Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Die hängenden Gärten von Linosa

19.10.2006
Riffbildende Korallen sind im Mittelmeer viel weiter verbreitet, als Wissenschaftler bisher angenommen hatten.

Eine dreiwöchige Expedition unter der Leitung von Prof. Dr. André Freiwald vom Institut für Paläontologie der Universität Erlangen-Nürnberg hat vor der Küste von Malta, im Tyrrhenischen und Ionischen Meer und in der Adria nicht nur fossile Korallensiedlungen aufgesucht, die Rückschlüsse auf frühere klimatische Bedingungen erlauben.


Die Gelbe Baumkoralle Dendrophyllia cornigera wird von zwei Krebsen bewacht. Foto: Marum, Universität Bremen

Das Team auf dem Forschungsschiff Meteor dokumentierte darüber hinaus mehrere lebende Vorkommen, und zwar um so häufiger, je näher die Zone im Adriatischen Meer rückte, in der Tiefenwasser gebildet wird. Prof. Freiwald spricht deshalb der Meeresbucht, die Italien von der Balkanhalbinsel trennt, das "gewaltige Potential eines evolutiven Hotspots" zu.

Tiefseeriffe galten seit dem Ende der letzten Eiszeit im Mittelmeer als nahezu ausgestorben. Zuvor fanden die Korallen höchstwahrscheinlich kühleres und nährstoffreicheres Wasser vor, also Lebensbedingungen, wie sie im heutigen Nordatlantik vorherrschen. Vor Beginn der Reise waren nur zwei Lebendvorkommen der ansonsten weltweit verbreiteten Steinkoralle Lophelia pertusa bekannt.

... mehr zu:
»Koralle »Linosa »Mittelmeer

Bereits auf den ersten Stationen vor Malta und in der Straße von Sizilien gelang es der Meteor-Besatzung, diese Zahl auf fünf zu erhöhen. Der schwer zugängliche, geschützte Lebensraum, den Lophelia-Korallen im Mittelmeer offenbar bevorzugen, macht es verständlich, dass sie so lange verborgen geblieben sind. Die zerklüftete Unterwasserwelt mit engen Schluchten, Steilwänden, Kaminen und Überhängen wäre ohne den Tauchroboter Quest nicht zu erkunden gewesen.

Besonders spektakuläre Bilder sandte der Roboter in der Nähe der Insel Linosa zur Oberfläche. Im Bereich von 500 bis 1000 Meter unter Wasser bot sich der fantastische Anblick von versteinerten Tiefwasserkorallen und Teilen von konservierten Begleitorganismen wie Tiefsee-Austern, die sich vor Tausenden von Jahren "kopfüber" an Gesteinsdecken in Spalten und Höhlen festgesetzt hatten und später zu meterbreiten Galerien angewachsen waren. An den Unterseiten dieser Formation, die auf den Namen "Hängende Gärten von Linosa" getauft wurde, waren zudem lebende Exemplare der Weißen Lophelia nachzuweisen. Ähnlichen Strukturen begegneten die Forscher danach mehrfach, zuletzt an vertikal abfallenden Wänden in einem Unterwasser-Canyon bei Bari in der Adria.

Hier waren es jedoch lebende Korallenökosysteme, die von einer Strömung aus sauer- und nährstoffreichem Tiefenwasser profitieren. Die höchste Artenvielfalt und Biomasse, die auf der Reise angetroffen wurde, fand sich in diesen Kolonien. Die adriatische Tiefenwasserquelle nutzt vermutlich auch dem ausgedehnten Riffgebiet vor Apulien im Ionischen Meer, das bereits seit sechs Jahren bekannt ist. Die apulischen Korallen wachsen an den strömungsexponierten Flanken von Hängen, wo sich mit der Zeit Riffschutthaufen ansammeln.

Anders sieht es auf dem Meeresboden im östlichen Tyrrhenischen Meer aus, wo unterseeische Vulkane den Lebensraum bestimmen. Hier gab es vor allem interessante hydrothermale Strukturen und fossile schwarze Raucher zu erforschen. Lophelia-Vorkommen sind dort nur abgestorben und in harte Untergründe eingebacken vorzufinden. Stattdessen treten Schwämme und die große gelbe Baumkoralle auf, die meist einzeln siedelt und nur selten Kolonien bildet.

Erschreckend deutlich traten beim näheren Augenschein die Eingriffe des Menschen zu Tage. Riffe wurden durch den Einsatz von Schleppnetzen und Langleinen "umgemäht", Plastikmüll hat sich in den verästelten Zweigen von Korallen verfangen, und verlorenes Fischereigerät sammelt sich auf den vulkanischen Erhebungen. Der Meeresgrund, obwohl noch weitgehend unbekanntes Gelände, zeigt bereits unverkennbare Zivilisationsschäden.

Die Ausfahrt der Meteor ist Teil des EU-Forschungsprojekts Hermes (Hotspot Ecosystem Research on the Margins of European Seas), an dem 45 Partner aus 15 europäischen Ländern beteiligt sind. Auf der Mittelmeer-Expedition waren Wissenschaftler und Techniker der Universitäten Bremen und Göttingen, des IFM-Geomar in Kiel, des Senckenberg Instituts sowie Projektpartner aus Aberdeen, Brest, Bologna, Mailand und Triest mit an Bord.

Die letzten beiden Tage der Fahrt galten einem anderen Projekt: einer Studie zur Vorbereitung des geplanten Unterwasserneutrinoteleskops in Zusammenhang mit dem europäischen KM3NeT-Projekt, das an der Universität Erlangen-Nürnberg koordiniert wird.

Weitere
Informationen für die Medien:
Prof. Dr. André Freiwald
Lehrstuhl für Paläontologie
Tel.: 09131/85-26959
andre.freiwald@pal.uni-erlangen.de

Ute Missel | idw

Weitere Berichte zu: Koralle Linosa Mittelmeer

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht GRACE Follow-On erfolgreich gestartet: Das Satelliten-Tandem dokumentiert den globalen Wandel
23.05.2018 | Helmholtz-Zentrum Potsdam - Deutsches GeoForschungsZentrum GFZ

nachricht PM des MCC: CO2-Entzug aus Atmosphäre für 1,5-Grad-Ziel unvermeidbar
23.05.2018 | Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) gGmbH

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: GRACE Follow-On erfolgreich gestartet: Das Satelliten-Tandem dokumentiert den globalen Wandel

Die Satellitenmission GRACE-FO ist gestartet. Am 22. Mai um 21.47 Uhr (MESZ) hoben die beiden Satelliten des GFZ und der NASA an Bord einer Falcon-9-Rakete von der Vandenberg Air Force Base (Kalifornien) ab und wurden in eine polare Umlaufbahn gebracht. Dort nehmen sie in den kommenden Monaten ihre endgültige Position ein. Die NASA meldete 30 Minuten später, dass der Kontakt zu den Satelliten in ihrem Zielorbit erfolgreich hergestellt wurde. GRACE Follow-On wird das Erdschwerefeld und dessen räumliche und zeitliche Variationen sehr genau vermessen. Sie ermöglicht damit präzise Aussagen zum globalen Wandel, insbesondere zu Änderungen im Wasserhaushalt, etwa dem Verlust von Eismassen.

Potsdam, 22. Mai 2018: Die deutsch-amerikanische Satellitenmission GRACE-FO (Gravity Recovery And Climate Experiment Follow On) ist erfolgreich gestartet. Am...

Im Focus: Faserlaser mit einstellbarer Wellenlänge

Faserlaser sind ein effizientes und robustes Werkzeug zum Schweißen und Schneiden von Metallen beispielsweise in der Automobilindustrie. Systeme bei denen die Wellenlänge des Laserlichts flexibel einstellbar ist, sind für spektroskopische Anwendungen und die Medizintechnik interessant. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien (Leibniz-IPHT) haben, im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekts „FlexTune“, ein neues Abstimmkonzept realisiert, das erstmals verschiedene Emissionswellenlängen voneinander unabhängig und zeitlich synchron erzeugt.

Faserlaser bieten im Vergleich zu herkömmlichen Lasern eine höhere Strahlqualität und Energieeffizienz. Integriert in einen vollständig faserbasierten...

Im Focus: LZH zeigt Lasermaterialbearbeitung von morgen auf der LASYS 2018

Auf der LASYS 2018 zeigt das Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) vom 5. bis zum 7. Juni Prozesse für die Lasermaterialbearbeitung von morgen in Halle 4 an Stand 4E75. Mit gesprengten Bombenhüllen präsentiert das LZH in Stuttgart zudem erste Ergebnisse aus einem Forschungsprojekt zur zivilen Sicherheit.

Auf der diesjährigen LASYS stellt das LZH lichtbasierte Prozesse wie Schneiden, Schweißen, Abtragen und Strukturieren sowie die additive Fertigung für Metalle,...

Im Focus: Achema 2018: Neues Kamerasystem überwacht Destillation und hilft beim Energiesparen

Um chemische Gemische in ihre Einzelbestandteile aufzutrennen, ist in der Industrie die energieaufwendige Destillation gängig, etwa bei der Raffinerie von Rohöl. Forscher der Technischen Universität Kaiserslautern (TUK) entwickeln ein Kamerasystem, das diesen Prozess überwacht. Dabei misst es, ob es zu einer starken Tropfenbildung kommt, was sich negativ auf die Trennung der Komponenten auswirken kann. Die Technik könnte hier künftig automatisch gegensteuern, wenn sich Messwerte ändern. So ließe sich auch Energie einsparen. Auf der Prozesstechnik-Messe Achema in Frankfurt stellen sie die Technik vom 11. bis 15. Juni am Forschungsstand des Landes Rheinland-Pfalz (Halle 9.2, Stand A86a) vor.

Bei der Destillation werden Flüssigkeiten durch Verdampfen und darauffolgende Kondensation des Dampfes in ihre Bestandteile getrennt. Ein bekanntes Beispiel...

Im Focus: Vielseitige Nanokugeln: Forscher bauen künstliche Zellkompartimente als molekulare Werkstatt

Wie verleiht man Zellen neue Eigenschaften ohne ihren Stoffwechsel zu behindern? Ein Team der Technischen Universität München (TUM) und des Helmholtz Zentrums München veränderte Säugetierzellen so, dass sie künstliche Kompartimente bildeten, in denen räumlich abgesondert Reaktionen ablaufen konnten. Diese machten die Zellen tief im Gewebe sichtbar und mittels magnetischer Felder manipulierbar.

Prof. Gil Westmeyer, Professor für Molekulare Bildgebung an der TUM und Leiter einer Forschungsgruppe am Helmholtz Zentrum München, und sein Team haben dies...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

22. Business Forum Qualität: Vom Smart Device bis zum Digital Twin

22.05.2018 | Veranstaltungen

48V im Fokus!

21.05.2018 | Veranstaltungen

„Data Science“ – Theorie und Anwendung: Internationale Tagung unter Leitung der Uni Paderborn

18.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Rotierende Rugbybälle unter den massereichsten Galaxien

23.05.2018 | Physik Astronomie

Invasive Quallen: Strömungen als Ausbreitungsmotor

23.05.2018 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Matrix-Theorie als Ursprung von Raumzeit und Kosmologie

23.05.2018 | Physik Astronomie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics