY II: 10 Millionen Ionen erstmals bis auf 7,4 Kelvin gekühlt

Magnetische Grundzustände von Nickel2-Ionen spektroskopisch ermittelt

Ein internationales Team aus Deutschland, Schweden und Japan hat einen neuen Temperaturrekord für sogenannte Quadrupol-Ionenfallen erreicht, in denen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

Die Perspektiven der Genom-Editierung in der Landwirtschaft

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Parkinson-Krankheit und Dystonien: DFG-Forschergruppe eingerichtet

02.12.2016 | Förderungen Preise

Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave

02.12.2016 | Studien Analysen

Nach der Befruchtung übernimmt die Eizelle die Führungsrolle

02.12.2016 | Biowissenschaften Chemie