Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Hitzeschock am Nordpol

06.09.2004


Vor 55 Millionen war der Arktische Ozean an die 20 Grad Celsius warm und eisfrei! Diese Entdeckung machten jetzt Wissenschaftler der internationalen ACEX-Expedition (Arctic Coring Expedition = Arktische Bohrexpedition). Wissenschaftler mehrerer Disziplinen erbohren derzeit unter Einsatz von drei Eisbrechern in der Nähe des Nordpols Ablagerungen am Grund des Arktischen Ozeans. In etwa 390 Metern unter dem Meeresboden fand das internationale Forscherteam aus acht Nationen Überreste winziger Meeresalgen, die an solch subtropische Temperaturen angepasst waren. Andere Mikroorganismen im Sediment zeugen von heftigen biologischen Umwälzungen im arktischen Ozean und vom plötzlichen Aussterben vieler Meeresorganismen. ACEX wird von britischen, schwedischen und deutschen Forschungseinrichtungen im Rahmen des Integrierten Ozeanbohr-Programms (IODP) durchgeführt. Die Arbeiten am Nordpol werden am heutigen Montag abgeschlossen.



Seit Mitte August sind drei Eisbrecher etwa 250 Kilometer vom Nordpol entfernt im Einsatz, um die 410 Meter mächtigen Ablagerungen am Meeresboden zu durchbohren. Immer wieder behinderten meterdicke Treibeisschollen die Arbeiten. In den letzten Tagen zeigten sich Wind und Wetter jedoch gnädig. Das Team konnte die Sedimente komplett durchbohren und erreichte das darunter liegende, rund 80 Millionen Jahre alte Gestein des Lomonossow-Rückens. Dieser 1.500 Kilometer lange untermeerische Gebirgsrücken war einst Teil des eurasischen Kontinents; heute erstreckt er sich von Grönland bis Sibirien mitten durch das arktische Becken.



"Vor 55 Millionen Jahren, an der erdgeschichtlichen Grenze von Paläozan und Eozän, herrschten auf der Erde extreme Treibhausbedingungen - auch in der Arktis, wie wir jetzt wissen," sagt Expeditionsleiter Prof. Jan Backmann von der Universität Stockholm mit Blick auf die jetzt gefundenen subtropischen Meeresalgen. "Auf der Basis unserer vorläufigen Befunde müssen wir die frühe Geschichte des Arktischen Beckens ganz neu bewerten. Offensichtlich war das Klima damals wechselhafter als wir bislang angenommen haben."

An Bord der Eisbrecher konnte das Wissenschaftlerteam nur wenige Sedimentproben untersuchen. Anfang November treffen sich daher etwa 35 ACEX-Wissenschaftler in Bremen, um das arktische Klimapuzzle vollständig zu entschlüssen. Im Bohrkernlager der Universität werden die Sedimentkerne geöffnet und analysiert. Mit weiteren spannenden Ergebnissen ist zu rechnen: "In unseren Proben finden wir nämlich auch Anzeichen für ein Massensterben im Meer, das sich vor 55 Millionen Jahren ereignete", erklärt Dr. Michael Kaminski vom University College, London. "Die mehr als 55 Millionen Jahre alten Ablagerungen aus der Epoche des Paläozäns deuten auf ein reiches Ökosystem am Meeresboden hin. Kurz darauf, im Eozän, sind viele Arten verschwunden. Nur einige robuste Organismen überstanden den Wärmeschock am Nordpol."

Die knapp 10 Millionen Euro teure arktische Bohrexpedition wird im Rahmen des prestigeträchtigen Integrierten Ozeanbohr-Programms (IODP = Integrated Ocean Drilling Program) durchgeführt, an dem die USA, Japan und 14 europäische Nationen beteiligt sind. Damit werden durch Bohrungen im Weltozean u.a. die Klima- und Umweltgeschichte unseres Planeten erforscht. Ob deutsche Wissenschaftler indes auch zukünftig an seiner Erfolgsgeschichte mitschreiben werden, ist derzeit ungewiss: "Das Bundesforschungsministerium zögert, den zugesagten IODP-Bundesanteil in Höhe von 1,75 Millionen Euro für 2005 zur Verfügung zu stellen", sagt Dr. Hermann-Rudolf Kudrass, der an der Bundesanstalt für Geowissenschaften Hannover den deutschen IODP-Beitrag koordiniert. "Damit wird der europäische Beitrag zum Integrierten Ozeanbohr-Programm insgesamt gefährdet."

Kontakte:

Albert Gerdes
Forschungszentrum Ozeanränder Bremen
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel. 0172 - 43 77 986
Mail: agerdes@marum.de

Dr. Hermann-Rudolf Kudrass
Bundesanstalt für Geowissenschaften
und Rohstoffe, Hannover
Tel. 0511 - 643-2790
Mail: kudrass@bgr.de

Albert Gerdes | idw
Weitere Informationen:
http://www.iodp.de
http://www.ozeanraender.de

Weitere Berichte zu: Ablagerung Meeresboden Nordpol Ozean Ozeanbohr-Programm

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Der steile Aufstieg der Berner Alpen
24.03.2017 | Universität Bern

nachricht Internationales Team um Oldenburger Meeresforscher untersucht Meeresoberfläche
21.03.2017 | Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise